Kleinkriminalität

Ordnungsamt und Polizei haben in Wanzleben seit einem halben Jahr alle Hände voll zu tun

Ordnungsamt und Polizei haben in Wanzleben alle Hände voll zu tun mit dem, was Ordnungsamtsleiter Kai Pluntke Beschaffungskriminalität nennt. Einbrüche und Fluchtfahrten vor der Polizei sorgen dafür, dass eine ganze Reihe von Verfahren anhängig sind. In der Verwaltung fühlt man sich mit dem Problem allein gelassen.

Von Christian Besecke
Kai Pluntke ist der Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Wanzleben.
Kai Pluntke ist der Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Wanzleben. Foto: Christian Besecke

Wanzleben - Schon zu Beginn des Volksstimme-Termins mit dem Ordnungsamtschef gibt es die ersten Eindrücke zu dem Thema. Kai Pluntke zeigt auf einen Pkw und sagt: „Den haben wir kürzlich nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei in Seehausen beschlagnahmt, seitdem steht er hier.“ Er will dann ein ebenfalls beschlagnahmtes Moped präsentieren. Das geht aber nicht, es ist spurlos verschwunden. Vermutlich wurde es vom Grundstück der Stadt „zurückgeklaut“, obwohl es fahruntüchtig ist. Die Verwaltung fertigt sogleich eine Anzeige wegen „Verwahrungsbruchs“ aus.

Tor zum Stadthof wird nachts geknackt

Neu ist solch ein Vorgang keineswegs. Im Februar wurde das Tor des Stadthofs aufgebrochen, und Unbekannte machten sich an einem beschlagnahmten Pkw zu schaffen. „Wir nehmen immer die Batterien heraus und sorgen dafür, dass so ein Fahrzeug nicht bewegt werden kann“, beschreibt Pluntke. „Inzwischen sind wir bemüht, diese Autos beizeiten zu entsorgen, wenn der Eigentümer nicht ermittelt werden kann.“

In der ersten Hälfte dieses Jahres hat das Ordnungsamt schon zehn Pkw beschlagnahmt, dazu gesellen sich zwei Mopeds und ein Pkw-Anhänger. Sowohl das Ordnungsamt als auch der Einsatzdienst der Polizei haben alle Hände voll zu tun. „Die Beamten muss ich loben, sie leisten eine hervorragende Arbeit – und begegnen im Erfolgsfall oft denselben Gesichtern“, sagt der Ordnungsamtschef. Mittlerweile gebe es reichlich Anzeigen, aber so richtig tut sich scheinbar nichts. „Ich kann ja verstehen, dass das alles für die Staatsanwaltschaft kleine Fische sind“, sagt Kai Pluntke. „Für uns hat das aber schon eine Dimension und wir, wie auch die Bürger der Stadt, würden schon einmal Konsequenzen sehen wollen.“

An entsprechendem Material dürfte es nicht fehlen. So verweist der Sprecher des Polizeireviers Börde, Matthias Lütkemüller, auf offene Verfahren. „Da können wir uns natürlich nicht zu äußern“, sagt er. „Es ist aber schon so, dass wir nicht erst sammeln, sondern kontinuierlich unsere Ergebnisse einreichen. Das ist übrigens in allen Fällen gängige Praxis.“ Zudem müssen aber auch in vielen Fällen erst einmal Verdächtige ermittelt werden.

Staatsanwaltschaft wirdin Kenntnis gesetzt

Die Staatsanwaltschaft weiß zumindest jetzt von dem Problem. „Der Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Wanzleben hat mir ... mitgeteilt, dass dort namentlich bekannte Personen in den letzten zwei Jahren in Zusammenhang mit Fahrzeugsicherstellungen aufgefallen seien“, bestätigt Oberstaatsanwalt Frank Baumgarten. Zudem führe man Dieb-stahlstaten, die nicht weiter benannt werden, auf diesen Personenkreis zurück. In der Wahrnehmung der Ordnungsbehörde würden diese Personen immer wieder im Blickpunkt stehen, aus der Sicht des Ordnungsamtes wegen Beschaffungskriminalität.

„Dass gegen diese oder einzelne Personen aus dieser Gruppe auch strafrechtliche Ermittlungen geführt worden sind oder geführt werden, kann ich nicht ausschließen“, formuliert der Oberstaatsanwalt. Allerdings seien die erhaltenen Informationen zu unbestimmt, um Genaueres zu sagen, so die Antwort auf die Volksstimme-Anfrage nach möglichen konkreten Fällen.

„Wir haben sonst immer zwei nicht zugelassene Autos im Jahresverlauf beschlagnahmt“, berichtet Kai Pluntke. „Seit etwa einem halben Jahr haben solche Vorfälle und Diebestouren extrem zugenommen.“ Das hätten ihm auch die Polizisten der Einsatzabteilung bestätigt, mit denen er in Kontakt gekommen ist.

„Um die Weihnachtsfeiertage 2020 herum haben die Beamten fast täglich immer wieder Personen dingfest gemacht, die in Fällen von Kleinkriminalität aufgegriffen worden sind“, erzählt der Ordnungsamtsleiter. Dazu gesellen sich weitere Einbrüche in Gartensparten, Schulen, Sportstätten und Privathäuser, die bislang nicht aufgeklärt worden sind. „Was da geklaut wurde, dient ganz klar dazu, den schnellen Euro zu machen“, schätzt Pluntke ein. Daher sei der Begriff Beschaffungskriminalität von ihm gewählt worden. Die Erlöse dienen seiner Meinung nach zum Erwerb von Drogen.

„Und wir haben ein Drogenproblem in Wanzleben“, stellt er klar. Viele der Fälle stellen Ordnungswidrigkeiten dar, wie beispielsweise die Nutzung von nicht zugelassenen Fahrzeugen. Pluntke versteht auch, dass erst Verdächtige ermittelt werden müssen. „Allerdings sind einige eben gut bekannt, da sie mehrfach aufgegriffen worden sind“, macht er deutlich.

Ausströmendes Gas nach einer Diebestour

Ermittlungen gibt es übrigens auch noch in einem besonders erschreckenden Fall. So hatten Unbekannte aus einem leeren Haus in Wanzleben Heizungsrohre entwendet. Hinterher strömte stundenlang Gas aus, welches ein Anwohner irgendwann auf der Straße bemerkte. Der alarmierte die Polizei und die Feuerwehr. Die Kameraden lösten das Problem. „Ein Funke hätte in den oberen Etagen genügt, um eine Katastrophe zu verursachen“, fügt Kai Pluntke hinzu. In der Bevölkerung entwickelt sich mittlerweile Unmut, und Wanzleben wird schon einmal Klein Chicago genannt. Bei Facebook wird vermutet, die Behörden würden ihre Arbeit nicht machen. „Diese Vorwürfe kenne ich“, sagt der Ordnungsamtsleiter. „Aber sie entsprechen definitiv nicht den Tatsachen.“

Dieser Pkw wurde nach einer Verfolgungsjagd bei Seehausen beschlagtnahmt.
Dieser Pkw wurde nach einer Verfolgungsjagd bei Seehausen beschlagtnahmt.
Fotos (2): Christian Besecke