Gebietsfremd, aber schon eingelebt

Invasive Arten sind gebietsfremde Tiere oder Pflanzen, die die heimische Flora und Fauna gefährden. Da sie hier ungestört und ohne natürliche Feinde leben können, haben sie sich rasant ausgebreitet – auch im Landkreis Stendal. Allerdings tragen sie nicht zu einer vergrößerten Artenvielfalt bei. Ganz im Gegenteil: Sie schädigen die heimischen Arten. Die invasiven Arten nehmen den Lebensraum der Heimischen ein, bedrohen sie, fressen deren Nahrung und verdrängen sie schlussendlich.

Laut Bundesamtes für Naturschutz haben sich zirka 450 fremde Pflanzen in Deutschland etabliert. Davon gelten zirka zehn Prozent als invasiv. Insgesamt sollen zirka 12 000 gebietsfremde Gefäßpflanzenarten nach Deutschland eingeführt worden sein.

In Deutschland kommen mittlerweile mindestens 1149 gebietsfremde Tierarten vor. Davon gelten 264 als etabliert, wovon die meisten zu den Wirbellosen zählen.

Arten, die vor 1492 (Entdeckung Amerikas) eingebracht wurden, werden als Archäozoen und Archäophyten bezeichnet, nach 1492 eingeführte Arten als Neozoen und Neophyten.

Stendal l Die einen haben sich als nützlich etabliert, die invasive Arten sind eine Gefahr für die Menschen. Einige der Tiere und Pflanzen können gefährliche Krankheiten übertragen oder auslösen. Die negativen Auswirkungen sind auch in der Wirtschaft bemerkbar. „Der Waschbär ist Wirt eines Parasiten, der Zoonosepotenzial hat, also auch den Menschen infizieren kann“, sagt Kreissprecher Edgar Kraul. Der Waschbärspulwurm gelangte mit dem Waschbären von Amerika nach Europa.

Mindestens 18 invasive Arten

Laut Umweltministerium leben in Sachsen-Anhalt mittlerweile 18 invasive Arten. Zu diesen zählen der Nutria, der Marderhund und das Mink. Zehn dieser Arten gelten als weit verbreitet und häufig. Sie sind auch im Landkreis Stendal zu finden, sagt Kraul. Darüber hinaus gibt es die Chinesische Wollhandkrabbe, den Kamberkrebs und die Nilgans. Der Naturschutzbund (Nabu) nennt noch folgende Pflanzen: Japanischer Knöterich, Bocksdorn und Drüsiges Springkraut.

Viele Tiere fallen unter das Jagdrecht, darum ist eine gewisse Einordnung möglich. Die Jäger im Landkreis Stendal haben im vergangenen Jahr 4820 Waschbären, 112 Minks, 2752 Nutrias und 996 Marderhunde zur Strecke gebracht. Vor 20 Jahren befanden sich alle Arten noch im zweistelligen Bereich.

Bei vorsichtiger Schätzung hält das Veterinäramt des Landkreises Stendal eine Zahl von 20.000 bis 30.000 derzeit im Landkreis Stendal lebenden Waschbären für realistisch. Der Verbreitungsschwerpunkt liegt dabei deutlich in der Wische, im Raum Seehausen und Werben.

Adler-Horste vor Waschbär nicht sicher

Für die heimische Tier- und Pflanzenwelt sind invasive Tierarten eine große Gefahr. Sie konkurrieren mit den heimischen Arten um Nahrung und Lebensraum und sind zusätzliche Fressfeinde. Der Nabu sieht außerdem eine große Bedrohung darin, dass die invasiven Tierarten zusätzliche Beutegreifer sind. Sie räubern die Nester und Gelege von stark gefährdeten Vögeln, wie beispielsweise dem Rebhuhn und Kiebitz, aus, sagt Dr. Peter Neuhäuser, Vorsitzender des Nabu-Kreisverbandes Stendal. Auch Horste von Rotmilan, Seeadler oder Schwarzstorch sind nicht sicher, da Waschbären auch sehr gut klettern können.

Die 20.000 bis 30.000 Waschbären, die im Landkreis vorkommen sollen, werden auch für den Menschen zur Gefahr. Insbesondere der Waschbär, der einen Darmparasiten überträgt, der den Menschen befallen kann. Für Menschen zählt der Waschbärspulwurm zu den gefährlichsten Parasiten, da die Larven durch Wanderbewegung das Gewebe zerstören. Je nach Befallsort verursachen sie Organstörungen, wie beispielsweise Erblindung beim Eindringen in das Auge. Ein Befall des zentralen Nervensystems durch die Larve des Waschbärspulwurms endet in den meisten Fällen tödlich. Besonders gefährlich ist dieser Parasit für Kinder, da sie sich leicht beim Spielen im Garten und in Sandkästen infizieren können. Deswegen sollte man den eigenen Garten nicht freiwillig oder unfreiwillig zum Paradies für Waschbären machen, indem man sie füttert. Waschbären sind zwar süß und knuffig, aber eine Bedrohung für Mensch und Natur.

Eine weitere Gefahrenquelle ist der giftige Riesen-Bärenklau. Er ruft leichte bis massive Hautreaktionen hervor, die oft erst Stunden nach der Berührung mit der Pflanze sichtbar werden. Seine Gifte durchdringen Kleidung und werden an die Luft abgegeben, deswegen sind Atemnot und allergische, anhaltende Bronchitis als Reaktion möglich. Um die Ausbreitung des Riesen-Bärenklaus einzudämmen und ihn zu bekämpfen, gibt der Landkreis Stendal in diesem Jahr 5000 Euro aus.

Gezielte Bejagung geplant

Neben der Bekämpfung des Riesen-Bärenklaus werden auch andere Maßnahmen zur Eindämmung der invasiven Tiere und Pflanzen ergriffen. Sie konzentrieren sich vor allem darauf, die Schäden, die durch invasive Tiere und Pflanzen verursacht werden, einzudämmen und deren Ausbreitung zu verringern. Zum Schutz vor dem Waschbären soll beispielsweise an Bäumen, auf denen Vögel ihr Nest oder andere Tiere ihre Höhle haben, ein Kletterschutz angebracht werden. Gebiete, in denen gefährdete Tiere leben, sollen eingezäunt werden. In besonders betroffenen Gebieten ist auch eine gezielte Bejagung des Waschbären geplant.

Tiere wie Waschbär, Marderhund und Mink werden bejagt. Angaben des Landkreises zu Folge hat sich die jagdliche Strecke von zweistelligen Zahlen vor 20 Jahren beim Waschbären mehr als 200-facht.

Laut Ministerium für Landwirtschaft, Umweltschutz und Energie wurden im Jahr 2017 50.000 Euro zur Eindämmung der Ausbreitung invasiver Arten bereitgestellt, 2018 hat sich diese Zahl bereits verdoppelt. Dadurch soll die Bejagung der invasiven Tiere weiter intensiviert werden, sagt Ministeriumssprecherin Jenny Schwarz. Sie schätzt ein, dass die Arten wegen ihres jetzigen Ausbreitungsgrades nicht mehr komplett aus der hiesigen Natur entfernt werden können.