Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus

● Der Einzelhandel schließt bis auf folgende Ausnahmen:

Lebensmittelhandel, Getränkemärkte, Banken und Sparkassen, Apotheken, Drogerien, Sanitätshäuser, Optiker, Hörgeräteakustiker, Poststellen, Tierbedarf, Fahrradläden, Bau- und Gartenmärkte, Großhandel, Tankstellen und Kfz-Teileverkaufsstellen, Buchhandel, Zeitungs- und Zeitschriftenhandel, Wochenmärkte, Reinigungen, Waschsalons, Online-Handel, Abhol- und Lieferdienste.

● Das müssen die geöffneten Geschäfte beachten:

- Mindestabstand zu anderen Personen beträgt 1,50 Meter

- je zehn Quadratmeter Verkaufsfläche darf sich nur ein Kunde aufhalten

- verstärkte Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen

- Ansammlungen von mehr als fünf Personen sollen vermieden werden (zum Beispiel Warteschlangen an Kassen)

- Kunden sind mit Aushängen und regelmäßigen Durchsagen über Abstandsregelungen zu informieren

- bei Verstößen kann Hausverbot erteilt werden

Quelle: https://www.sachsen-anhalt.de

Wernigerode l Es muss nicht immer der Online-Versandriese Amazon sein. „Wir sind weiterhin für euch da“ – das ist die zentrale Botschaft, die viele Einzelhändler in Wernigerode seit zwei Wochen, als Läden für Bürobedarf, Bastelgeschäfte, Haushaltswaren und Blumenläden ihre Ladentüren schließen mussten, an ihre Kunden senden.

Waren viele anfangs noch damit beschäftigt, zu garantieren, Abstands- und Hygienevorschriften einzuhalten, so geht es jetzt, da das öffentliche Leben wegen der Corona-Pandemie nach und nach immer weiter eingeschränkt wird, für viele örtliche Händler darum, zu signalisieren: Liebe Kunden, ihr könnt weiter auf uns zählen, denn wir suchen nach Wegen, euch anderweitig zu beliefern.

Kreative Lösungen

Was beweist: Blanke Not macht erfinderisch und kreativ. Denn während bei Lebens-                        mittelgeschäften und anderen Nahversorgern die Umsätze buchstäblich explodieren, sitzen alle anderen Händler auf dem Trockenen. Mehr noch: Die Läden sind dicht, die Umsätze bei null, doch die feste Kosten für Miete, Löhne für Mitarbeiter und Steuervorauszahlungen drücken. Für viele Unternehmen geht es in Woche drei des Ausnahmezustandes längst ums blanke Überleben.

Bilder

Wie für Obst- und Gemüsehändler Sitki Kaya aus Wernigerode. Ihm fehle in der unteren Breiten Straße vor allem die Laufkundschaft, auch für seinen Dönerimbiss. „Die Mitarbeiter aus den umliegenden Geschäften fehlen vor allem um die Mittagszeit“, ergänzt Mitarbeiterin Jana Talaschus. Es sei ja niemand mehr da, der mittags etwas hole. Ihren Dönerimbiss am Nicolaiplatz habe sie bereits dicht gemacht. In dem anderen Geschäft in der unteren Breiten Straße gibt es nur noch einen Liefer- und Abholservice. Abstandsschilder habe sie keine aufgestellt. Denn die Kunden kämen ja nur einzeln. Aber sie desinfiziere ständig Tische, Stühle und Türklinken.

Üben in Improvisation

Ob bei H. Tetzners Geschäft für Haushaltswaren und Geschenkartikel, der Bastelkiste oder Lewonig Augenoptik und Hörgeräte – überall in den Schaufenstern hängen aktuell Zettel, die über Beratungs- und Bestellmöglichkeiten informieren. Überrascht registriert man, dass sogar das alteingesessene Geschäft für Schreibwaren und Büroartikel Möbius in der Burgstraße neuerdings in sozialen Netzwerken aktiv ist.

An der Ladentür der Bastelkiste von Ina Kruschel hängt eine Klingel. In dem Geschäft in der Wernigeröder Burgstraße steht der Ladentisch jetzt gleich neben der Eingangstür. Das Prinzip ist einfach: Der Kunde klingelt, die Ladentür wird geöffnet, der Kunde teilt seinen Wunsch mit und die Geschäftsinhaberin oder ihre Kollegin Anja Großhennig machen sich im Laden auf die Suche nach den gewünschten Artikeln und bringen sie zur Ladentür – immer unter Einhaltung des gesetzlichen Mindestabstandes.

„So körperlos, wie möglich“, wie die Chefin betont. Wenn der Kunde telefonisch vorbestellt hat, liege in aller Regel bereits ein Päckchen zur Abholung bereit. Oder die Mitarbeiter liefern ihre Waren selbst aus. Ina Kruschel hat in der vergangenen Woche gemeinsam mit ihrem Team einen Online-Shop aus dem Boden gestampft, in dem sich interessierte Hobbybastler und Freizeitschneider über die Angebote informieren können.

