Wernigerode l Die Zahl der Corona-Fälle ist in Wernigerode und im ganzen Harzkreis überschaubar geblieben. Wie es hingegen ist, wenn die Pandemie voll zuschlägt, hat Thorsten Mummel erfahren. Der 51-Jährige arbeitet beim Rettungsdienst in Wernigerode und wurde als Reservist der Bundeswehr sechs Wochen lang zum Corona-Hilfseinsatz in den Süden Deutschlands abgeordnet.

Anfang März erhielt sein Chef, Rettungsdienst-Leiter Michael Werner, eine Anfrage der Bundeswehr. Diese wollte wissen, wo medizinisches Fachpersonal verfügbar sei. 13 Personen aus dem Harz hätten auf der Liste gestanden. „Doch wir konnten nicht alle entbehren“, sagt Werner. 170 Mitarbeiter beschäftigt der Rettungsdienst in Wernigerode, davon 120 in der Notfallbetreuung. Wie sehr sie gefordert werden würden, war zu Beginn der Corona-Krise unklar. „Wir wussten zu der Zeit noch nicht, was uns erwartet“, sagt Werner.

Daher wurden lediglich zwei Mitarbeiter ausgewählt – unter ihnen Thorsten Mummel. Der 51-Jährige war von 1988 bis 1992 Zeitsoldat, absolvierte Einsätze in Bosnien und Afghanistan. Danach wurde der Rettungssanitäter Reservist. Seit Jahren ist Mummel, der in Goslar lebt, als Ausbilder unterwegs, gehört dem Sanitätsregiment I in Berlin an und hat eine Stelle am dortigen Ausbildungs- und Simulationszentrum.

Zwei Monate warten auf Kommando

Er sei bereit zu helfen, erklärte Mummel – und wartete ab. Zwei Monate lang tat sich nichts, doch dann ging es ganz schnell. „Am Donnerstag, 8. Mai, bekam ich einen Anruf, am Tag darauf den Heranziehungsbescheid“, berichtet der Rettungssanitäter. „Am 12. Mai war ich unterwegs.“ Erstes Ziel war Schwetzingen, eine Kleinstadt nahe Heidelberg. Dort arbeitete Mummel in der Quarantäne-Station einer Anlaufstelle für Asylbewerber, die in einer früheren US-Basis untergebracht war. Das medizinische Team dort – Ärzte, Pfleger, Soldaten, Zivilisten – war bunt gemischt und mehrsprachig.

Nach einer Woche wurde der Hauptfeldwebel nach Ludwigshafen abkommandiert. Das Klinikum hatte um Hilfe für die Infektionsambulanz gebeten. „Das ist die erste Anlaufstelle für die Bewohner Ludwigshafens und des gesamten Landkreises“, erklärt Oberstleutnant Werner Parlow, Leiter des Kreisverbindungskommandos der Bundeswehr in der Großstadt am Rhein. Es habe sich schon früh abgezeichnet, dass die zivilen Kräfte überfordert seien. Anfang März rief die Stadt die Bundeswehr zu Hilfe.

Das sei angesichts des großen Andrangs in der Ambulanz kein Wunder, so Parlow. Bis zu 400 Menschen wurden an manchen Tagen gezählt. Einige von ihnen seien überbesorgt bis zur Hysterie, andere anspruchsvoll und fordernd. „Und wenn morgens schon 50, 60 Leute Schlange stehen, dann dauert es etwas länger“, so Parlow. „Da ist das Krankenhauspersonal froh, wenn jemand in Uniform dort steht.“

350 Corona-Tests pro Tag in Ludwigshafen

Die Masse der Menschen, die zu den Tests kamen, hat Thorsten Mummel beeindruckt. 350 Proben aus Mund, Nase und Rachen pro Tag – das war normal, berichtet er. Fünf Wochen pendelte er zwischen der Ambulanz, einem großen Zelt gegenüber dem Klinikgebäude, und den Stationen im Krankenhaus. „Mein Job war das Abstreichen“, so Mummel – nicht nur bei denen, die der Hausarzt schickte, sondern bei Patienten des Krankenhauses.

Im Anschluss waren ein Fragenkatalog durchzugehen und die Symptome abzuklopfen – sofern vorhanden. „Es waren etliche positiv Getestete dabei, vor allem Asymptomatische.“ Dass viele infiziert waren, obwohl alles in Ordnung schien, machte ihn nachdenklich. „Eine Patientin habe ich drei Wochen lang positiv getestet“, berichtet er. Die Frau lag in der Klinik, es ging ihr wieder gut, doch die Viren verschwanden nicht. Was sie anrichten können, hat er in zwei schweren Fälle erlebt. „Das war nicht schön.“ Die Patienten auf der Intensivstation wurden mit vollem Maschineneinsatz behandelt. „Es gab keine Körperöfffnung, in der kein Schlauch steckte.

Der Dienst war auch körperlich anspruchsvoll: Bis zu zehn Kilometer Laufen pro Tag, mit Maske, Brille und Kittel, nicht selten Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden täglich. Angst vor Ansteckung hatte Thorsten Mummel nicht. Wöchentlich wurde getestet – vor der Heimfahrt am Wochenende, „zum Schutz der eigenen Familie“.

Medizinische Ausbildung nötig für Hilfe

Sinnvoll war sein Einsatz allemal, sagt er. „Ich finde es gut, dass die Bundeswehr sich im Zivilen zeigt und hilft.“ In der Krise müsse man Unterstützung leisten, sagt Michael Werner – auch wenn er zeitweise auf Mitarbeiter verzichten musste. Klar sei: „Für normale Reservistendienste würden wir keine Fachleute abstellen.“ Im Corona-Einsatz sei jedoch eine medizinische Ausbildung nötig. „Dadurch kann zum Beispiel Thorsten Mummel an so einem Hotspot viel bewirken.“

Dass die Menschen trotz hoher Infektionszahlen unvorsichtig werden, hat der Harzer in Ludwigshafen erlebt. In einem Park in der Umgebung ging er laufen. „Da waren so viele Menschen, an die Abstandsregeln hielt sich kaum jemand.“

Die Frage sei, wie es nun weitergehe. „Wir sind auf Standby, keiner weiß, was wird“, sagt Michael Werner. Der Krisenstab beim Kreis, dem er angehört, könne jederzeit zusammentreten, sobald es nötig ist. Dass die Corona-Krise bald vorbei sein könnte, hält Thorsten Mummel für ausgeschlossen. „Wir müssen dieses und vielleicht auch nächstes Jahr mit Einschränkungen leben.“ Gut möglich, dass dann ein weiterer Einsatz auf ihn zukommt.