Wernigerode l Wilde Linien, die aufwärts streben und abwärts fallen, bewegte Flächen in Gelb, Grau und Schwarz: „Da oben ist ziemlich was los“, sagt Günter Grohs und legt den Kopf in den Nacken. Der Wernigeröder Glaskünstler erklärt Besuchern sein Werk – drei neue Fenster für die Sylvestrikirche, offiziell vorgestellt im Gottesdienst am Sonntag.

Damit heben sie sich von den übrigen Scheiben in dem Gotteshaus ab, die aus unverziertem Glas bestehen. „Vor zwei Jahren kam ein Gemeindemitglied zu uns und hat eine großzügige Spende angeboten, um drei unserer relativ schlichten Kirchenfenster neu zu gestalten“, berichtet Siegfried Siegel, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates.

Diskussion über Entwurf

Der Geldgeber, der anonym bleiben will, stößt damit ein Projekt an, das Siegel, Gemeindemitglied Ludwig Hoffmann, Mario Kowalsky, Geschäftsführer des Architekturbüros Planungsring, und weitere Mitstreiter fortführen. Den Auftrag für die Gestaltung der Fenster erhält Günter Grohs. „Es ist schön, wieder etwas vor Ort machen zu dürfen“, sagt der Glaskünstler, der in seinem Metier bundesweit gefragt ist. Sein Entwurf wird Frühjahr 2016 in der Gemeinde ausgestellt und diskutiert.

Bilder

Ein Thema gibt die Gemeinde nicht vor, erklärt Pfarrerin Cornelie Seichter. „Die Fenster sind die Augen eines Gebäudes.“ Ihr gefällt die moderne Gestaltung. „Ich sehe ganz viel Bewegung, ein Aufeinanderzugehen von Himmel und Erde“, so die Geistliche. Das ist gar nicht beabsichtigt, entgegnet Grohs – wohl aber Bezüge zum Epitaph unter den Fenstern. Zum Beispiel finden sich die s-förmigen Silhouetten der Figuren, die den Epitaph schmücken, darin wieder.

Das Grabdenkmal ist im 16. Jahrhundert für den Hauptmann der Grafschaft, Dietrich von Gadenstedt angefertigt worden. Es zeigt unter anderem die Familie des Hauptmanns in spanischer Hoftracht, doch Betrachter können auch anderes darin entdecken. „Ich habe auf den ersten Blick die amerikanische Freiheitsstatue gesehen“, sagt Siegfried Siegel.

Herausforderung für die Augen

Eine „Herausforderung für die Augen“ sei die Auseinandersetzung mit seinem Werk, sagt Günter Grohs. Ein Vierteljahr hat es gedauert, die Bleiglasscheiben in Handarbeit zu fertigen. Der Einbau erfolgte Ende November, für die Malerarbeiten und den Schutz des wertvollen Epitaphs sorgte der Restaurator Christoph Hänel.

Rund 52.000 Euro kostet das Vorhaben, 30.000 Euro davon fließen allein in die Fenster. Finanziert wird es über die Gaben von insgesamt 24 Spendern, die zwei Drittel der Summe ausmachen. „Eine Prämisse war, dass es die Gemeinde nicht mehr kosten darf, als sie ohnehin für die anstehende Innenraumsanierung in diesem Bereich zahlen würde“, so Ludwig Hoffmann. Denn die Sylvestrikirche braucht im Inneren eine Generalüberholung, die die Gemeinde in den kommenden Jahren finanziell einiges abverlangen wird.