Harz l Er steht schon, der große Baum vor dem Wernigeröder Rathaus. Gerade werden die Lichterketten rundherum angebracht. „Das sieht richtig gemütlich aus“, sagt Linda Brozio, während sie dabei zusieht. Dass der Platz unter den Ketten, auf dem sonst viele kleine Holzbuden errichtet werden, in diesem Jahr leer bleibt, findet die 29-jährige gebürtige Thalenserin sehr schade.

Wie in so vielen Städten der Region ist der Wernigeröder Weihnachtsmarkt abgesagt worden. Coronabedingt. Damit Kunden wie Händler aber nicht ganz auf den Advents-trubel verzichten müssen, haben sich Linda Brozio und ihre zwei Mitstreiter von der Kreativagentur „Polyluchs“ etwas einfallen lassen: den ersten digitalen Harz-Weihnachtsmarkt, der am morgigen Sonntag eröffnet wird.

Rund 30 Anbieter haben sich bisher einen Standplatz gesichert. „Und es werden täglich mehr“, berichtet Tino Semmer stolz. Die Händler kommen aus dem Landkreis Harz und darüber hinaus, etwa aus Nordhausen, Bad Harzburg und Osterode. Es gibt Hanföl aus Hedersleben, handgegossene Kerzen aus Ilsenburg, Weihnachtsbrot aus Wernigerode, Harzer Gin, Keramik aus Quedlinburg. „Es sind Produkte darunter, die es sonst nicht auf Weihnachtsmärkten zu finden sind und solche, die es so noch nie gab, die extra für den digitalen Weihnachtsmarkt geschaffen wurden“, sagt Tino Semmer. So bietet Konditor René Silberbach erstmals einen Brotbackkurs an, für den Gutscheine erstanden werden können.

"Glühwein" für guten Zweck

Das Konzept sei ein Markt voller Geschenkideen, fasst Semmer zusammen. Ein vollwertiger Ersatz für einen Bummel durch eine winterliche Stadt könne ihre Internetseite natürlich nicht sein, räumt der Wernigeröder ein. Der Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln, Fahrgeschäfte, Kälte, die langsam in den Körper zieht – das alles könne nicht via Internet transportiert werden. Vorfreude aufs Fest soll dennoch aufkommen. „Wir haben versucht, mit dem Layout und Musik Atmosphäre zu schaffen“, erläutert der 35-Jährige.

Sogar Glühwein soll es geben – für einen Euro die Tasse. Getrunken werden kann dieser nicht – es handelt sich vielmehr um eine Spende. „Für den Verein für krebskranke Kinder“, informiert Semmer. Im Gespräch mit einem Vereinsmitglied habe er erfahren, dass die Ehrenamtler in diesem Jahr mehr erkrankte Kinder und deren Familien als in den Vorjahren unterstützen. „Aber aufgrund von Corona sind viele Veranstaltungen, wie Benefizläufe, ausgefallen, auf denen sie sonst Spenden sammeln.“ Selbst Vater – sein Sohn ist drei Jahre alt, im Januar wird seine Tochter geboren – sei es ihm eine Herzensangelegenheit, hier zu helfen. Einiger der Anbieter, so berichten die „Polyluchse“, haben angekündigt, einen Teil ihres Umsatzes ebenfalls zu spenden. „Ein Muss ist das aber nicht“, sagt Maria Brinkmann.

Standgebühr von 50 Euro

Für die Händler und Dienstleister wird eine Standgebühr fällig, jeweils 50 Euro. Zudem erhält die Agentur bei Verkäufen eine Gebühr über zehn Prozent. „Gewinnbringend ist das für uns nicht“, sagt Linda Brozio. Schließlich arbeite das Team seit Anfang Oktober an der Idee. Kontakte knüpfen, Gestaltung der Seite, Rechtsfragen klären, Inhalte erstellen – das alles koste viel Zeit. Neben ihren eigentlichen Projekten. Es werde so manche Nachtschicht eingelegt, damit der Weihnachtsmarkt pünktlich an den Start gehen kann.

