Wanzleben l Bei den Polizisten handelte es sich um Beamte aus Wolfen, die im Rahmen des Amtshilfeersuchens eines Amtsgerichtes nach Wanzleben gekommen waren. Ihr Erscheinen sorgte wohl letztendlich dafür, dass sich der Afrikaner in Panik aus dem Rathausfenster stürzte.

Am zurückliegenden Freitag hatten der Mann aus Benin und eine Bürgerin der Einheitsgemeinde Wanzleben das Standesamt in der Stadt aufgesucht, um dort Papiere für eine Eheschließung vorzulegen. ‚„Dabei handelte es sich um eine sogenannte Scheineheüberprüfung“, erklärt Ordnungsamtschef Kai Pluntke, der an dem Treffen als Zeuge teilnahm. „Mann und Frau wurden getrennt befragt, das ist so üblich.“ Außer Pluntke waren noch eine Dolmetscherin und eine Mitarbeiterin des Standesamtes mit dem Afrikaner im Raum.

Polizei sorgte für Unruhe

„Der Termin verlief sachlich und ruhig“, erklärt der Zeuge. „Der Mann aus Benin hat eine eidesstattliche Erklärung unterzeichnet, dass er von dort stamme.“ Die Stimmung in dem Raum änderte sich jedoch schlagartig, als plötzlich Polizisten aus Wolfen quasi in den Termin platzten. „Wir waren mitten in der Besprechung mit dem Mann“, erzählt Pluntke. „Daher baten wir die Beamten, so lange draußen zu warten. Der Mann aus Benin wirkte von dann an aufgeregt und war nicht mehr bei der Sache.“

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Letztendlich stand er auf und ging zum Fenster, um es zu öffnen. „Ich war sofort bei ihm und hielt ihn fest“, berichtet Kai Pluntke. „Dann waren auch die Polizisten im Raum und versuchten ihn ebenfalls zu halten.“ Der Mann riss sich los und sprang aus dem Fenster – etwa drei Meter tief. Dort schlug er aufs Treppenpodest auf und blieb verletzt liegen. „Wir haben sofort einen Rettungswagen gerufen“, sagt der Ordnungsamtsleiter. „Bis dahin haben wir den Verletzten notversorgt.“

Die Mitarbeiter, die Dolmetscherin und die künftige Frau des Mannes waren geschockt. „Ich war im benachbarten Raum und bin gleich nach unten gerannt“, schildert die Bürgerin (Name ist der Redaktion bekannt). „Man hat mich aber nicht zu meinem Mann gelassen.“ Letztendlich sei der Beniner mit einer Beinverletzung in eine Klinik gebracht worden und muss wohl noch operiert werden.

Kein Platz für Abschiebehaft

Die Polizeiaktion war nicht mit den Beamten vor Ort abgestimmt, denn diese wussten auf Volksstimme-Nachfrage von nichts. Die Polizeidirektion Ost in Dessau-Roßlau dagegen bestätigt die Anforderung des zentralen Einsatzdienstes mit Sitz in Wolfen. „Es ist nicht unüblich, über Direktionsgrenzen hinweg zu handeln“, informiert die Polizeidirektion. „Die Wolfener Kollegen sind auch für Abschiebungen zuständig, und der Mann ist nach der Entscheidung des Amtsgerichts abschiebepflichtig. Die Aktionen können sogar bis in andere Bundesländer hineinreichen.“

Es war übrigens nicht der erste Auftritt des zentralen Einsatzdienstes in Wanzleben. Bereits vor gut drei Wochen waren schon einmal Beamte vor Ort und nahmen denselben Afrikaner hier nach Verlassen des Gebäudes in Empfang. Auch da sei es zuvor um Heiratsangelegenheiten gegangen, bestätigen die Frau wie auch Kai Pluntke. „Wir wurden vor dem Rathaus von der Polizei erwartet und mein Mann festgenommen“, erklärt die Bürgerin. Ziel der Beamten sei es gewesen, den Beniner in Abschiebehaft zu bringen. Allerdings fand sich kein Unterbringungsort, so dass der Mann wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.

Das bestätigt die Polizeidirektion Ost mit der Formulierung: „Die Haft konnte nicht realisiert werden.“ Kenntnis von dem weiteren Termin des Afrikaners und seiner Lebensgefährtin beim Standesamt hatten die Polizisten von der Ausländerbehörde, die von der Wanzleber Stadtverwaltung informiert worden war.

Unklare Verhältnisse

Zu den weiteren Zusammenhängen nimmt Ronald Gauert, Pressesprecher des Landkreises Wittenberg, Stellung. „Der Mann ist im Jahr 2014 nach Wittenberg gekommen und seitdem bei der hiesigen Ausländerbehörde gemeldet“, sagt er. „In der Zeit ist er mehrfach untergetaucht. Sein Antrag auf Asyl ist in mehreren Instanzen abgelehnt worden.“ Er soll zudem falsche Angaben gemacht haben. „Zunächst behauptete er, aus Mali zu stammen und konnte keine Papiere vorweisen, dann tauchte ein Reisepass aus Benin auf, der aber schon einmal in Frankreich verwendet worden war“, erläutert Gauert weiter. „Nach der Ablehnung seines Antrages ist er ausreisepflichtig.“ Er habe die Reise aber nicht freiwillig angetreten und soll sich auch widersetzt haben. Daher sei ein Amtshilfeersuchen an die Polizeidirektion Ost ergangen.

Der Lebenspartnerin aus der Einheitsgemeinde Wanzleben sind die Vorgänge allesamt bekannt. „Mein Mann ist nach Deutschland gekommen und hat sich hier von einigen Landsleuten schlecht beraten lassen“, sagt sie. „Er hat aber nach drei Monaten seinen wahren Status angegeben und den Pass vorgezeigt, der inzwischen konfisziert wurde.“

Hochzeitsplanungen laufen über ein Jahr

Vor über einem Jahr hätten sie und der Mann beschlossen zu heiraten und das auch in Wanzleben kundgetan. Beim Standesamt wird das bestätigt. So lange läuft also zumindest dieser Vorgang schon. „Die benötigten Unterlagen aus afrikanischen Ländern zu bekommen, kann langwierig sein“, weiß auch der Pressesprecher. Außerdem sei eine Überprüfung notwendig geworden, um eine Scheinehe zu vermeiden.

Genau zu diesem Termin weilten der Beniner und seine Lebensgefährtin in Wanzleben. „Von den Papieren her fehlen nur noch der Pass und die Befreiung von der Beibringung des Ehefähigkeitszeugnisses – in dem Fall vom Oberlandesgericht in Naumburg. Der Mann muss natürlich legal ausreisen,“ schildert Pluntke den aktuellen Sachverhalt. Auch Ronald Gauert sieht das so. „Sind alle Papiere vorhanden, steht einer Heirat nichts im Wege“, betont er. „Die Ausreise muss in jedem Fall erfolgen. Wenn der Mann dann eine Wiedereinreise aus dem Benin beantragt, läuft das problemlos.“

Die Frau befürchtet, dass ihr Freund nach seiner Genesung abgeschoben und die Hochzeit platzen werde. „Ich habe sogar an Innenminister Holger Stahlknecht geschrieben und den Sachverhalt erläutert. Bis heute aber noch keine Antwort bekommen“, sagt sie. Sie wolle nach der Trauung gemeinsam mit ihrem Mann ausreisen.