Stendal/Osterburg l Es werde immer schwieriger, Flächen für Windkraftanlagen zu finden, sagt Projektmanager Thomas Schwarzlose vom Stendaler Ingenieurbüro Fefa. Das Unternehmen beschäftigt sich mit regenerativen Energien und projektierte beispielsweise den Windpark in Hüselitz mit 46 Anlagen.

Nicht erst durch Natura 2000 wurden Vorschriften weiter verschärft. Aus dem Umweltministerium in Magdeburg kam vor einiger Zeit eine neue Richtlinie. Durften Windkraftanlagen bisher – außerhalb von Windvorranggebieten – auf 1000 Meter an einen Horst des Rotmilan heran gebaut werden, so wurde die Abstandsvorschrift auf mittlerweile 1500 Meter erweitert. In Hüselitz wurden daher neun Anlagen kurzfristig nicht genehmigt.

Selbst in Vorranggebieten wird es schwieriger

„Selbst in Vorranggebieten wird es immer schwieriger, Anlagen zu repowern“, sagt Thomas Schwarzlose. Repowern heißt in der Sprache der Windkraftbranche, dass bestehende Anlagen mit höherer Leistung erneuert werden.

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Seit mehr als vier Jahren versucht das Stendaler Ingenieurbüro mit Innovation dem Problem beizukommen. Das Unternehmen hat sich Hilfe aus der Schweiz geholt und möchte mit einem Radar arbeiten, um geschützte Vogelarten in Bereichen von Windkraftanlagen frühzeitig ins Visier zu bekommen und die Windkraft-Flügel in weniger als einer Minute zu stoppen.

Militärtechnik wird genutzt

„Die Radartechnik stammt aus dem Militär und ist sehr robust“, sagt Jonas Hellmig von Fefa. Baugleiche Radargeräte werden derzeit in der Schweiz von Vogelwarten genutzt. Bereits seit Anfang der 1970er Jahren beschäftigt die Firma Swiss Birdradar Solution AG in Winterthur sich mit radarunterstützter Vogelbeobachtung. Mittlerweile sind die Geräte so ausgefeilt, dass Vogelarten auf mehrere Kilometer Entfernung – allein am Flugverhalten – identifiziert werden können. Es können bis zu 500 Objekte gleichzeitig vom Radar verfolgt werden. Entsprechend können Informationen an Windkraftanlagen weitergegeben werden, wenn geschützte Tiere sich den Anlagen nähern. In nur 40 Sekunden kann dann eine Windkraftanlage auf 0,6 Drehungen pro Minute herunter geregelt werden.

Im Südwesten von Osterburg soll Mitte Februar nun ein Pilotprojekt starten. Es wird ein Radar an der Stelle schon mal aufgebaut, wo bis Dezember drei Windkraftanlagen gebaut werden sollen. „So können wir im Vorfeld beobachten, wie das Vogelflugverhalten dort ist“, sagt Susann Schwarzlose von Fefa. In dem Gebiet sei das nächste Rotmilan-Nest zwar rund 2,3 Kilometer entfernt und entsprechend ausreichender Abstand vorhanden, jedoch gebe es ein Feuchtgebiet mit entsprechend vielen Vögeln. Unter der Bedingung des Vogelmonitoring sei von der Unteren Naturschutzbehörde grünes Licht für die Anlagen gegeben worden. Auch die Vogelwarte und das Rotmilanzentrum stünden dem Vorhaben positiv gegenüber, sagt Susann Schwarzlosen gestern bei einem Besuch des Landtagsabgeordneten Wulf Gallert (Linke) im Ingenieurbüro.

Radar liefert Daten zu Flugverhalten

Bisher sei in Genehmigungsverfahren oft von einem „erhöhten Tötungsriskio“ gesprochen worden, sagte Susann Schwarzlose. Genau definieren könne man das aber nicht. Mit dem Radar sei es möglich, genauere Fakten zum Flugverhalten der Vögel zu liefern.

Allerdings ginge die Entwicklung bei Windkraftanlagen ohnehin soweit, dass die Anlagen so groß gebaut würden, dass viele Vögel und auch Fledermäuse gar nicht so hoch fliegen, dass sie mit den Flügeln der Windkraftanlagen kollidieren können. In Osterburg sollen drei sogenannte V 136 der Firma Vestas mit einer Narbenhöhe von 148 Metern und unterer Flügelhöhe von 84 Metern gebaut werden.

In anderen Regionen wurden bislang lediglich Kamerasysteme bei Windkraftanlagen eingesetzt. „Die können aber bei weitem nicht die Datengenauigkeit erreichen, wie der Radar“, sagt Jonas Hellmig. Außerdem sei mit Kameras die Identifizierbarkeit der Tiere nicht so präzise und würden lediglich in Pixeln dargestellt. „Da weiß man nicht, ob ein kleines Tier ganz nahe ist oder ein Größeres sich in weiterer Entfernung befindet“, sagt er.

Wulf Gallert sagte, dass er „ein großer Windkraft-Fan“ sei und das Pilotprojekt unterstütze. Er werde vorschlagen, dass der Wirtschaftsausschuss des Landtages sich das Pilotprojekt einmal vor Ort ansieht. Auch schlug er vor, dass sich das Unternehmen um eine Förderung für Risikokapital bemühe. Zuvor hatte Thomas Schwarzlose berichtet, dass Förderprogramme mit ihren Auflagen Projekte oft lähmen würden und er daher von einer Beantragung Abstand genommen habe.

Politischer Druck soll Akzeptanz erhöhen

Ihm sei klar, dass das Projekt eine wirtschaftliche Perspektive haben müsse, so Gallert. „Nur wenn es sich für den Investor rentiert, wird er ein solches Radar anschaffen.“ Es müsse aber politischer Druck aufgebaut werden, dass die Technik von Behörden anerkannt werde und dem Bau von neuen Anlagen zuträglich sei.

Ein Radar kostet in der Anschaffung rund 140.000 Euro, was bei einer Bausumme für eine Windkraftanlage von sechs bis sieben Millionen Euro eine überschaubare Summe darstellt. „Wenn die Technik bundesweit eingesetzt wird und Geräte in vierstelliger Zahl abgenommen werden, dann bekommen wir ganz andere Preise“, sagte Thomas Schwarzlose. Durch Anschaffung des Radars sowie oftmaliges Abschalten durch Vogelflug müsse im Fall Osterburg mit etwa 15 Prozent Verlust gerechnet werden. „Am Ende ist es ein Rechenexempel, ob sich das lohnt. Es ist jedenfalls kein Allheilmittel“, sagt Susann Schwarzlose.