Stendal l Mit seinen acht Jahren ist Tigerkater Samur ein „Herr im besten Alter“ und steht zumindest statistisch in der Mitte seines Raubtierlebens. Nur etwas schüchtern ist der Neuzugang aus dem Nürnberger Zoo noch. „Er muss sich erst langsam und behutsam an seine neue Umgebung gewöhnen“, sagt Tiergarten-Leiterin Anne-Katrin Schulze. Darum ist derzeit noch offen, wann sich Samur erstmals seinem Stendaler Publikum präsentieren wird.

„Erst wenn er sich richtig eingewöhnt hat, kommt er ins Außengehege“, kündigt die Tiergarten-Leiterin an. „Es ist für ihn eben alles anders.“ In seiner ersten Nacht haben die Mitarbeiter darum eine der Lampen angelassen, „damit er sehen kann, wo er ist“. Und sie fügt hinzu: „Man riecht bei ihm noch immer die Panik, das Adrenalin.“ Darum lassen ihn die Mitarbeiter in Ruhe, schauen nicht so oft in seinen Raum.

Dass er sich noch nicht aus seinem Innenraum heraustraut, dass er erst einmal ankommen muss, vergleicht Anne-Katrin Schulze mit dem Jetlag nach einem Langstreckenflug. Eine lange Strecke hat auch Samur am Mittwoch zurückgelegt vom fränkischen Nürnberg ins altmärkische Stendal. Ursprünglich sollte der Umzug schon am Tag zuvor stattfinden, aber wegen der Corona-Auflagen konnte der auf Wildtiere spezialisierte Spediteur aus Österreich erst am Mittwoch die Tour fahren. Morgens ging es in Nürnberg los, kurz vor 14 Uhr kam Samur in Stendal an. „Es hat alles sehr gut geklappt“, freut sich Anne-Katrin Schulze.

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Auch, weil die Vorgeschichte eine etwas längere ist. Nachdem der 15-jährige Tiger Buran im Frühjahr gestorben und seine Tochter Taina damit allein im Stendaler Gehege war, hatte sich die Tiergarten-Leiterin umgehört und den Tipp bekommen, dass der Eberswalder Tiergarten einen Tigerkater abgeben würde. Ganz so einfach geht das aber nicht. Die Stendaler bekundeten also beim Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP), der in London das Zuchtbuch für Sibirische Tiger führt, ihr Interesse am Eberswalder Tiger Augustus.

Der EEP-Koordinator hat dann überprüft, ob die beiden Tiere überhaupt zueinander passen würden – was leider nicht der Fall ist. Denn Tainas Großmutter hatte Gene der Eberswalder Zucht in sich. „Die Gene sind zu nah dran“, fasst Anne-Katrin Schulze den Absagegrund zusammen. Denn: „Zoos und Tiergärten sind Genreserven.“ Vor allem für die Arten, die in ihrer natürlichen Umgebung und vom Aussterben bedroht sind.

Genreserve für bedrohte Tierarten

Sibirische Tiger gehören zu den bedrohtesten Tierarten der Welt. Sie werden noch immer von Wilderern gejagt. Die Genreserven in Zoos und Tiergärten bieten die Optionen für Auswilderung und Repopulation.

Der EEP-Zuchtleiter überbrachte mit der Absage für Ebenswalde aber die gute Nachricht, dass der Zoo Nürnberg ein männliches Tier abgeben möchte. Die Stendaler nahmen Kontakt auf, aus den ersten Absprachen wurde nun der Umzug Samurs in den sachsen-anhaltischen Landesnorden. „Mit den Weibchen dort hat er genug Gene ausgetauscht“, erklärt die Tiergarten-Leiterin die Bereitschaft der Nürnberger, den Tiger abzugeben. Samur hatte dort im Sommer 2015 mit Tigerin Katinka Zwillinge gezeugt.

Sollten sie sich gut verstehen, können auch die zehnjährige Taina und der achtjährige Samur Nachwuchs zeugen. „Das ist derzeit aber alles nur Theorie“, dämpft Anne-Katrin Schulze zu hohe Erwartungen. „Wir müssen zuerst mal schauen, ob sie sich überhaupt vertragen, ob er die Katze annimmt. Das ist momentan alles noch unklar.“

Interesse seitens Taina ist zumindest vorhanden, hat die Tiergarten-Leiterin am Mittwoch nach Samurs Einzug beobachtet. Die Tigerin habe die Ankunft genau verfolgt, sei hin und her gerannt und am Zaun aufgestiegen. Das erste Aufeinandertreffen lasse „auf ein harmonisches Zusammenleben der beiden hoffen“.

Am Ankunftstag gab es Huhn

Auch wenn er seiner neuen Umgebung noch schüchtern begegnet, Appetit hat der Kater auf jeden Fall schon. Von den Hühnern, die ihm am Ankunftstag serviert wurden, hat er gefressen. Beim letzten Wiegen im Juni hatte Samur 140 Kilogramm auf die Waage gebracht. Da können gern noch ein paar Kilo hinzukommen, sagt Anne-Katrin Schulz, denn bei männlichen Tigern ist ein Gewicht bis zu 250 Kilogramm möglich.

Erst einmal soll sich Samur aber in aller Ruhe einleben.