Blankenburg l Mit einem Mausklick springt Museumspädagogin Susann Dreßler aus dem Kräutergarten des Klosters Michaelstein in die zweite Etage zur Musikausstellung, wo Bachs Weihnachtsoratorium erklingt – als kurzes Video. Was bislang nur in international renommierten Häusern wie dem Pergamonmuseum in Berlin, dem Rijksmuseum in Amsterdam oder dem Metropolitan Museum of Art in New York möglich war, funktioniert nun auch in Blankenburg: Michaelstein gehört seit Freitag, 4. Dezember zu einer neuen Generation virtueller Museen, die täuschend echt mit dem Computer vom Sofa im eigenen Wohnzimmer aus erkundet werden können.

Erster Besucher des virtuellen Zwillings vom echten Kloster war Sachsen-Anhalts Minister für Digitalisierung, Wirtschaft und Wissenschaft, Armin Willingmann (SPD). „Nach dem ersten Eindruck bin ich wirklich neugierig auf die digitale Ausstellung.“ Die Corona-Krise habe bei der Digitalisierung in vielen Bereichen für einen „Beschleunigungseffekt“ gesorgt. Ein Ergebnis davon sei nun in Michaelstein zu bestaunen. „Das ist für Sachsen-Anhalt eine ganz neue Kategorie von Wissens- und Kulturvermittlung“, so Willingmann.

300 Panoramen in Pixel-Wolke verrechnet

Die Grundidee habe das Kloster-Team während der ersten coronabedingten Schließzeit im Frühling entwickelt, erläutert Museumsleiter Simon Sosnitza. „Angefangen haben wir mit ein paar kurzen YouTube-Videos mit Bastel- und Gartentipps.“ Im Mai sei schließlich der Impuls von einem freiberuflichen Filmemacher aus der Region gekommen, der wegen der Pandemie nichts zu tun hatte: „Da geht noch viel mehr.“ Ende August sei an einem Tag das gesamte Klostergelände mit seinen mehr als 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche per Kamera von 300 Aufstellpunkten aus gescannt worden. Diese Kugelpanoramen wurden im Computer zu einer Pixel-Wolke verbunden.

Bilder

„So kann sich der digitale Besucher nicht nur an einem Punkt im Raum drehen, sondern virtuell durch das ganze Museum laufen und sich sogar wie beim echten Rundgang über Vitrinen beugen“, berichtet Sosnitza. Ein weiterer Clou: Zu einzelnen Exponaten und markanten Stellen wie einem Graffiti im Kreuzgang erhält der Nutzer detaillierte Informationen, hochaufgelöste Fotos und bislang 33 Videoclips, in denen Experten zu Wort kommen. Dabei soll es aber nicht bleiben: „Wir arbeiten bereits an Erweiterungen wie neuen Videos zur Musikmaschine des Salomon de Caus und interaktiven Spielen für Kinder“, verspricht der Museumsleiter.

Kostenlose Führungen in Adventszeit

Zu einer kostenlosen Dreiklang-Klosterführung im Internet lädt Museumspädagogin Susann Dreßler erstmals für Sonntag, 6. Dezember, ein. Start ist um 11 Uhr. Interessenten können sich per E-Mail an klosterleben@kulturstiftung-st.de anmelden, erhalten dann die Zugangsdaten – sofern das Kontingent noch nicht ausgeschöpft ist. Weitere virtuelle Touren durch das ehemalige Zisterzienserkloster sind für die Adventszeit jeweils sonntags und donnerstags geplant. Dabei gebe es immer Gelegenheit für Besucher-Fragen, betont Simon Sosnitza.

Lange wird das Kloster Michaelstein sein digitales Alleinstellungsmerkmal aber nicht behalten, ergänzt Christian Philipsen. Wie der Generaldirektor der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt berichtet, soll die Burg Falkenstein Ende Dezember als virtuelles Museum online gehen. Für Schloss Neuenburg an der Unstrut bereite man ebenfalls ein digitales Abbild vor.