Hintergrund

Am 2. Oktober hat der Verein Soko Tierschutz angezeigt, dass es im Schlachtbetrieb Hohengöhrener Damm unhaltbare hygienische und tierschutzrechtliche Zustände gibt.

Der Landkreis führt am 4. Oktober eine unangemeldete Kontrolle durch und schließt den Betrieb vorerst. Drei Tierärzte und zwei Lebensmittelkontrolleure sind dabei. Der Inhaber ist ins Ausland abgereist.

In der ARD-Sendung Fakt wird am 9. Oktober einem Millionen-Publikum bekannt, dass es im Kreis Stendal einen kastastrophalen Schlachtbetrieb gibt. Friedrich Mülln von Soko Tierschutz wirft den Behörden Versagen vor. Schon im Fall des Milchbetriebs Demker im Mai 2018 sei kaum reagiert worden.

In der RTL-Sendung „Stern TV“ soll es am 17. Oktober wieder um einen von Soko Tierschutz aufgedeckten Fall gehen. Diesmal ein Schlachtbetrieb in Bad Iburg.

Hohengöhren/Stendal l In einem Video ist deutlich zu erkennen, wie eine Kuh mit einem Elektroschocker traktiert wird. Andere Fotos zeigen, wie nicht mehr gehfähige Kühe mit einer Winde aus einem Anhänger gezogen werden. Das Material wurde nach Angaben des Vereins Soko Tierschutz aus München in einem Schlachthof im Elb-Havel-Winkel in Hohengöhrener Damm aufgenommen.

Wie die Volksstimme vor zwei Wochen berichtete, hatte Soko Tierschutz die Behörden eingeschaltet, unter anderem das Umweltministerium in Magdeburg. Der Landkreis Stendal machte zwei Tage nach der Anzeige eine Kontrolle in dem Betrieb und hatte diesen vorläufig geschlossen. Nun erstattete der Landkreis Ende der vergangenen Woche Strafanzeige „wegen schwerwiegender Verstöße gegen den Tierschutz“, wie die Behörde auf ihrer Website mitteilte. Außerdem wurde beim Landesverwaltungsamt die Entziehung der EU-Zulassung zum Schlachten und Verarbeiten beantragt.

Soko Tierschutz übergab das Bildmaterial

„Das sind wichtige Schritte. Es ist gut, dass etwas passiert“, sagt Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz. Er hat sein Bildmaterial nicht nur dem Landkreis Stendal, sondern auch der Staatsanwaltschaft und dem Ministerium zukommen lassen.

Tierquälerei im Schlachthof

Hohengöhrener Damm (bb) l Der Verein Soko Tierschutz hat bei einem Schlachtbetrieb in Hohengöhrener Damm katastrophale Missstände ausgemacht. Mit versteckter Kamera wurden zahrleiche Misshandlungen dokumentiert.

  • Im Schlachthof in Hohengöhrener Damm (Landkreis Stendal) wird eine Kuh, die nicht mehr gehfähig ist, aus einem Anhänger mit einer Winde herausgeschleift. Foto: Friedrich Mülln/Soko Tierschutz

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  • Am Hinterbein wird die Kuh durch den Schlachthof gezogen. Selbst kann sich nicht mehr laufen. Foto: Friedrich Mülln/Soko Tierschutz

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  • Dicht gedrängt stehen die Kühe im Schlachthof in Hohengöhrener Damm (Landkreis Stendal) und warten darauf, getötet zu werden. Foto: Friedrich Mülln/Soko Tierschutz

    Dicht gedrängt stehen die Kühe im Schlachthof in Hohengöhrener Damm (Landkreis Ste...

  • An den Füßen zusammengebundenn musste diese Kuh auf die Abfertigung warten. Foto: Friedrich Mülln/Soko Tierschutz

    An den Füßen zusammengebundenn musste diese Kuh auf die Abfertigung warten. Foto: Fried...

  • Mit einem Elektroschocker bearbeitet dieser Mitarbeiter die eingepferchten Kühe. Foto: Friedrich Mülln/Soko Tierschutz

    Mit einem Elektroschocker bearbeitet dieser Mitarbeiter die eingepferchten Kühe. Foto: Fried...