Buchbestellungen per Post

Auch kleine Buchhandlungen wie Jüttners bringen Buchbestellungen, die telefonisch oder per E-Mail eingegangen sind, vorbei oder verschicken bei Stammkunden, die weiter weg wohnen, auch mal gegen Rechnung. „Wir sind hier, solange uns die Zwischenhändler beliefern“, sagt Buchhändler Rainer Schulze. Für das traditionsreiche Augenoptik- und Hörgerätegeschäft Lewonig in der Wernigeröder Burgstraße ist die derzeitige Situation „eine Katastrophe. Wir haben im vergangen Jahr unser Geschäft für viel Geld umgebaut“, berichtet Sabine von Witzke. Die nötigen Einnahmen und Umsätze fehlten jetzt.

Für die Inhaberin ist es jedoch wichtig, ihr Geschäft weiterhin geöffnet zu haben. „Gerade für einen Handwerksbetrieb im Gesundheitsbereich mit Kunden, die auf Hilfsmittel zum besseren Sehen und Hören angewiesen sind, ist es wichtig, dass wir weiterhin für sie da sind“, sagt von Witzke. Viele Kunden wüssten gar nicht, dass das Geschäft noch geöffnet sei. Batterien für Hörgeräte würden per Post verschickt oder ausgeliefert. Sie und ihre Mitarbeiter achteten peinlich genau auf Hygiene- und Abstandsregeln. Das diene in erster Linie dem Schutz ihrer überwiegend betagten Kundschaft. Sogar beim Vermessen der Augen für eine neue Brille könne sie den Mindestabstand garantieren, versichert die Augenoptikermeisterin.

Fahrrad statt Bus

Das Blumengeschäft Dekorum in der Ringstraße hat halbtags für Bestellungen und Abholungen geöffnet. Und Andreas Rebel von H. Tetzners Haushaltswarengeschaft ist telefonisch und über E-Mail für seine Kunden erreichbar. Auch er bastelt gerade an einem kurzfristigen Online-Auftritt für sein Geschäft. Ihn stimme die ganze Situation etwas pessimistisch. Die Kunden hätten gerade ganz andere Sorgen. Trotzdem stehe er für individuelle Kundenwünsche zur Verfügung.

Im Fahrradgeschäft Radwerk von Jörg Mänz läuft derweil alles wie gewohnt. „Die Kunden sind meist eh nur einzeln bei mir im Laden“, so der Geschäftsinhaber. Und er trüge beim Reparieren Handschuhe. Einige Hobbyradler kämen in die Werkstatt, um ihren Drahtesel frühlingsfit zu machen. Bewegung an der frischen Luft sei ja immer gut, erinnert Mänz. Er selbst registriere vermehrten Zuspruch. Einige Kunden würden jetzt vermehrt aufs Fahrrad umsteigen, um öffentliche Verkehrsmittel zu vermeiden. Außerdem würden viele Bestellungen ankommen. Diese koordiniere er so, dass sich die Kunden beim Abholen nicht in die Quere kommen.

Bezahlverfahren

Die Frage, wie wegen der Virus-Gefahr die Ware überreicht und bezahlt wird, ist ein wichtiges Thema für die Händler. Ina Kruschel von der Bastelkiste hat einen kleinen Teller bereitgestellt, in den die Kunden ihr Geld möglichst abgezählt hinein legen.

„Einkaufen ist kein Familienausflug“, steht derweil groß an der Eingangstür des real-Marktes. Auch im Markt wird man darauf hingewiesen, möglichst allein einzukaufen. In Zeiten der Coronavirus-Krise erlassen auch Supermärkte immer strengere Regeln, um die behördlichen Abstandsvorgaben der Menschen untereinander einzuhalten.

Schilder und Markierungen

In vielen Märkten sind deshalb Schilder aufgestellt oder Markierungen auf den Boden geklebt, mit denen die nötigen Abstände optisch verdeutlicht werden. Auch eine Einkaufswagen-Pflicht soll vielerorts gerade in den Kassenbereichen den Mindestabstand garantieren. Eines ist allerorten unübersehbar: Die Corona-Pandemie stellt derzeit sowohl Mitarbeiter als auch Kunden vor enorme Herausforderungen.

Einige Märkte setzen sogar auf Sicherheitspersonal, welches genau darauf achtet, dass Kunden ausschließlich mit einem Einkaufswagen den Markt betreten. Der Wagen garantiert nicht nur den Mindestabstand. Zusätzlich ist die Anzahl – wie im Kaufland – beschränkt, um nicht zu viele Kunden gleichzeitig in den Markt zu lassen.

Desinfektion

Hinzu kommen allgemeine Hygienegrundsätze im Umgang mit den von zig Kunden benutzten und entsprechend keimbelasteten Einkaufswagen. Während in der Aldi-Filiale Einweg-Handschule an die Kunden verteilt werden, setzt man bei Lidl auf putzen und desinfizieren. Wobei letzteres gut gedacht, inhaltlich aber noch nicht optimal gelöst worden ist. So holen sich Kunden am Parkplatz einen Wagen, berühren diesen und kontaminieren so ihre Hände am Griff. Letzterer wird am Markteingang von einer Mitarbeiterin desinfiziert. Das Problem: Anschließend greift der Kunde wieder zu und bringt die Viren so zurück auf den Handgriff. Um eine Übertragung von Kunde zu Kunde zu verhindern, müsste die Desinfektion nach Rückgang des Wagens oder vor der Übergabe an den nächsten Kunden erfolgen.