Wernigerode l Rote Aufkleber leuchten von den weißen Tellern, den Glasvasen, den hölzernen Schwippbögen, den Vorratsdosen. Es ist das kleine Geschäft in dem zweistöckigen, gelben Fachwerkhaus am Ende der Fußgängerzone in der Breiten Straße in Wernigerode. Haushaltwaren gibt es hier. Die roten Zettelchen sind Vorboten. Am 31. Dezember 2018 dreht Christine Schwertner den Schlüssel in der Ladentür um. Schließt ab. Auch mit einem Kapitel, das drei Generationen währte.

85 Jahre gehörte das Geschäft Belü zum Inventar von Wernigerode. Ende des Jahres ist Schluss. Die Inhaberin Christine Schwertner geht mit fast 70 Jahren in den Ruhestand. Damit schwindet ein Traditionsgeschäft aus der Wernigeröder Innenstadt.

Christine Schwertner hat starke Schmerzen. So stark, dass sie Morphium nehmen muss, um sie zu ertragen. Trotzdem steht die adrette, zurückhaltende Dame jeden Morgen auf, föhnt sich die braunen Haare und öffnet den Passanten ihre kleine Welt aus Zitronenpressen, Service und Töpfen.

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Suche nach neuem Mieter für Laden

Christine Schwertner hat Osteoporose, Knochenschwund. Sie ist eigentlich eine große Frau, misst über 1,70 Meter. Aber der Rücken ist ihr krumm und sie klein geworden. Ihre Kraft reicht nicht mehr für das Erbe, das sie, so lange es ging, fortgeführt hat. Sie will die Familientradition Belü beenden und einen neuen Mieter für den Laden finden.

Der Name des Geschäfts, Belü, erinnert an den Gründer: Benno Lübcke. Der Opa von Christine Schwertner. Er lebte in Hamburg und arbeitete als Konditor. „Mein Opa hat auf der Reeperbahn Kuchen verkauft“, sagt Christine Schwertner und lacht. Von einem Sturz erholte sich ihr Großvater nicht mehr, bekam epileptische Anfälle und musste sich neu orientieren, da er die schwere Arbeit als Konditor nicht mehr bewältigen konnte.

Benno Lübcke zog mit seiner Frau nach Wernigerode und gründete dort, wo heute Korb-Eichel ist, 1933 das Geschäft Belü. Er spezialisierte sich auf Geschenkartikel, Haushaltswaren, Seifen und Spielwaren. Vier Jahre später, 1936, kaufte Christine Schwertners Opa das Haus in der Breiten Straße 61 und zog um.

Geschäftshaus 1944 zerstört

Eines der verheerendsten Ereignisse in der Geschichte des Geschäfts war der Bombenangriff am 22. Februar 1944. Das Wohn- und Geschäftshaus wurde dabei völlig zerstört. Schon zehn Monate später eröffnete Benno Lübcke es wieder. Zu der Zeit stieg Inge Lübcke, die Tochter von Benno, in das Geschäft ein und übernahm es 1953.

Christine Schwertner wollte nie Verkäuferin werden. Sie hat den Beruf der Versicherungskauffrau gelernt, war glücklich damit. Sie sagt von sich: „Ich bin ein Büromensch.“ Als ihre Eltern, Inge und Bruno Bauer, krank wurden und den Laden nicht mehr weiterführen konnten, entschied sie sich doch, Verkäuferin zu werden. Ein Lebensabschnitt mit viel Arbeit und kaum Urlaub begann.

1980 fing sie zunächst an, im Laden ihrer Eltern mitzuarbeiten, bevor sie ihn 1983 übernahm. Christine Schwertner war nicht glücklich damit, sah aber keinen anderen Ausweg. Ein Kredit, der zuückgezahlt werden musste, belastete noch immer das Haus. Ihre Schwester kam nicht infrage. Sie war nach Halle gezogen.

Kommissionshandel in der DDR

Zu DDR-Zeiten war das Geschäft ein Kommisionshandel der staatlichen Handelsorganisation. Christine Schwertner verkaufte Apfelreiben und Zitronenpressen für eine Mark und fünf Pfennig. Nach dem Mauerfall verkauft sie immer noch Apfelreiben und Zitronenpressen – für sechs Deutsche Mark. „Die Leute wollten das Ostzeug nicht mehr, auch wenn es billig war“, erinnert sie sich.

Bis heute fällt es ihr schwer, das Sortiment für ihr Geschäft auzuwählen. Sich in die Kundenwünsche hineinzuversetzen. Zusätzlich haben der Internethandel und die Discounter mit den Billigpreisen ihr das Geschäft mit Tassen und Töpfen erschwert. Auch die Bauarbeiten vor ihrer Haustür haben sie Kraft und Neven gekostet. Es war immer laut, dreckig und die Kunden gingen einfach vorbei. Ihre Tochter Anja Storm hat außerdem beobachtet, dass sich die Mentalität der Menschen verändert hat: „Früher haben die Leute Wert darauf gelegt, dass sie ein gutes Kaffeeservice haben und ein alltägliches. Heute haben sie nur noch eins.“

Sie selbst arbeitet als Verkäuferin in einem Baumarkt und hat lange überlegt, ob sie den Laden weiterführen soll. „Ich möchte meine Anstellung dafür aber nicht aufgeben.“