Herr Messner, wann waren Sie denn das letzte Mal im Harz?

Reinhold Messner: Ach Gott, wenn ich das wüsste! Ich habe den Brocken schon mehrfach bestiegen, aber ich weiß nicht mehr, wann genau.

Dafür steht der Termin für Ihren Vortrag in Ilsenburg fest. Was hat das Publikum zu erwarten?

Ich rede frei auf der Bühne, mit Bildern aus den Bergen und Auszügen aus meinem Buch „ÜberLeben“. Der Vortrag ist dem Buch angelehnt, ich werde aber die Essenzen herauspicken. Ich erzähle die Geschichten so, dass sie jeder verstehen kann, ohne selbst Bergsteiger zu sein. Es geht mir darum, was wir über unser Menschsein erfahren, wenn wir uns in große Höhen begeben, wenn wir uns der Angst, dem Zweifel und der Einsamkeit ausliefern. Darauf versuche ich, Antworten zu geben.

Was kann der Harz jemandem, der alle Gipfel der Welt bestiegen hat, noch bieten?

„Etwas bieten“, das ist vielleicht der falsche Ausdruck. Ich komme ja nicht her, um hohe Berge zu besteigen. Der Harz ist ein Mittelgebirge, ein ziemlich raues Mittelgebirge, und ideal zum Wandern und zum Genießen von Natur. Man kann hier wochenlang in der Höhenlage spazieren gehen, marschieren, wandern, je nachdem, wie stark jemand ist. Ich komme seit 25 Jahren hierher und bin auf die Höhen aufgestiegen, um etwas zu erleben. Es ist einfach interessant nachzuempfinden, was Goethe auf dem Brocken empfunden hat.

Sind Sie bei Ihren Touren Brocken-Benno begegnet?

Ja, desöfteren schon. Wir haben regelmäßig Briefkontakt. Ich finde es interessant, dass ein Mensch sich ein Leben lang an einem Berg abmüht und regelmäßig hoch- und hinunterläuft. Das kostet Überwindung, hat ihn aber fit gehalten.

Brocken-Benno hat uns verraten, dass er Sie gerne auf den Gipfel begleiten würde. Haben Sie für Anfang April schon eine Tour geplant?

Keine Ahnung! Das ist noch ein bisschen weit weg. Ich bin heute in Dresden, wo ich morgen bin, weiß ich gar nicht. Dann kommt Anfang April die Vortragsreise, auf die ich mich freue. Da werde ich täglich sehen, was ich machen kann. Nebenbei schreibe ich derzeit an einem neuen Buch. In dem Moment bin ich in einer ganz anderen Welt.

Worum geht es denn darin?

Es ist ein Buch über Vertrauen. Ich habe das Gefühl, dass weltweit das Vertrauen, sei es in die Politik, sei es in die Medien, verloren geht – nicht nur in Deutschland oder bei uns in Südtirol, sondern weltweit. Das ist ein Phänomen, das kaum jemand begreift. Ich habe eine Geschichte ausgegraben, die in der Antarktis spielt. Ich recherchiere sie bereits seit längerer Zeit. Es geht um 30 Männer am Ende der Welt, die sich zum Schluss selbst retten, weil mit der Zeit ihr Vertrauen in die Führungspersönlichkeit stark genug wird. Dadurch, dass die Männer ihm vertrauen und nicht mehr verzweifeln, gelingt ihnen die Rettung.

Glauben Sie, das könnte ein Sinnbild sein für das, was die Welt heute braucht?

Ja, so sehe ich das. Allerdings geht es hier um eine kleine Gruppe, die an den Rand der ihrer Möglichkeiten geworfen ist. Das sind wir ja nicht. Wir haben eine Lebensqualität erreicht, die wir nicht verlieren wollen. Es besteht nicht die Notwendigkeit, sich wie in der Antarktis zusammenzuraufen und mithilfe einer Vertrauensperson die Station zu retten. Aber derzeit ist es so, dass das Vertrauen schrumpft, in der Politik und in den Medien. Das hat mit dem modernen Menschen und den sogenannten Social Media zu tun, wo vorgebliche Wahrheiten verbreitet werden, die nicht recherchiert und nicht hintergründig überdacht sind. Wenn wir abends über das Internet und Social Media abstimmen lassen würden über das, was die Politik zu entscheiden hat, dann würden wir das Land an die Wand fahren.

Ein Anliegen, für das Sie stehen, ist der Umwelt- und Naturschutz. Vielleicht haben Sie von den Plänen gehört, am Winterberg eine Seilbahn sowie Skipisten mit künstlicher Beschneiung zu errichten.

Ich kenne die Pläne nicht, aber ich warne generell davor, viel Geld in Gebieten unter 1500 Metern Mindesthöhe zu investieren. Dort wird es in Zukunft ganz schwierig sein, Wintertourismus zu betreiben. In einem schneereichen Gebiet über 1500 Meter kann man einen Winter ohne Schnee überbrücken. Sonst geht das nicht. Die kleinen Skigebiete im Mittelgebirge werden nie mehr eine Chance haben, sich neben den erfolgreichen großen Gebieten in der Schweiz, Tirol und Österreich zu behaupten, weil wir mit der globalen Erwärmung im Winter an Schneereichtum einbüßen.

Die Alpen-Destinationen arbeiten mit künstlichem Schnee. Das ist kostspielig, und der Skitourismus nimmt auch deshalb ab, weil er so teuer geworden ist. Die Menschen werden trotzdem in den Winterurlaub fahren, aber wir werden uns Alternativen ausdenken müssen. Ich habe zum Beispiel in Südtirol ein Museum aufgebaut. Dort können Leute, die nicht Ski fahren oder außerhalb der Saison Urlaub machen, eine kulturelle Auseinandersetzung zwischen Mensch und Berg erleben. So hat man neben dem Wandern die Möglichkeit, die Ferien vernünftig auszufüllen.

Karten über die biber-Tickethotline, (03 91) 5 99 97 00, und im Internet: www.messner-live.de