Innovation

Stendaler erfinden neue Corona-Schutzwand

Mittels Luftströmung sollen Menschen vor dem Coronavirus geschützt werden. Ein Verfahren haben drei Stendaler entwickelt.

Von Donald Lyko 14.02.2021, 00:01

Stendal l Vom Corona-Lockdown ist auch das Stendaler Repair-Café betroffen. Besucherverkehr wie sonst zur wöchentlichen Öffnungszeit am Dienstagnachmittag ist aktuell nicht möglich. Diese Situation hat Dietrich Zosel, Reza Gharehdaghi und Klaus Marquardt nicht nur Zeit für ihre technische Tüftelei geboten, sondern auch Anstoß und Motivation für ihr Vorhaben.

Ihre Überlegung: Mit welcher Technik können wir Personen schützen, die sich zum Beispiel an einer Ladentheke, im Schulzimmer oder eben im Repair-Café begegnen? Auch wenn eine Plexiglasscheibe gewissen Schutz bietet, aus Sicht der drei Techniker ist das nicht die optimalste Lösung. Denn die Viren werden beim Auftreffen auf die Scheibe nur im Raum verteilt oder bleiben an der Scheibe haften, werden aber nicht zerstört. Darum stand für ihr Vorhaben eine Frage ganz oben: Wie können die Viren unschädlich gemacht werden?

Ganz neu erfinden mussten sie das Rad dafür nicht. Sie haben aber Bekanntes neu zusammengefügt und so Innovatives geschaffen. „Die Desinfektion von Flächen mit UVC-Strahlung gibt es schon seit Jahren“, erklärt Dietrich Zosel. Auch die Luftdesinfektion via UVC-Lampe ist bekannt. Das Prinzip, dass ein Gebläse den Luftaustausch verhindert, kennen viele aus dem Eingangsbereich von Kaufhäusern.

Und so funktioniert die sogenannte Luftschranke aus dem Stendaler Repair-Café, die Schutz durch Strömung bietet als eine Art „Luftwand“: In der Höhe, in der Regel an der Zimmerdecke, wird das Gehäuse angebracht, in dem sich ein Gebläse und die UVC-Lampen befinden. Im Prototyp sind es vier dieser Lampen. Der Kasten saugt über einen daran befestigten Trichter die Luft darunter an. Dann wird diese im Kasten von den Lampen „gereinigt“, Viren und Bakterien werden zerstört. Über einen Schlauch wird die aufbereitete Luft unterhalb des Ansaugtrichters wieder ausgestoßen – durch einen kleinen Spalt, zum Beispiel zwischen zwei Tischen oder an einer Ladentheke, wobei die Breite des Spaltes abhängig vom Schlauchdurchmesser ist. Zwischen dem Ansaugen oben und dem Ausstoßen unten entsteht die Luftbarriere. Durch die Bewegung der Luft wird verhindert, dass die Aerosole des einen Gesprächspartners zum Gegenüber gelangen können, denn sie werden abgefangen und zur „Reinigung“ befördert.

Eine solche Technik könnte zum Beispiel in einem Geschäft zum Einsatz kommen, wenn die Verkäuferin auf der einen Seite und der Kunde auf der anderen steht. Wenn sie sich direkt gegenüberstehen, reiche eine solche Schranke aus, erklärt Dietrich Zosel.

Sollte sie aber im Klassenzimmer angewandt werden, müsste für den Lehrer ein geschlossener Absaugraum geschaffen werden. Heißt: Nach vorn zur Klasse könnte dieser Raum offen und mit der Luftschranke geschützt sein, die Schüler würden den Lehrer verstehen. Die Seiten müssten aber anders geschützt werden, um einen Luftaustausch zu verhindern. Für Schulen sei dieser technische Ansatz dennoch besser, als alle 20 Minuten zum Stoßlüften die Fenster zu öffnen – allein schon wegen des Energieverbrauchs.

„Mit diesem System könnten alle kleinen Geschäfte wieder öffnen“, sagt Dietrich Zosel. Darum würden er und seine Mitstreiter sich freuen, wenn es viele Nachahmer und vor allem Nachbauer geben würde. „Wir könnten es zum Patent anmelden, aber das möchten wir nicht“, sagt Dietrich Zosel. Vielmehr sollten alle von ihrer Erfindung profitieren.

Was sie aber haben, ist eine sogenannte CC-Lizenz. Die Abkürzung steht für die englischen Wörter Creative Commons, übersetzt schöpferisches Gemeingut. In der Praxis bedeutet das: Jeder kann es nachbauen, es muss aber der Name Dietrich Zosel als Urheber der technischen Idee genannt werden. Es gehe ihnen nicht um ein Patent, sondern darum, dass Menschenleben gerettet werden.

Die drei Tüftler haben für ihren Prototyp verwendet, was sie zur Hand hatten – ganz im Sinne des Repair-Cafés, das dafür eintritt, nicht alles gleich wegzuwerfen. Und so wurde aus einem alten Radiogehäuse der Kasten für Gebläse und UVC-Lampen. Das Gebläse selbst gehörte einst in einem Computer. Und der Schlauch sorgte in seinem ersten Einsatzleben für einen sauberen Swimmingpool. Einige kleinere Teile haben sie mit dem 3D-Drucker angefertigt.

Wer sich für das Luftschranken-Verfahren interessiert, kann im Repair-Café, Tangermünder Straße 4, vorbeischauen. In der Regel ist werktags zwischen 10 und 12 Uhr einer der Ehrenamtlichen vor Ort. „Wir erklären dann gern die Bauanleitung, gebaut werden muss es aber selbst“, so Zosel.