Senioren

Aktenstapel sind längst Geschichte

Wo einst Akten lagerten, wird demnächst Rommé gespielt: Das ehemalige Finanzamt erwacht als Senioren-Wohnresidenz zu neuem Leben.

Von Julia Bruns 29.08.2016, 01:01

Wernigerode l Die Luft riecht säuerlich nach frischem Estrich, ein Schlagbohrer erklingt in der Ferne: Im ehemaligen Finanzamt in der Gustav-Petri-Straße in Wernigerode laufen die Bauarbeiten auf Hochtouren. Schon jetzt erinnert nichts mehr in dem Gebäude an Aktenstapel und Steuersünden. Schon bald sollen in dem einstigen Bürokomplex ältere Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen: Das Haus wird zur Wohnanlage für Senioren mit Tagespflege, betreutem Wohnen, zwei Demenz-Wohngemeinschaften, Begegnungszentrum und ambulantem Pflegedienst ausgebaut.

Der Startschuss soll im Januar 2017 fallen, für Dezember ist bereits der Probebetrieb geplant, bis Ende November sollen die umfangreichen Arbeiten abgeschlossen sein. So ist der Plan von Oliver May. Die sächsische MDU-Gruppe, die er leitet, hat das 1994 errichtete Gebäude erworben und lässt es barrierefrei umbauen. Den Betrieb übernimmt der überregionale advita-Pflegedienst, der 24 Niederlassungen in Mitteldeutschland betreibt.

„Wernigerode sticht hervor“, sagt Oliver May. „Nicht nur, weil es eine wunderschöne Altstadt hat, auch die Zusammenarbeit mit den Behörden lief wunderbar.“ Völlig problemlos konnte das Areal zum Wohngebiet umgewidmet werden. „In anderen Städten dauerte das deutlich länger“, so der Investor.

„Uns erreichen täglich Anfragen, wann es losgeht“, sagt advita-Geschäftsführer Peter Fischer. Im Unterschied zu einem Pflegeheim werden in der Gustav-Petri-Straße die etwa 60 Ein- und Zweiraumwohnungen von den Senioren angemietet und mit eigenen Möbeln eingerichtet. „Sie leben ganz normal in ihrer Wohnung und nutzen bei Bedarf unsere Angebote“, erläutert der Geschäftsführer Peter Fischer. „Wir wollen ein Leben in Selbstständigkeit ermöglichen.“ In dem Haus stehen zwei Aufzüge bereit. Die Wohnungen sind barrierefrei. Ein Pflegedienst im Haus ist rund um die Uhr besetzt, sodass die Bewohner hauswirtschaftlich unterstützt werden können, aber auch akute Notfälle schnell behandelt werden.

Quasi „à la Carte“ können die Senioren Pflegeleistungen zu ihrer Wohnung hinzubuchen. Über die Tagespflege werden Ausflüge, Lesungen und Spiele organisiert, feste Heimregeln gibt es nicht. „Einsamkeit ist ein großes Problem für ältere Menschen“, sagt Fischer. Der Isolation wolle man mit gezielt entgegenwirken. Das Haus besetzt damit eine Lücke in der Heimlandschaft, „eben weil es kein Pflegeheim ist“, so Peter Fischer.

Deshalb sei es für die städtische Tochter, die Gesellschaft für Soziales Wohnen (GSW), kein direkter Konkurrent, sagt Andreas Heinrich. Der Sozialdezernet begrüßt das Angebot, das im Zentrum geschaffen wird. „Ich denke, dass es besonders interessant für Senioren von außerhalb ist“ sagte er. „Viele Ältere möchten im Alter vom Dorf in die Stadt ziehen.“

Das ehemalige Finanzamt stand seit 2010 leer, als die Behörde im Zuge der Kommunalreform nach Quedlinburg verlegt wurde. Es ist rund 5500 Quadratmeter groß. 35 neue Arbeitsplätze entstehen durch die Senioren-Wohnanlage.

Demnächst ist ein Tag der offenen Tür geplant, bei dem eine Musterwohnung präsentiert wird.