Und da zum Besuch eines solchen auch Gespräche und Leute kennenzulernen gehöre, hat sich das Dreiergespann eine digitale Alternative überlegt. Einen Weihnachtsblog. „Der soll gefüllt werden mit Weihnachtsgeschichten, Bastelideen oder Rezepten und Fotos, die uns die Leute schicken“, erläutert Linda Brozio.

Gründung statt Hartz-IV

Fotos sind das eigentliche Element der beiden gebürtigen Thalenserinnen und ihres Mitstreiters. Die drei sind in den vergangenen Jahren als Fotografen unterwegs gewesen – die Frauen als Team, Semmer allein. Vor allem für Hochzeiten, gern im Ausland, zückten sie ihre Kameras. Werbeaufträge kamen hinzu. „Und dann kam Corona“, sagt Linda Brozio. Anfangs, so ergänzt Maria Brinkmann, hatten sie noch die Hoffnung, dass die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen auf ihre Arbeit schnell überstanden sein könnten. Doch Veranstaltungsverbote und Absagen ließen diese Hoffnung bald schwinden. „Da überlegt man schon, sich einen anderen Job zu suchen. Ich habe auch schon auf einen Hartz-IV-Antrag geschielt“, gesteht Linda Brozio.

In dieser Zeit haben sich die Frauen mit anderen Fotografen ausgetauscht. Statt auf Konkurrenz sei inerhalb der Szene auf Gemeinschaft gesetzt worden. „Es hat sich ein Solidaritätsgefühl eingestellt“, sagt Linda Brozio.

In Corona-Krise Agentur gegründet

Auch mit Tino Semmer hatten die beiden Frauen immer wieder Kontakt, schon vor Corona. Und so haben sie beschlossen, ihre Kräfte und Talente zu bündeln. Der Startschuss für ihre Kreativagentur „Polyluchs“, die sie im April gründeten. „Von Anfang an war uns klar, dass wir uns auf den Harz spezialisieren wollen“, sagt Maria Brinkmann, die nach beruflichen Stationen in Niedersachsen nun wieder in ihrer Heimatstadt Thale wohnt. „Wir sind sehr naturverbunden und lieben den Harz“, erläutert Linda Brozio. Mit den Leistungen ihrer Agentur wollen sie Firmen aus der Region unterstützen, sich bestmöglich zu präsentieren. Der Bedarf dafür sei groß.

Entstanden sind in den vergangenen Monaten Fotos, neugestaltete Internetauftritte, Logo-Entwürfe und Videofilme. Zu den Kunden gehören unter anderem das Wernigeröder Kammerorchester, eine Wohnungsgesellschaft, Pensionen und Hotels. Auch Produkte wie Harzer Gin werden von den „Polyluchsen“ in Szene gesetzt. „Die Agentur ist wirklich gut angelaufen“, sagt Linda Brozio stolz. „Sie ist viel mehr als eine Notlösung“, betont auch Tino Semmer.

Aus Internet in echte Welt

Ähnlichen Erfolg erhoffen sie sich nun für den digitalen Weihnachtsmarkt. „Viele Leute wissen gar nicht, was es hier für tolle Produkte gibt und viele Händler kennen bisher nicht ihr Potential“, so Semmer. Das wollen sie ändern. Deshalb freue es das Team sehr, dass über die Online-Weihnachtsmarkt-Idee bereits Kooperationen zwischen einzelnen Händlern entstanden sind, die vorher gar nichts voneinander wussten.

Deshalb könnte der digitale Markt über die Weihnachtszeit hinaus existieren und wachsen. „Im Januar wollen wir mit allen Beteiligten ein Fazit ziehen, schauen, was besser laufen kann und wo noch Luft nach oben ist“, so Semmer. Und, so ergänzt Linda Brozio, wenn es die Corona-Regeln zulassen, könnte der Markt aus dem Internet auch immer mal wieder auf einen realen Platz geholt werden.

 

der digitale Harz-Weihnachtsmarkt wird am Sonntag, 22. November, um 20 Uhr unter www. harzfeeling.de freigeschaltet