Wernigerode l Im Revier in Hasserode streift mindestens ein Wolf umher. Im schlimmsten oder besten Fall, je nach Betrachtungsweise, steht die erste Ansiedelung eines Wolfsrudels im Harz bevor. Den Beweis dafür liefert Jagdaufseher Dietrich Kramer der Volksstimme.

Es handelt sich um ein Foto aus einer Wildkamera, die im Revier Hasserode von seinem Jagdkollegen zur Beobachtung aufgestellt wurde. „Deutlich zu sehen ist ein Wolf“, sagt Dietrich Kramer. Der Räuber ist in der Nacht zum Mittwoch gegen 2.50 Uhr in die Fotofalle getappt.

Bei der Auswertung der zwei vorliegenden Aufnahme geht der erfahrene Jäger noch einen Schritt weiter. „Nach der auffallenden Körperrundung im Bauchbereich des Tieres zu urteilen, hat dieser Wolf entweder kurz vor der Aufnahme eines unserer Rotwildkälber gefressen oder aber es ist eine hochträchtige Wölfin.“ Letzteres ist für den 70-jährigen Wernigeröder wahrscheinlicher, der daraus die Schlussfolgerung zieht: „Dann dürfte die Bildung des ersten Wolfsrudels im Harz unmittelbar bevorstehen.“

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Jäger finden seit Tagen Spuren im Schnee

Seit Tagen sind im Bereich Steinerne Renne-Thumkuhlental-Beerberg im Forstrevier Hasserode von Dietrich Kramer und Jagdkollegen mehrfach Spuren im Schnee gefunden worden, die offensichtlich von einem Wolf stammten. In der Tat ähneln diese den Spuren eines Hundes. „Doch ich bin den Spuren nachgegangen und fand weit und breit keine Schuhabdrücke von Herrchen oder Frauchen.“

Die einsamen Spuren haben sein Gefühl bestärkt, dass in den Hanglagen des Fürstenwaldes, in dem Dietrich Kramer seit sieben Jahren als staatlich geprüfter Jagd- und Forstaufseher tätig ist, ein Wolf umher schleicht. Vorangegangen sind Beobachtungen von hochflüchtigem Rotwild, wie es in der Jägersprache heißt. Anders als üblich, sind plötzlich aufgescheuchte Tiere durch den Wald gerannt. Hinzu sind weitere Informationen gekommen, die Dietrich Kramer aus anderen Jagdrevieren zugetragen wurden.

In der letzten Januarwoche sei bei einer Jagd im Schimmerwald zwischen Stapelburg und Bad Harzburg von mehreren Jägern ein Wolf gesichtet worden. Im Heers bei Blankenburg habe eine Jägerin ebenfalls zu dieser Zeit einen Wolf beobachtet. In Wernigerode gibt es nun mit den beiden Ausnahmen aus der Wildkamera den sogenannten C1-Nachweis, der dem Wolfskompetenzzentrum zugesandt wird. Dort wird sicherlich noch eine weitere Auswertung erfolgen.

Nahrungskonkurrent für den Luchs

Unabhängig davon steht für Dietrich Kramer fest: Der Wolf, der um 1800 im Harz ausgerottet wurde, „ist zurück“. Und der Luchs hat einen neuen Konkurrenten? „Sicherlich einen Nahrungskonkurrenten“, entgegnet der Jäger. Doch beide Räuber sind intelligent und wissen, was jeder kann.

Der Wolf, der gewöhnlich im Rudel jagt, wird dem Luchs nichts tun. Die Raubkatze klettert flugs auf einen Baum. Eher wird sich der Luchs darauf einstellen müssen, dass ihm der Wolf sein verscharrtes Fressen wegnimmt. „Das habe ich schon bei Füchsen beobachtet, die wie auch Wölfe Aasfresser sind“, sagt Kramer.

Und das Wild? „Auch das ist intelligent und wird sich im Verhalten anpassen, wenn es nun noch einen Räuber mehr gibt.“ Seit der Ausbreitung des Luchses ist das bereits zu beobachten. Beispielsweise streift das Rotwild längst nicht mehr geruhsam durch die Baumbestände eines Waldes oder rastet an Stammplätzen. Auch wechseln die Tiere längst nicht mehr in gleichbleibenden Zeitabständen von Unterständen auf freie Flächen. „Es ist viel Unruhe im Wald zu spüren“, sagt Dietrich Kramer und wechselt den Chip in seiner Wildkamera: „Vielleicht tappt noch Herr Wolf in die Falle.“