Wernigerode l Otto Hosbach wirkt keineswegs so, als ob er sich mal eben was unterjubeln lassen würde. Deshalb sind dem 80-jährigen Rentner aus Wernigerode nach einem dubios anmutenden Kontakt mit einem ihm unbekannten Mann auch schnell Zweifel an dessen Redlichkeit gekommen. Der Mann habe ihn unaufgefordert kontaktiert, um ihm Echtheitszertifikate für eine vor etwa 30 Jahren erworbene Brockhaus-Lexika-Reihe zu überlassen. „Allein der Fakt, dass der Brockhaus-Verlag schon seit Jahren nicht mehr existiert, hat bei mir sofort die Alarmglocken schrillen lassen“, berichtet er am Lesertelefon der Volksstimme.

Ob der Mann tatsächlich mit unredlichen Absichten unterwegs ist oder nur wegen seiner ungewöhnlichen Geschäftsgebaren auffällt, bleibt am Ende offen. Sicher ist aber: Es bleiben mindestens ein ungutes Gefühl und viele offene Fragen.

Waschzettel

Der Mann, berichtet Otto Hosbach, habe am Mittwoch vergangener Woche gegen Mittag bei ihm geklingelt. „Als ich an der Tür war, war der Mann schon dabei, in einen Seat einzusteigen und wegzufahren.“ Da Hosbach jedoch sehen konnte, dass der Unbekannte zuvor noch etwas in seinen Briefkasten gesteckt hatte, sah er dort nach. Der Senior fischte einen abgerissenen Waschzettel heraus – darauf die handschriftlich notierte dringende Bitte um Rückruf und eine Mobilfunknummer. Hinweise auf ein geschäftliches Ansinnen, gar den Verweis auf eine konkrete Firma sucht man auf diesem Zettelchen vergeblich.

Worum es ging, erfuhr Hosbach wenig später beim Anruf jener Nummer. Er habe doch mal eine Brockhaus-Enzyklopädie erworben, habe ihm der Mann am Telefon erklärt. Nun gehe es darum, ein Echtheitszertifikat nachzureichen. Gut, das könne man ja machen, willigte Hosbach ein und vereinbarte einen Termin für Freitag voriger Woche.

Zweifel

Gleichwohl kamen dem Senior nach dem Telefonat Zweifel. „Die Enzyklopädie hatte ich irgendwann kurz nach der Wende erworben – was soll ich jetzt plötzlich, fast 30 Jahre später, mit einem Echtheitszertifikat? Und wieso just jetzt?

Gleichwohl – aus polizeilicher Sicht war bis zu diesem Zeitpunkt noch kein strafrechtlich relevantes Delikt erkennbar. Einfach den Termin wieder absagen und keinesfalls jemanden in seine eigenen vier Wände lassen, lautete daher der Rat im örtlichen Revierkommissariat.

Warnung

Doch sollte man, fragte sich Otto Hosbach, das merkwürdige Ansinnen nicht offensiv öffentlich machen, um womöglich andere Opfer rechtzeitig zu warnen? Eine Frage, die den 80-Jährigen zunächst ans Lesertelefon der Volksstimme und wenig später in die Redaktion führte.

Den Brockhaus-Verlag gibt es tatsächlich schon seit Jahren nicht mehr. In die Nachfolge – sowohl hinsichtlich der Verlagsbestandteile als auch bezüglich der Rechte an der Marke „Brockhaus“ – sind verschiedene Firmen eingetreten. Eine davon ist die „inmedia-ONE GmbH“, die in der Vergangenheit nach eigener Darstellung Publikationen und insbesondere Lexika – darunter von Brockhaus und Bertelsmann – vertrieben hat.

Keine Akquise

Aber: Auch inmedia-ONE hat die direkte Kunden- akquise schon 2013 eingestellt, ist auf der Internetseite der Firma zu erfahren. Und mehr noch: Kunden oder angesprochene Personen werden auf der Website ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Haustürgeschäft schon Mitte 2014 eingestellt worden sei. Heute gehe es im Zusammenspiel mit der Brockhaus-Redaktion bestenfalls um digitale Offerten.

Diese aber, versichert Otto Hosbach, habe er niemals abgeschlossen. Und: Auf der Internetseite von inmedia-ONE wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass keine Außendienstvertreter mehr unterwegs seien. Ausdrücklich wird auch darauf verwiesen, dass zuletzt Kunden vermehrt von ungebetenen Anrufern und Besuchern berichtet hätten, die behauptet hätten, im Auftrag von inmedia-ONE, Brockhaus oder Bertelsmann unterwegs zu sein, Produkte anzubieten oder Verträge abzuschließen. Die klare Botschaft von Inmedia-ONE dazu lautet: Wir besuchen unsere Kunden niemals persönlich. Beratung und Verkauf in Privathäusern fänden nicht mehr statt. „Diese Anrufer und Besucher handeln nicht in unserem Auftrag.“

Doch wer verbirgt sich dann hinter jenem Waschzettel und der Funknummer? Ein gewisser Florian Buchholz, der einräumt, jüngst im Raum Wernigerode „mehrere Zettel geschmissen“ zu haben. Es gehe tatsächlich um Echtheitszertifikate, weil besagte Lexika ja nicht ganz billig gewesen seien, versichert Buchholz.

Neue Kontakte

Seinen Worten zufolge sei er aber nicht für inmedia-ONE unterwegs, sondern für einen Verlag Müller & Schindler, der in Bayern ansässig ist. Und natürlich, räumt Buchholz schließlich ein, gehe es nicht allein um jene Zertifikate, sondern um eine Kontaktaufnahme zu Kunden und in letzter Konsequenz um „den Versuch von weiterer Aquise“. Das sei bei solchen Kontakten doch immer so, erinnert Buchholz.

Letztlich könne ein in Österreich ansässiger Verlagsvertreter dies alles bestätigen. Jener Herr ist für die Volksstimme jedoch nicht erreichbar. Wenig Erfolg auch beim Festnetzanschluss jenes Verlags: Man sei nur für den Vertrieb zuständig, nicht fürs Verlagsgeschäft an sich. Eine Kontaktaufnahme sei nur via Mail möglich. Und die bleibt am Montag unbeantwortet. Unbeantwortet blieben bis Redaktionsschluss auch alle anderen Anfragen in Richtung der inmedia-ONE GmbH und zum Bertelsmann-Verlag. Offenbar wird überall noch intern geprüft, ob es Verbindungen zu jenem Florian Buchholz gibt.

Tipp

Was sagt die Polizei? Deren Tipp ist klar: Äußerste Vorsicht bei derartigen Offerten und erst recht, wenn es darum geht, fremde Menschen in die Wohnung zu lassen oder an der Haustür etwas zu unterschreiben.