Wernigerode l Er hat einfach nur das getan, was ihm die Ausbilder beigebracht haben. So bescheiden und selbstlos begründet ein 14-Jähriger seine Heldentat, für die er jetzt mit der Lebensretter-Medaille ausgezeichnet wurde.

Alle Versammelten im Saal des Gasthauses Armeleuteberg erhoben sich von ihren Plätzen und zollten ihrem Mitglied von der Wernigeröder Ortsgruppe der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) lautstark Beifall. "Es ist eine großartige Leistung, die Jannes Günnel im Sommer an der Ostsee vollbracht hat", sagte Holger Hövelmann. Der DLRG-Landes-Präsident war am Sonnabend persönlich zur Jahresabschlussfeier des Wernigeröder Vereins gekommen, um dem Gymnasiasten die Ehrenurkunde samt der Lebensrettermedaille und -nadel in Silber zu überreichen.

Gleichzeitig dankte Höfelmann der Ortsgruppe um den Vorsitzenden Ralf Schult für die Aufmerksamkeit, solch ein Engagement für eine Würdigung vorzuschlagen. Den Anlass dafür boten die Großeltern von Jannes Günnel, die Augenzeuge der Rettungstat ihres Enkels waren und das Erlebte in einem Brief an die DLRG schilderten.

Heidi und Peter Günnel verbrachten mit ihrem Enkel gemeinsam Urlaub im Ostseebad Rerik. Es war der 7. Juli, wenige Tage vor dem 14. Geburtstag des Jungen. "Gegen 13 Uhr gingen wir wie üblich zum Strand, aber leider war durch zum Teil Sturm und hohe Wellen Badeverbot. Die rote Fahne war gehisst." Später sei sie gegen die gelbe Fahne ausgetauscht worden, wobei der Wind noch sehr heftig und die Wellen ziemlich stark waren.

Plötzlich schrie ein Mann um Hilfe

Die Günnels und einige Gäste hätten die Gelegenheit genutzt, ins Wasser zu gehen. Der Wind sei wieder aufgefrischt, die Brandung am Strand stärker geworden. "Plötzlich hörten wir laute Hilferufe. Unser Enkel hat sofort die Initiative ergriffen und eilte ins Wasser auf einen Mann zu, der die Arme hoch riss und laut schrie", schildern die Großeltern.

Jannes, der seit seinem siebenten Lebensjahr Mitglied bei der DLRG ist und das Rettungsschwimmerabzeichen in Bronze hat, habe mit geübtem Griff zugefasst und den Mann in Richtung Strand gezogen. Die Oma, Heidi Günnel, habe den Leuten am Strand zugerufen, dass doch jemand mal zu Hilfe kommen sollte. Sie musste aber leider feststellen: "Keiner kam, alle guckten nur und hielten ihre Handys hoch." Auch von den stationierten Rettungsschwimmern am Strand sei keiner zu sehen gewesen.

Frau war panisch

Der Enkel schwamm mit dem Mann im Wasser. Als er noch etwa zehn Meter vom Strand entfernt war, riss sich der Mann plötzlich los und wollte zu seiner Frau. "Sie hing an einer Luftmatratze und war vollkommen panisch." Der Enkel hatte den Mann aber fest im Rettungsgriff und brachte ihn an Land, in Höhe eines Volleyballplatzes, wo mittlerweile auch die Rettungsschwimmer vom Turm angekommen waren. "Denen kam Jannes noch mit zu Hilfe, um auch die Frau aus dem Wasser zu retten." Kurze Zeit später seien zwei Hubschrauber gelandet, in denen die beiden Geretteten ärztlich versorgt und abtransportiert wurden.

Mädchen mit Schwimmring

"Auf diesen Schreck gönnten wir uns oberhalb der Steilküste einen Kaffee", so die Großeltern. Als sie wieder runter an den Strand kamen, flatterte nun die rote Fahne. Kopfschüttelnd hätten sie registriert, dass trotz des Badeverbots einige Leute im Wasser waren. Als sie ihren Enkel trafen, hätte er ihnen berichtet, dass er noch jemanden gerettet habe. "Ein kleines Mädchen, das hilflos mit ihrem Schwimmring in der stürmischen Ostsee herumpaddelte, brachte er sicher an Land."

Das Fazit für die Großeltern Heidi und Peter Günnel: "Es war von Jannes eine sehr umsichtige tolle Aktion, bei der er mutig den Leuten das Leben gerettet hat. Leider hatte keiner der diensttuenden Rettungsschwimmer Notiz von ihm genommen."

Das ist nun am Sonnabend mit der Ehrung für den Enkel geschehen. Jannes Günnel, der ahnungslos Gast der Vereinsfeier war, freute sich sehr über die Auszeichnung, ebenso seine Eltern Simone Gellert-Günnel und Thomas Günnel. Selbstbewusst und doch bescheiden sagte der 14-Jährige gegenüber der Volksstimme, dass es ihm "schon bewusst" sei, "Großes geleistet" zu haben. Von den Kumpels hätte der Achtklässler des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums viel Anerkennung erfahren, als von seiner Rettungsaktion im Ostseeurlaub berichtete. Dass nun noch eine Lebensrettermedaille folgte, damit habe er "niemals gerechnet".

Jannes Günnel wolle weiter an der Rettungsschwimmerausbildung bei der DLRG Wernigerode festhalten und im nächsten Jahr, wenn er 15 ist, die Prüfung für das silberne Abzeichen erfolgreich meistern. Damit könnte er als Rettungsschwimmer-Helfer eingesetzt werden. Im Volksstimme-Gespräch am Sonnabend war ihm noch wichtig, seinen Trainern zu danken: "Für sie ist doch meine Lebensrettermedaille eine Bestätigung dafür, alles richtig gemacht zu haben."