Stendal l Die Verdienste, Errungenschaften und Einflüsse des Stendaler Altertumsforschers Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) sind vielfach beschrieben worden, nicht zuletzt in den vielen Publikationen der in Stendal beheimateten Winckelmann-Gesellschaft. An seinem 300. Geburtstag, der am Sonnabend mit einem Festakt mit 250 Gästen in der Katharinenkirche begangen wurde, konnte eigentlich nur Altbekanntes vorgetragen werden.

Winckelmann als Inspirator des Bauhauses

Und doch gelang es insbesondere Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) mit der These, dass Winckelmann nicht nur Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und der Kunstgeschichte, sondern in gewisser Weise auch ein Wegbereiter des Bauhauses sei, für ein Stirnrunzeln zu sorgen. Er machte dies daran fest, dass Winckelmann Bekanntschaft mit dem Fürsten Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) gemacht hatte, der in Dessau-Wörlitz – ganz im Sinne Winckelmanns – ein Schloss im Stil des Klassizismus errichten ließ. Dieses wiederum soll dann auf die spätere Architektur des Bauhauses Einfluss gehabt haben. Moderator Ralf-Torsten Speler (Halle) fand die These Haseloffs schlüssig.

Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) fand den Schwenk ihres Parteikollegen dagegen „mutig“. In Anwesenheit derartig zahlreicher Winckelmann-Experten traue sie sich nach eigenen Worten keine eingehende Analyse des als Universalgenie zu bezeichnenden gebürtigen Stendalers zu. Sie selbst fasziniere an der Person, dass dieser sich im Spannungsfeld zwischen Kunst und Wissenschaft bewegt hätte. Sie brachte es auf eine einfache Formel: Künstler würden Fragen aufwerfen, wohingegen von der Wissenschaft Antworten verlangt werden.

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Ministerin lebt in Nitzow

Wanka erwähnte beiläufig, dass sie sich in der Altmark sesshaft gemacht habe „und dort auch nicht wieder weg möchte“. Die Bundesministerin hat ein altes Pfarrhaus in Havelberg-Nitzow saniert. Die 66-Jährige hatte für die Anwesenden im voll besetzten Musikforum einen zum Thema passenden Ausflugstipp. Man solle sich mal die Schöninger Speere in Helmstedt ansehen, diese würden zu den zehn bedeutendsten archäologischen Funden der Welt zählen, sagte sie. Winckelmann hätte es sicherlich gefallen, dass dieser Fund so dicht zu seinem Geburtsort gemacht wurde, vermutete die Bildungsministerin. Sie empfahl, die Person Winckelmann auch noch mehr touristisch zu nutzen.

Die Festgäste benötigten beim Festakt gehöriges Stehvermögen. Neben Grußworten und musikalischer Begleitung durch den Jütting-Stipendiaten Maximilian Schairer (München) gab es zahlreiche Kurzvorträge, die sich am Ende zu einer vierstündigen Veranstaltung aneinander reihten.

Viele internationale Gäste dabei

Für die eingefleischten Winckelmann-Freunde war der Tag damit allerdings noch lange nicht gelaufen. Es fand noch eine Kranzniederlegung am Winckelmannplatz statt sowie ein Sektempfang im Rathaus mit einer Lesung im großen Festsaal, der auch bei dieser Gelegenheit voll war und zusätzliche Stühle erforderlich wurden. Die Schauspielerin Michou Friesz und Autor Thomas Oláh (beide aus Wien) trugen fiktive Monologe Winckelmann vor.

Am Sonntag fand noch die Mitgliederversamlung der Winckelmann-Gesellschaft statt.

Beim Festakt hatte Max Kunze, Präsident der Winckelmann-Gesellschaft, darauf verwiesen, dass man versucht habe, mit den Jubiläen Aufmerksamkeit nicht nur in Stendal, sondern auch in der gesamten Altmark und im Ausland zu erzeugen, was mit vielen Veranstaltungen und zuletzt der Festwoche in Stendal gelungen sei.

Wie international das Wirken der Gesellschaft mittlerweile ist, zeigte die Aufzählung Kunzes, aus welchen Ländern Gäste zum Festakt dabei waren: Spanien, Österreich, Schweiz, Italien, Niederlande, Vatikan, Liechtenstein, Polen und Russland. Bereits am Donnerstag hatte es einen Vortrag eines Kunstgeschichtsprofessors aus Mexico City gegeben, der über die Wirkung Winckelmanns in seinem Land sprach.