Trautenstein l Plötzlich geht es nicht mehr weiter: Umgestürzte Fichten versperren den Weg zur Rappbodevorsperre bei Trautenstein. Die Blockade hat an dieser Stelle zwar nicht lange gedauert: Nach einer Havarie war der Harvester zwei Tage später wieder einsatzbereit, berichtet Förster Raik Hildebrand. „Das Holz ist beräumt, jeder kann passieren.“ Doch umliegende Bäume und zerfahrene Waldwege sind im Gebiet der Oberharzstadt wie auch darüber hinaus derzeit an der Tagesordnung.

Davon kann Iris Baumann ein Lied singen. Auf vielen Wanderwegen rund um Trautenstein sei es derzeit schwierig voranzukommen – unlängst zum Beispiel am Weg vom Holdenkampsblick hinunter ins Tal. „Da lagen alle Bäume kreuz und quer“, sagt die Vorsitzende des Harzklub-Zweigvereins in Trautenstein. „So sieht es überall im Harz aus“, sagt Eberhard Reckleben, Leiter des Landesforstbetriebs Oberharz in Trautenstein – denn die Fällarbeiten dauern auch jetzt im Winter mit voller Stärke an.

Wer durch die Wälder fährt, sieht allerorten Maschinen und Menschen bei der Arbeit sowie aufgestapelte Baumstämme. Die Größenordnung der Abholzungsaktion sei enorm. 2020 "haben wir in der Fichte das Acht- bis Neunfache eines normalen Einschlags vornehmen müssen“, sagt der Forstbetriebschef. „Wir sind aber noch lange nicht am Ende.“

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Holztransporte zerfahren Waldwege

Die Folgen von Trockenheit und Borkenkäferbefall zwingen die Forstleute weiterhin dazu, Bäume zu fällen. Zwar seien die Preise im Keller, doch die Mengennachfrage nehme langsam wieder zu, sagt Reckleben. Das oftmals im Wald gelagerte Holz werde abgeholt, sobald es verkauft sei. „Da kann es passieren, dass über Nacht 20 Lkw kommen und das ganze Holz abholen“, sagt Reckleben – mit den entsprechenden Folgen für den Zustand der Wege. Diese seien zwar begehbar, aber „in einem katastrophalen Zustand“, so der Forstchef. Der Wegebauzug des Betriebs sei ständig im Einsatz, habe aber Mühe, Schritt zu halten. „Es ist eine Herausforderung.“ Nicht nur wegen der ständigen „Schlammschlacht“ sei Vorsicht angebracht. Die Gefahrenlage sei momentan um ein Vielfaches höher als sonst. „Bei Wind kann es sein, dass die toten Bäume relativ schnell zusammenkrachen.“

Ebenso gefährlich seien große Äste, die aus den Kronen herunterstürzen könnten, sagt Reckleben mit Blick auf den tragischen Unfall, der sich im Herbst nahe Altenbrak ereignet hat. Ein Baby wurde von einem herabfallenden Ast erschlagen.

Mahnung zur Vorsicht an Wanderer

Zur Vorsicht mahnt daher auch der Tourismusbetrieb der Stadt Oberharz am Brocken. „Die Wanderer müssen derzeit eine hohe Eigenverantwortung mitbringen“, sagt Betriebsleiter Thomas Schult. Auf den 950 Kilometern Wanderweg im Stadtgebiet könne es sein, dass Bäume auch längerfristig im Weg seien, ergänzt sein Stellvertreter Markus Mende. „Es gibt unterschiedliche Interessenslagen. Dafür muss man Verständnis haben.“

Man wolle Einheimische und Gäste etwa auf der eigenen Website darüber informieren, wo im Wald Gefahren und Einschränkungen bestehen. „Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten das Netzwerk aktuell zu halten“, so Schult.

Wer nach Schildern wandert, sollte ebenfalls besonders aufmerksam sein – denn nicht selten würden Bäume mit Wegemarkierungen oder Schildern gefällt. Das erlebe sie immer wieder, sagt Harzklub-Chefin Iris Baumann. „Wir haben unsere 60 Kilometer Wanderwege akribisch ausgeschildert.“ Nun müsse man neue Pfähle aufstellen, was aber mit den wenigen aktiven, aber meist betagten Mitgliedern ein Kraftakt sei.

Borkenkäfer-Hotspot in Deutschland?

Zudem seien die Arbeiten weiter in vollem Gange. „Der Harz ist einfach der Hotspot in Sachsen-Anhalt und deutschlandweit“, sagt Michael Selmikat, Vorstandsmitglied im Verband der Waldbesitzer Sachsen-Anhalt und verantwortlich für den Stadtwald Wernigerode. Es sei dringend nötig, die Borkenkäfer aus dem Wald zu nehmen. Die Hauptwege sollten trotzdem begehbar bleiben, es könne aber vorkommen, dass Nebenwege gesperrt würden, wenn die Sicherheit nicht zu gewährleisten sei.

Auch im städtischen Forst bei Trautenstein habe sich der Borkenkäfer eingenistet, sagt Förster Raik Hildebrand. Daher habe man „zeitnah und zügig“ abholzen müssen. Für das Frühjahr ist die Aufforstung geplant. Wandern könne man derweil durchaus, sagt Hauptamtsleiter Dirk Heinemann. „Der Zustand der Wege ist nicht sehr gut oder gut, aber zufriedenstellend.“

Das bestätigt Thomas Schult: „Es sind ausreichend Wanderwege in guter Qualität vorhanden.“ Dass diese derzeit besonders gefragt seien, weiß Iris Baumann nur zu gut: „Durch die Corona-Pandemie zieht es uns nun mal in die Wälder.“