Goslar l Ein Ticket mit QR-Code, ein Auto und Menschen, mit denen man in einem Haushalt zusammenlebt – mehr braucht es nicht für die Flucht aus dem Corona-Alltag, rein in eine längst vergangene Zeit voll Popcornrascheln, Kuscheln und Mitfiebern – hinter der Windschutzscheibe. Das erste Autokino in Goslar ist am Donnerstagabend auf dem alten Sportplatz am Fliegerhorst, einem ehemaligen Bundeswehrstützpunkt, über die Bühne gegangen.

Fährt man die Straße Grauhöfer Landwehr Richtung Kreisverkehr runter, sieht man die 60 Quadratmeter große LED-Leinwand schon auf der rechten Seite stehen. Dann geht es in die Einfahrt. Freundliche Mitarbeiter mit Schutzmasken scannen das Ticket auf dem Smartphone. An den Augenfalten kann man das breite Lächeln erahnen – sie sind raus aus der Kurzarbeit, glücklich, wieder Kino machen zu dürfen.

Naschkatzen haben sich eine Snack-Tüte gebucht. Die Pakete mit Popcorn und Cola nehmen die Mitarbeiter aus dem Laderaum eines Transporters. Dann wird man auf den Platz gelotst. Hier gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – sieht am besten: Die erste Reihe ist 17 Uhr, anderthalb Stunden vor Beginn der „Kleinen Hexe“, schon voll. 18 Uhr sind alle Zuschauer da.

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Angebot läuft bis Juni

Brigitta Braun und drei ihrer fünf Kinder sitzen alle vorne im Familienvehikel. Dicht hinter der Frontscheibe ist die Sicht am besten. Die vierjährige Helena hat es sich auf Mamas Schoß bequem gemacht, das Lenkrad fest umgriffen. „Aber nicht losfahren“, scherzt die Mutter. Da werden Kekse und Saft herumgereicht. „Es ist das erste Mal Kino überhaupt für meine Kinder“, sagt die Familienmutter aus Clausthal.

Ob die „Kleine Hexe“ ein Ersatz für Walpurgis sei? „Normalerweise feiern wir erst in Clausthal, dann geht‘s nach Schierke.“ Und die Kinder – was finden sie besser: Walpurgis im Autokino oder in Schierke? „In Schierke“, rufen sie einstimmig. Die 35-Jährige ist trotzdem froh, dass sie mal rauskommt mit ihrer Rasselbande. „Es ist was Neues, wir sind gespannt. Aber nächstes Jahr will ich wieder in Schierke feiern“, sagt sie.

Nicht nur für Brigitta Braun ist das Autokino eine Premiere. Auch für Jill und Florian Wildmann. Ihre Familie betreibt in vierter Generation die Lichtspielhäuser in Goslar, aktuell mit dem Theater und dem Cineplex – „keine Kette, es ist ein Verbund, wir sind selbstständig“, betont der Kinobetreiber. Für Familie Wildmann ist jener 30. April in mehrfacher Hinsicht ein Glückstag. „Unsere Tochter Jonna feiert heute ihren zwölften Geburtstag. Sie sitzt in unserem Auto in der zweiten Reihe“, erzählt Florian Wildmann. „Und ich habe heute nur in glückliche Gesichter geschaut.“

Seit dem 13. März, knapp 50 Tage, ist das Kino geschlossen. „Das gab es noch nie“, sagt Jill Wildmann. Eine Woche habe sie wie unter Schock gestanden – privat wie beruflich. „Die Angestellten sind wie meine Familie, es tut mir in der Seele weh, wenn sie in Kurzarbeit sind. Kino ist ein Niedriglohnbereich. Es hat die Angestellten hart getroffen.“ Bis Juni soll das Autokino definitiv laufen. Viele der angekündigten Vorstellungen seien ausverkauft. Und dennoch – „Es ist kein Ausgleich“, sagt sie.

Behörden waren motiviert

„Wenn ich böse reden würde, dann würde ich sagen, es ist eine Volksbespaßung. Von dem, was wir hier verdienen, kann man kaum den Strom bezahlen“, meint Jill Wildmann. Aufgrund der Technik können nur Filme gezeigt werden, die bereits auf DVD erschienen sind. Gebühren für die Verleiher werden trotzdem fällig. Die Mischung sei bunt. „Von ‚Pulp Fiction‘ über ‚Bohemian Rapsody‘ ist alles dabei“, zählt sie auf. Ob ihr Lieblingsfilm, die ‚Blues Brothers‘ auch gezeigt werde? „Ich denke, eher nicht“, sagt sie und lacht. „Wobei – zum Autokino passen würde es ja.“

Zwischen all den Menschen, die Autofahrer einweisen, Besucher zu den Toilettenhäuschen lotsen, wirbelt auch Christian Legler. Vier Sattelzüge Material hat sein Studio D4 nach Goslar geschafft, einen großen Holzhaufen vom Gelände beräumt und für die Absperrungen gesorgt. Die LED-Wand mit 3-mm-Pixelabstand biete selbst bei extremer Sonneneinstrahlung und Regen bestes Kinovergnügen.

Lange bevor der Hype um Autokinos losgetreten wurde, habe er an einem Konzept gearbeitet. „Die Stadt Goslar war aufgeschlossen, Mitarbeiter im Landkreis motiviert und lösungsorientiert. Hier wollte man nicht nach Gründen suchen, das Autokino zu verhindern, sondern gemeinsam mit uns Lösungen finden“, erklärt er mit Blick in Richtung Osten. In Wernigerode war er mit Kinobetreiber Andreas Adelsberger an den Behörden gescheitert.

Fast 30 Leute von Studio D4 sind vor Ort. Es ist 18.30 Uhr. In den Autos wird die richtige Frequenz für den Ton über UKW eingestellt. „Mein letztes Mal Autokino war zu DDR-Zeiten mit meinen Eltern an der Ostsee“, verrät er noch. Dann beginnt der Film.

www.cineplex.de/filmreihe/autokino/3173/goslar/