Blankenburg l „Ich versuche, ein Fenster in die Vergangenheit zu öffnen“, sagt Dr. Bettina Jungklaus. Die geologische Anthropologin ist an diesem wechselhaften Märztag zum ersten Mal im Kloster Michaelstein (Blankenburg). „Eine wunderschöne Klosteranlage“, sagt sie. „Und ich habe schon viele Klöster gesehen.“ 6000 Gräber hat die Freiberuflerin in ihrer 23-jährigen Laufbahn schon untersucht. Auch grausige Fälle. „Ein Mord an einer Familie, die mit 70 Axthieben getötet wurde im Jahr 1770“, erzählt sie mit leiser Stimme. „Aber auch viele Klosterbestattungen“, sagt die Biologin und nimmt den Knochen vor ihr in Augenschein.

In einer Pappschachtel liegen weitere Knochensplitter und Gebeine, gefunden bei Arbeiten im November im Kapitelsaal des Klosters. „Wahrscheinlich handelt es sich um einen Mann, der etwa 1,70 Meter groß war, im Alter von Mitte 40, Anfang 50“, schätzt sie. „Auf der Stirn befindet sich eine alte Hiebverletzung, die jedoch abgeheilt war.“ Die Knochen seien gezeichnet von Arthrose. „Nichts Ungewöhnliches“, so die Expertin. Ungewöhnlich sei jedoch die Lage des Fundes. „Ich würde davon ausgehen, dass es ein besonderer Mensch war, der dort im Kapitelsaal beigesetzt wurde.“

Nur etwa zwei Stunden braucht Bettina Jungklaus für ihre Untersuchung. Gespannt lauschen Michaelsteins Museumsleiter Simon Sosnitza und der Prähistoriker Olaf Kürbis vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle ihren Ausführungen. Die Fundstelle fasziniert auch die beiden Männer. „Zu Füßen des Abtes, der im östlichen Bereich auf einer leicht erhöhten Stelle als Stellvertreter Jesu Christis saß“, so der Historiker Sosnitza. „Sollte es sich um ein Grab aus dem Mittelalter handeln, dann könnte es ein Stifter des Klosters oder ein anderer prominenter Zeitgenosse gewesen sein.“ Klar ist allerdings bisher nicht, wie alt die Überreste wirklich sind. „Es stehen noch große Fragezeichen im Raum“, sagt Olaf Kürbis.

Grabstelle mehrfach genutzt?

So seien Knochen von insgesamt drei verschiedenen Menschen in dem sogenannten Kopfnischengrab geborgen worden. „Wir haben drei untere Enden vom rechten Schienbein gefunden“, sagt Bettina Jungklaus. Möglicherweise, so die Vermutung der Experten, sei die Grabstelle mehrfach genutzt worden, Gebeine dabei nicht restlos entfernt worden. Wie alt welche Knochen sind, soll noch mit einer Datierung geklärt werden. Sie könnte Licht ins Dunkel bringen. Ein normaler Mönch sei mit Sicherheit nicht in diesem exponierten Raum begraben worden, ist sich Simon Sosnitza sicher. Da es keine Klosterchroniken mehr gebe, sei selbst nach einer genauen Eingrenzung des Alters der Gebeine nur schwer zu sagen, wer genau dort begraben wurde.

Das Kopfnischengrab ist eine Kammer aus Stein – an sich typisch mittelalterlich, so Olaf Kürbis. „Es wirkt allerdings jünger, denn die Verarbeitung der Steine ist nicht so ordentlich und genau ausgeführt wie im Mittelalter. Das deutet daraufhin, dass es aus dem 17. Jahrhundert stammen könnte.“ Mit den Jahrhunderten sei immer schludriger gearbeitet worden. „Romanische Bauwerke dagegen sind sehr akkurat.“ In der Grabstelle seien keine weiteren Hinweise auf die Identität des oder der Toten entdeckt worden. „Keine Siegelringe, keine Namensschilder“, so Simon Sosnitza. „Lediglich einige Lederreste, die von Schuhen stammen könnten.“ Interessant sei, so erklärt Bettina Jungklaus, dass die Knochen nicht mehr im anatomischen Verbund gelegen haben. So sei es wahrscheinlich, dass jemand in das Grab eingegriffen hat. Grabungen im Kapitelsaal fanden im 1878 und 1932 statt, wie man gesichert weiß.

Auch ein Tierknochen – die Rippe eines Rindes – sei entdeckt worden. Für christliche Bestattungen eher unüblich, sind sich die Experten einig. Vielleicht wurden schlicht Essensreste in die Grabstelle geworfen. Die meisten Knochen gehörten überwiegend zu einer Person, eben des 1,70 Meter großen Mannes. Er sei mit dem Kopf gen Westen und den Füßen nach Osten beerdigt worden. „So wie es sich für eine christliche Bestattung gehört“, sagt Olaf Kürbis.

Grab bei Bauarbeiten am Boden entdeckt

Auf das Grab sei man während Untersuchungen im Zuge von Bauarbeiten gestoßen. Ein neuer Boden soll den Kapitelsaal zieren. „Wir wollen den Fußboden so eben wie möglich gestalten“, so der 37-jährige Museumsleiter. „Dafür mussten wir 25 bis 30 Zentimeter des vorhandenen Bodens wegnehmen.“ In weiser Voraussicht hatte man zunächst zwei Sondierungsschnitte in den Boden des Saals gezogen, um auf mögliche Rückstände von Gräbern zu stoßen. Schließlich habe ein Sandsteinblock auf die Fundstelle hingedeutet, der herauskragte. Archäologen haben die Arbeiten von Beginn an begleitet, berichtet Olaf Kürbis.

Es liege im Interesse seiner Behörde, dass solche Fundstellen nicht im Zuge von Arbeiten zerstört werden – eben um relevante Erkenntnisse über die Geschichte zu gewinnen. Die Kosten für die durch Archäologen begleitete Ausgrabung, die Untersuchung durch die An-thropologin und die noch folgende Datierung muss der Verursacher übernehmen. „Das ist der Bauherr“, so Olaf Kürbis. In diesem Fall die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt. Wie hoch die Kosten sind, weiß der Museumsleiter nicht. Das gehe über den Schreibtisch in einer anderen Abteilung der Stiftung. Am liebsten hätte er weiter graben lassen. Letztlich sei es jedoch eine Frage des Geldes.

Im April soll die Sanierung des Kapitelsaals abgeschlossen werden. Von den Erkenntnissen aus den Untersuchungen werden die Besucher des Zisterzienserklosters in Führungen erfahren. „Außerdem soll der Saal wieder für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden“, so Sosnitza. In vier bis sechs Wochen wird auch der unbekannte Tote und mit ihm die Überreste der beiden anderen Verstorbenen seine letzte Ruhestätte finden; und zwar an der Fundstelle. Der Hohlraum wird erhalten und mit Platten abgedeckt. „Wir haben zwar keine spektakulären Funde gemacht, aber jede Menge Erkenntnisse gewonnen“, so sein Resümee.