Volksstimme: Wann und wie haben Sie bemerkt, dass mit Ihnen möglicherweise etwas nicht stimmt?
Doreen Meier:
Es hat damit angefangen, dass ich am Montag, 30. März, leichte Halsschmerzen bekam. Ich habe mir anfangs noch nichts dabei gedacht. Ich habe keine Mandeln mehr und von daher öfter mal Halsschmerzen. Das ging dann bis Donnerstag so. Am Freitag ging es mir dann plötzlich richtig schlecht. Man muss dazu sagen, dass ich Tabletten gegen Bluthochdruck nehme und seit einem Jahr deshalb behandelt werde. Freitag habe ich Blutdruck gemessen und hatte unter 100. Normalerweise habe ich um die 140. Ich hatte Herzrasen und ich dachte, ich muss den Notdienst rufen. Ich stand total neben mir. Ich bin dann zu meiner Ärztin gegangen.

Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt schon den Verdacht, dass es das Coronavirus sein könnte?
Ja, den hatte ich. Ich habe deshalb auch noch einmal angerufen, als ich vor der Praxis stand und darauf hingewiesen. Ich habe mich zunächst mit meiner Ärztin über das offene Fenster unterhalten. Dann konnte ich ein gesondertes Behandlungszimmer betreten, wo ich untersucht wurde. Ich wollte nicht einfach reingehen und mich ins Wartezimmer setzen. Zum Glück! Heute weiß ich, ich hätte die anstecken können, die im Wartezimmer gesessen haben. Im Behandlungszimmer waren alle komplett in Schutzkleidung. Sie waren gut vorbereitet für den Fall der Fälle.

Hat Ihre Ärztin Sie dann zum Test geschickt?
Nein, sie hat mir gesagt, dass es ganz normal sei, dass der Blutdruck mal schwankt. Ich war trotzdem nicht überzeugt, weil ich sonst nie so einen niedrigen Blutdruck hatte. Ich hatte konkret um einen Test gebeten, aber sie war nicht der Meinung, dass er notwendig sei.

Wie haben Sie dann festgestellt, dass Sie doch mit dem Coronavirus infiziert sind?
Ich arbeite in einer Einrichtung im Gesundheitswesen und habe meine Chefin angerufen, um ihr mitzuteilen, dass ich krank bin. Und da sagte sie: ‚Gut, dass Du anrufst, wir haben hier den ersten Corona-Fall. Ich muss alle Kontaktpersonen auflisten und wollte Dich sowieso gerade anrufen.‘ Der Betroffene war ein Patient. Jetzt kommt das Kuriose: Ich hatte zu diesem Patienten überhaupt keinen Kontakt. Ich habe meine Chefin gebeten, mich trotzdem auf die Liste zu setzen. Heute weiß ich: Wenn ich meiner Chefin nicht gesagt hätte: ‚Schreib mich mal bitte mit auf‘, wäre ich an jenem Freitag nicht getestet worden. Rückblickend ist es fragwürdig, warum in solchen Fällen nicht die gesamte Belegschaft sofort getestet wird.

Und dann ging es ins Testzentrum?
Nein, ich bin an diesem Freitag direkt in meine Arbeitsstätte gefahren, wo die Leute, die auf der Liste standen, getestet wurden. Samstag habe ich den Anruf bekommen von meiner Chefin, dass ich positiv sei. Persönlich wusste ich schon, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Wie ging es Ihnen danach?
Dann ging es rapide bergab. Erst kam der Schnupfen, dann der trockene Husten. Ich habe die ersten sieben Tage im Bett gelegen und durchweg geschlafen. Ich war total schlapp, habe körperlich stark abgebaut, hatte auch zwei, drei Tage Durchfall. Nach dem siebten, achten Tag habe ich meinen Geruchs- und Geschmackssinn komplett verloren. Das hat vier Tage angehalten.

Was heißt das: Komplett verloren? Wie muss man sich das vorstellen?
Ich habe nicht mal Zahnpasta geschmeckt, keinen Badreiniger mehr gerochen. Null gerochen. Ganz prägnante Gerüche nicht wahrgenommen.

Wann wurde es besser?
Zwischenzeitlich ging es mir besser. Ich dachte: ‚Jetzt ist das Schlimmste überstanden.‘ Aber dann kam der Rückfall. Es wurde erheblich schlechter. Der Schnupfen kam wieder mehr, der Husten hielt zwei, drei Tage an. Am vorletzten Tag der Quarantäne, also am Tag 13, ging es mir langsam besser.

Man liest ja häufig, dass Schnupfen gar kein typisches Symptom ist.
Ich weiß, alle sagen immer, der Husten ist so typisch. Der Husten war bei mir eher nebensächlich. Ich habe mich in der Zeit mit anderen Kollegen ausgetauscht, die auch positiv auf Corona getestet worden waren. Und bei den meisten fing es wirklich mit Schnupfen an, der trockene Husten kam danach. Überhaupt reagiert jeder Körper unterschiedlich. Einige Kollegen hatten nur leichten Schnupfen, manch einer hatte gar nichts. Keiner hatte Fieber. Ich übrigens auch nicht.

Kann man es denn mit einer Grippe vergleichen?
Ich war schon mal richtig an Grippe erkrankt. Mein Körper hat diesmal anders gekämpft. Ich hatte beruflich viel Stress, bevor ich krank geworden bin und war sowieso schon körperlich angeschlagen. Vielleicht lag es auch daran, dass meine Kollegen im Vergleich zu mir nicht so schlapp waren. Wobei – einen Kollegen hat es noch viel härter getroffen. Er ist immer noch krank und jetzt, nach einem Monat, ganz langsam auf dem Weg der Besserung. Der hatte gar keine Stimme mehr.

