Schierke l So viel Schnee: Dicke Flocken fallen vor dem Hotel Brockenscheideck in Schierke. Paris Sivriyan rafft ihren schwarzen Umhang und zieht an ihrer Zigarette. „Drei Meter Schnee auf dem Brocken? Kein Problem“, sagt die Bulgarin.„Das inspiriert mich.“ Seit Anfang September arbeitet sie auf dem höchsten Harzgipfel – im Hotel von Brockenwirt Daniel Steinhoff, der mit seiner neuen Mitarbeiterin mehr als zufrieden ist.

Dabei ist die 54-Jährige gar nicht vom Fach – wohl aber eine gut ausbildete Alleskönnerin. Paris Sivriyan stammt aus Varna an der Schwarzmeerküste, spricht fünf Sprachen und hat zunächst Operngesang studiert. Als die Stimme nicht mehr mitmachte, sattelte sie auf Lehramt um und hängt einige Semester Jura hintenan.

Sieben Jahre war die temperamentvolle Brünette im Immobiliengeschäft, führte ein Maklerbüro. Dann war sie Lehrerin, arbeitete im Theater und beim Radio. „Ich liebe es, die Arbeit zu wechseln. Ich mag keine Routine. Wenn mich etwas nicht mehr interessiert, muss ich es ändern“, sagt die 54-Jährige mit Verve und auf Englisch – an ihren Sprachkenntnissen will sie noch feilen, sich dazu einen Lehrer suchen.

Arbeitskräfte aus Ausland

Auf den Brocken führte sie der Zufall. Eine Freundin bot ihr einen Job in Deutschland an. „Ich war noch nie im Leben dort. Ich wusste nichts“, sagt sie mit einem Lächeln. Dort traf sie auf Daniel Steinhoff. Der Schierker Hotelier und Gastronom, der im Brockenort und auf dem Berg mehrere Gaststätten und Herbergen betreibt, war und ist seit langem auf der Suche nach geeignetem Personal. „Auf dem deutschen Arbeitsmarkt findet man niemanden“, sagt Steinhoff. Wer gut sei, habe einen Job, und kaum ein Arbeitgeber lasse heutzutage sein Personal einfach von dannen ziehen.

Das hatte Folgen für sein Geschäft, berichtet Steinhoff. „Im Sommer konnte ich nur teilweise die Zimmer auf dem Brocken vermieten, weil ich keine Leute hatte.“ Eine Lösung bot ihm Wolfgang Menger. Der Wernigeröder ist Geschäftsführer der Europe Personnel Group, die sich auf die Vermittlung von Arbeitskräften aus dem Ausland spezialisiert hat.

Zunächst brachte er IT-Spezialisten aus Indien nach Deutschland, dann holte er medizinisches Fachpersonal aus Spanien. Auch die Stahlindustrie, Handel und Handwerk haben Bedarf, weiß Menger – ebenso wie Hotellerie, Gastronomie und Tourismus.

Suche in vielen Ländern

Dort sei der Bedarf „extrem groß“ , hat Menger festgestellt. In Bulgarien sucht ein Personalvermittler für ihn nach Arbeitskräften, ebenso streckt er seine Fühler nach Ungarn, Italien, Spanien und neuerdings auch nach Rumänien, Serbien und in die Slowakei aus.

Interessant für die Tourismusbranche ist vor allem der Kontakt in die Ukraine, berichtet Menger. Dort gebe es zahlreiche Fachkräfte, die zeitweilig auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten und an einem neuen Job in Deutschland interessiert seien. Durch eine Gesetzesänderung könnten Ukrainer seit dem Sommer 2017 langfristig in Deutschland arbeiten – auch wenn der bürokratische Aufwand immer noch groß ist.

Leute fehlen

Auch Daniel Steinhoff wartet auf neue Mitarbeiter aus dem osteuropäischen Land, denn ihm fehlen nach wie vor die Leute. „Wir haben 21 Angestellte im Brockenhotel, zu guten Zeiten waren wir 28“, sagt er. Im Januar sollen vier Ukrainer – ein Koch und mehrere Küchenhilfen – im Harz eintreffen.

„Wir sind ein internationales Team“, betont der Brockenwirt. Neben Paris Sivriyan beschäftigt Steinhoff bereits eine junge Polin und einen gebürtigen Russen, der in Bayern aufgewachsen ist. Mit ihnen arbeitet Paris Sivriyan als Hausmädchen – bezieht die Betten, reinigt die Hotelzimmer und putzt in der Küche.

Gegenseitiges Lob

Es läuft gut, sagt Steinhoff. „Wir sind sehr zufrieden mit ihr. Sie ist fleißig und kommt allein zurecht, auch wenn großer Andrang herrscht und viel zu tun ist.“ Paris Sivriyan lobt ebenfalls ihren Arbeitgeber. „Er ist ein echter Manager – einer, der jeden aus seinem Team ersetzen kann.“

Dass Steinhoff selbst anpackt, wo es nötig ist, hat sie beeindruckt – ebenso der Zusammenhalt im Familienunternehmen. Als ihr Sohn seine Hochzeit plante, brauchte die Bulgarin kurzfristig Geld. Steinhoff half mit einem Arbeitnehmerdarlehen, sie weinte Freudentränen. „Was man dem Personal gibt, das bekommt man zurück“, sagt Daniel Steinhoff.

Dass die Deutschen kalt und unfreundlich seien, wie sie in Bulgarien hörte, das ist ein Klischee, das Paris Sivriyan nicht bestätigen kann. „Ich habe wunderbare Leute getroffen.“ Damit sei sie „eine ideale Botschafterin“, die in ihrem Heimatland um Arbeitskräfte werben kann, sagt Personalexperte Wolfgang Menger. „Jemand, der in der Heimat etwas Gutes erzählt, ist selten.“ Stattdessen erlebt er, dass zum Beispiel in Spanien vor Arbeitsaufenthalten in Deutschland gewarnt wird. Neues Vertrauen müsse man erarbeiten.

Für Paris Sivriyan ist der Umzug in den Harz bisher ein Volltreffer – auch wenn sie als Immobilienmaklerin in Sofia mehr verdient hat. In Schierke hat sie eine Wohnung gemietet, auf dem Brocken verbringt sie ihre Arbeitstage, schreibt nebenbei ein Buch. „Das ist ein ganz spezieller, ein magischer Ort“, sagt Paris Sivriyan. Vielleicht wird ihr Lebensgefährte ihr nach Schierke folgen. Denn die eigentlich so reiselustige Bulgarin kann sich vorstellen, den Rest ihres Lebens am Fuß des Brockens zu verbringen. „Der Harz, das wird eine Liebe für immer.“