  • Als

    Als "Zauberstab" wurde der Elektroschocker in dem Schlachbetrieb in Hohengöhrener Damm bezei...

  • Mit dem Elektroschocker haben es die Mitarbeiter auf die empfindliche Teile der Kühe abgesehen: Kopf, Augen, Nase, Euter und After. Foto: Friedrich Mülln/Soko Tierschutz

    Mit dem Elektroschocker haben es die Mitarbeiter auf die empfindliche Teile der Kühe abgeseh...

  • Die Kühe können sich in beengter Situation der Bearbeitung durch den Elektroschocker nicht entziehen. Foto: Friedrich Mülln/Soko Tierschutz

    Die Kühe können sich in beengter Situation der Bearbeitung durch den Elektroschocker ni...

  • Eine Kuh wird aus einem Anhänger gezogen. Selbst laufen kann sie nicht mehr. Foto: Friedrich Mülln/Soko Tierschutz

    Eine Kuh wird aus einem Anhänger gezogen. Selbst laufen kann sie nicht mehr. Foto: Friedrich...

Mülln hat seinerseits Anzeige gegen den Amtstierarzt des Landkreises erstattet. „Der hat eine Überwachungspflicht“, sagt Mülln. Diese Überwachung habe total versagt. Es gehe dabei nicht nur um den Schlachter, sondern auch um Transportunternehmen sowie weitere Veterinäre, die unter anderem sogenannte Lebendbeschauungen durchführen müssen.

Videos

Nach Angaben des Landkreises seien bei dem Betrieb schon bei Kontrollen im vergangenen Jahr Verstöße gegen Hygienevorschriften und Tierschutz festgestellt und sanktioniert worden.

Möglicherweise hat auch ein öffentlicher Druck den Landkreis zum Handeln veranlasst. Am vergangenen Dienstag war in der ARD-Sendung „Fakt“ über den Fall in Hohengöhrener Damm berichtet worden. Auch dort hatte Friedrich Mülln ein Versagen der Überwachung durch die Behörden moniert.

Ähnlicher Fall auch in Niedersachsen

Immerhin wurde diesmal schnell eingegriffen, anders als im Fall des Milchviehbetriebs in Demker. Mitte Mai hatte die Soko Tierschutz auch dort Missstände aufgedeckt und den Landkreis Stendal darüber informiert. Zunächst gab es nur den Hinweis, dass keine groben Verstöße festgestellt worden seien.

Der Landkreis hatte allerdings bereits zwischen 2014 und 2016 nach Kontrollen insgesamt vier Strafanzeigen gestellt, drei davon wurden eingestellt. Eine weitere Strafanzeige von Juni 2018 läuft noch.

Tierrechtler Friedrich Mülln hätte sich gerade von der Stendaler Staatsanwaltschaft ein energischeres Handeln gewünscht. „Wir haben in Niedersachsen in Bad Iburg einen Fall, da geht die Staatsanwaltschaft ganz anders zur Sache.“ Er sei von der Stendaler Staatsanwaltschaft bisher noch nicht einmal zum Fall Demker vernommen worden, den er vor fünf Monaten angezeigt hatte. In Bad Iburg habe es gleich eine Hausdurchsuchung gegeben. Im Fall des Schlachtbetriebs in Hohengöhrener Damm sei beispielsweise gar nicht klar, wohin die Schlachtabfälle gekommen seien.

Er habe mittlerweile herausgefunden, dass sowohl der Betrieb in Hohengöhrener Damm als auch der in Bad Iburg ihr Fleisch unter anderem an einen Betrieb in Bayern weiterverkauft haben, wo dieses dann unter anderem zur Hamburger-Produktion verwendet wurde.

Nach Recherchen des Münchner Tierschützers Mülln seien in Hohengöhrener Damm viele Tiere aus der unmittelbaren Nachbarschaft – also aus der Altmark – verarbeitet worden. Gesetzliche Vorschriften zur Tierbeseitigung hätten zu „kreativem Handeln“ bei Landwirten geführt, sagt er. Kaputte und verletzte Tiere sowie solche, die keine Nahrung mehr aufnehmen, werden über zwielichtige Schlachter noch veräußert. „Das ist ein Netzwerk“, sagt Mülln.