Können Sie denn irgendwie nachvollziehen, wie Sie sich angesteckt haben?
Ich nehme an durch einen Kollegen. Wir teilen uns einen Frühstücksraum und essen in Etappen. Erst die eine Gruppe, dann die andere. Dieser Kollege sitzt in der Gruppe vor mir auf meinem Stuhl. Er war als einer der ersten an Corona erkrankt. Ob er der erste Fall war oder ob der Patient der erste Fall war? Das kann keiner nachvollziehen. Wir hatten alle untereinander Kontakt, bevor es bekannt war. Wie das normal ist unter Kollegen – eben auf dem Flur noch geschnackt.

Zwei Wochen lang mussten Sie zuhause bleiben. Wie haben Sie diese Zeit unter Quarantäne verbracht?
Ich war müde, total erschöpft. Deswegen habe ich die erste Woche nur im Bett gelegen und geschlafen. Ich konnte gerade mal die Treppe runter, um ins Bad zu gehen. Wenn ältere Leute betroffen sind, mag ich mir nicht vorstellen, wie die das hinkriegen. Auch wir waren ja teilweise schon überfordert.

Inwiefern?
Hätte ich meine Eltern nicht gehabt, die für vier Personen einkaufen gegangen sind, wäre es schlecht gewesen. Wenn man noch Tiere hat, ist es noch schlechter. Wir haben Hunde. Mein Mann hat sich um sie gekümmert. Er ist mit denen in den Garten gegangen.

Stimmt, das Haus durften sie ja alle nicht verlassen.
Richtig. Man darf nur zuhause sein. Auch wenn man in den Garten gehen will, ist das nur einzeln möglich. Man kriegt direkt nach der Diagnose Post vom Landkreis, in der steht, dass man positiv auf Covid-19 getestet wurde und von dann bis dann unter Quarantäne gestellt wird. Es wird gleich aufgelistet, wie viel Bußgeld droht, wenn man dagegen verstößt.

Kein „Gute Besserung, Frau Meier“?
Nein.

 

Wie haben Sie die Ämter in dieser Zeit ansonsten wahrgenommen?
Vieles ist widersprüchlich. Die Amtsärztin war hier und hat sich nach meinem Gesundheitszustand erkundigt. Die fahren die ganzen Corona-Patienten ab. Sie hat mir gesagt, ich sei jetzt angeblich für ein halbes Jahr immun. Meine Ärztin ist da wiederum anderer Meinung. Es waren aber alle lieb und nett. Sie haben einem geholfen bei Fragen. Das will ich noch mal betonen. Wir haben jeden zweiten Tag einen Anruf vom Gesundheitsamt erhalten.

Sie haben zwei Kinder und einen Mann. Wurde der Rest der Familie auch getestet?
Mein Mann arbeitet in einem Altenheim. Als am Samstag mein positives Testergebnis da war, musste er sofort von der Arbeit geholt werden. Die Kinder wurden nicht getestet. Mein Mann schon, einen Tag später – und der Test war negativ. Was wir dann gemacht haben, war eine räumliche Trennung. Zum Glück leben wir nicht sehr beengt. Ich habe drei Wochen getrennt von meinem Mann geschlafen. Außerdem haben wir uns nie in einem Raum gleichzeitig aufgehalten. Das heißt, wenn ich in die Küche, das Wohnzimmer oder das Bad gegangen bin, sind alle in ihre Zimmer gegangen.

Das heißt, Ihr Mann war negativ, obwohl er vorher ganz normal mit Ihnen zusammengelebt hat?
Dieser ganze Zusammenhang ist für uns nach wie vor auch total unverständlich. Ich habe meinen Mann zur Arbeit gefahren, am Samstag dann abgeholt. Trotzdem wurde er nur ein einziges Mal, einen Tag nach meinem positiven Ergebnis, getestet und danach nicht noch einmal – obwohl er ja zurück in die Einrichtung gemusst hätte. Er arbeitet in Niedersachsen. Das hat das Gesundheitsamt in Goslar überhaupt nicht verstanden – aber die können nichts machen, weil Sachsen-Anhalt in seinem Fall zuständig ist. Mein Mann wurde beurlaubt, da will der Arbeitgeber einfach sichergehen.

Ist noch einmal ein Test gemacht worden, um sicherzugehen, dass Sie wirklich gesund sind?
Nein, und das verstehe ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich verstehe auch nicht, warum meine Kinder nicht getestet worden sind. Mir ist auch nicht klar, ob sie als Corona-Fälle in die Statistik eingehen. Sie hatten keinerlei Symptome, nichts. Mein Mann war negativ und wurde nicht noch einmal getestet. Weil es mir nach den zwei Wochen Quarantäne immer noch nicht richtig gut ging, habe ich mich mit meiner Ärztin beraten und ich bin noch eine Woche zuhause geblieben, um ganz sicher zu gehen. Ich wäre, wie gesagt, gerne noch einmal getestet worden. Am Montag war ich den ersten Tag wieder arbeiten.

Erinnern Sie sich an den Tag, als die Quarantäne vorbei war?
Wir sind sofort mit den Hunden raus. Es war so ein tolles Gefühl, wieder frei zu sein. Ich kann es gar nicht beschreiben. Einfach überglücklich. Aber trotzdem geht die Angst immer mit. Ich ziehe Handschuhe an und mache meinen Mundschutz um.

Leben Sie jetzt vielleicht ein bisschen entspannter?
Ja. Aber trotzdem kann mir keiner sagen, ob ich wirklich immun bin.

*Name ist der Redaktion bekannt, wurde auf Wunsch der Betroffenen geändert.