Halberstadt l Die wohl schlimmste Vorstellung für jeden Autofahrer: Plötzlich taucht ein Geisterfahrer auf seiner Spur auf. Erst am vergangenen Donnerstag ist dieses Szenario auf der B 6 Realität geworden: Nach Angaben der Polizei ist ein 67-Jähriger nahe Heimburg gegen 9.50 Uhr in verkehrter Richtung auf die vierspurige Bundesstraße aufgefahren. Das Fahrzeug kollidierte nach wenigen hundert Metern frontal mit einem Pkw, ein weiteres prallte auf die Unfallautos. Der Verursacher starb, zwei Menschen wurden verletzt.

Häufigkeit

Gefühlt hört man einmal im Monat Warnungen vor Geisterfahrern. Aber diese Wahrnehmung trügt, betont Johannes Stoye von der Autobahnpolizei Börde. „Falschfahrer-Unfälle sind zum Glück ein seltenes Phänomen.“ So ist dem Beamten seit Jahren kein Vorfall in seinem Zuständigkeitsbereich auf der A2 bekannt. Auf der B 6 habe es vor dem Unfall am vergangenen Donnerstag nur einen weiteren vor einigen Jahren gegeben.

Meldungen über Falschfahrer gebe es indes häufiger. In den meisten Fällen stellen sie sich als unwahr heraus. „Aber wir nehmen jeden Anruf ernst, gehen ihm nach und informieren die Medien“, so Stoye.

Jürgen Berlitz vom ADAC berichtet, dass pro Jahr etwa 3000 Mal Warnmeldungen über Falschfahrer im Rundfunk gegeben werden. Aber: „Deutschlandweit gibt es jährlich etwa 20 Tote durch Falschfahrten – das ist in der Unfallstatistik ein vergleichbar geringer Anteil.“

Obwohl nur 0,05 Prozent aller Autobahnunfälle infolge von Geisterfahrten geschehen, sind die schwerwiegend: Bei etwa jedem zweiten Unfall werden Menschen verletzt, bei fast jedem sechsten werden Beteiligte getötet. Zu diesen Ergebnissen kam eine Untersuchung für die Bundesanstalt für Straßenwesen aus dem Jahr 2012.

Ursachen

Das falsche Auffahren an Anschlussstellen und das Wenden auf Richtungsfahrbahnen sind die häufigsten feststellbaren Fehlverhalten ermittelter Falschfahrer, heißt es in der Studie weiter. Wie kann dies geschehen? „Die Ursachen sind vielfältig“, sagt Jürgen Berlitz. Sie reichen von Orientierungslosigkeit aus gesundheitlichen Gründen bis hin zu Alkohol- und Drogenkonsum, vor allem bei jüngeren Fahrern. Einen geringen Anteil in der Statistik nehmen Geisterfahrer ein, die infolge von psychischen Erkranken und mit Suizid-Absichten vorsätzlich handeln.

Ebenfalls spielen Witterungsbedingungen, schlechte Sicht und eine nicht eindeutige Beschilderung eine Rolle bei Falschfahrten. Die Fahrzeugführer denken, sie würden sich auf der Auffahrt befinden, nehmen aber tatsächlich die Abfahrt, erklärt Berlitz.

Auch gibt es Fahrer, die auf der Autobahn drehen, weil sie ihre Abfahrt verpasst haben, eine Abkürzung nehmen wollen, vor der Polizei fliehen oder blindlings den Anweisungen ihres Navigationsgeräts folgen.

In der Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen wurde festgestellt, dass ein Großteil der ermittelten Falschfahrer Männer seien. Personen, die 65 Jahre und älter sind, sind überproportional häufig vertreten.

Zeitliche Verteilung

Auffällig ist laut Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen auch, dass rund 45 Prozent der Falschfahrermeldungen an Wochenenden oder an Feiertagen abgesetzt werden. Und in den Nachtstunden ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. „Das liegt vielleicht daran, dass an diesen Tagen weniger Verkehr ist, an dem sich Autofahrer orientieren. Der Falschfahrer bemerkt seinen Fehler also gar nicht, weil ihm keine Fahrzeuge entgegen kommen“, erläutert ADAC-Experte Berlitz.

Die Studie zeigt, dass im Spätsommer und im Herbst mehr Geisterfahrer gemeldet werden als im Rest des Jahres.

Verhalten

Grundsätzlich sei es bei Autofahrten dringend zu empfehlen, das Radio eingeschaltet zu haben, um Warnungen vor Geisterfahrern zu erhalten, betont Jürgen Berlitz. Und wie sollte ein Fahrer reagieren, wenn er eine Falschfahrermeldung für seinen Autobahnabschnitt hört? „Tempo drosseln, aufmerksam und bremsbereit bleiben“, rät der Verkehrsexperte. Fahrer sollten auf den rechten Fahrbahnstreifen wechseln und wenn möglich, die Autobahn verlassen.

Wer selbst merkt, dass er auf der falschen Spur ist, sollte das Warnblinklicht anschalten, möglichst nicht mehr die Spur wechseln, sofort rechts ran fahren – falls möglich auf den mittleren Grünstreifen, hinter die Schutzplanke stellen und die Polizei verständigen.

Abhilfe

Es gibt verschiedene Ansätze, Geisterfahrten vorzubeugen. In einigen Ländern werden Krallen eingesetzt. Fährt ein Auto in verkehrter Richtung auf die Schnellstraße auf, werden die Reifen zerstochen, das Auto kommt zum Stehen. „So etwas ist bei uns nicht denkbar“, sagt Johannes Stoye von der Autobahnpolizei Börde. Sonst werden Einsätze von Rettungskräften erschwert – sie werden oft bewusst zu Falschfahrern, um schneller am Unfallort eintreffen zu können.

In Österreich weisen große gelbe Warnschilder Geisterfahrer auf ihren Fehler hin. Für ein Pilotprojekt sind die Hinweiser vor einigen Jahren in Bayern getestet wurden. „Eine signifikante Veränderung der Zahlen vor und nach dem Anbringen der Schilder konnten wir jedoch nicht feststellen“, berichtet Berlitz. Dennoch gebe es Pläne, die Markierungen und Beschilderungen an Auffahrten künftig besser zu gestalten. „Die Fahrer sollen intuitiver geleitet werden“, sagt der ADAC-Mitarbeiter.

Nach Meinung des Autoclubs seien regelmäßige Inspektionen und Erneuerungen der Markierungen und Beschilderungen an Anschlussstellen notwendig. „Um sicherzustellen, dass insbesondere nachts beides gut erkennbar ist“, so Berlitz. Hoffnungen setzt der Fachmann auf technische Innovationen. „Fahrzeugassistenzsysteme werden immer besser. Mit visuellen und akustischen Signalen warnen sie den Fahrer und hoffentlich auch bald Fahrzeuge in der Umgebung.“ „Alle Hinweise bringen jedoch nichts, wenn ein Fahrer absichtlich falsch fährt“, gibt Stefan Hörold von der Halberstädter Verkehrsbehörde zu bedenken.

B 6

Für den Abschnitt der B6 sind keine baulichen Veränderungen geplant. „Dazu sehe ich keine Veranlassung. Falschfahrer sind absolute Einzelfälle“, sagt Hörold. Er glaube nicht, dass die Auffahrt nahe Heimburg schlecht gekennzeichnet ist. Dennoch bleibe seine Behörde permanent mit der Polizei und anderen Institutionen im Gespräch zur Verbesserung der Straßensituation.