Rübeland l Thomas Hildebrandt ist die Erleichterung anzumerken. „Uns ist ein Husarenstück gelungen“, sagt der Professor vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Zwei Stunden lang ist ein Forscherteam durch den Olmensee der Rübeländer Hermannshöhle gewatet. Danach hatte es Gewissheit: Die Grottenolme haben Eier gelegt – und die Chancen auf Nachwuchs stehen gut.

Unter Hochdruck hatte das Team um Hildebrand, Dr. Anne Ipsen von der Gesellschaft für Freilandökologie und Naturschutzplanung und Dr. Susanne Holtze vom Berliner Leibniz-Institut auf diesen Tag hingearbeitet.Anfang Juni hatten die Wissenschaftler per Ultraschall mehrere befruchtete Eier im Eileiter eines Weibchens festgestellt .

Revierverteidigung

Die große Frage war nun: Was wird aus den Eiern? Nach der Suche im acht Grad kalten Wasser ist klar: Mindestens zwei von ihnen wurden unter den Steinen im See abgelegt. „Sie befanden sich in zwei Steinhaufen, die von weiblichen Tieren bewacht wurden“, schildert Susanne Holtze.

Bilder

Die Olmen-Mütter waren durchaus nicht erfreut über das Eindringen der Forscher. „Die waren richtig kiebig“, berichtet Anne Ipsen. Dabei kamen die Wissenschaftler mit den besten Absichten, um den Nachwuchs zu schützen. „Mit großer Sicherheit haben die Olme hier schon öfter Eier gelegt, aber man hat nie Jungtiere gefunden“, erklärt Hildebrandt. Es sei anzunehmen, dass die Eltern diese Larven, nachdem sie aus den Eiern geschlüpft waren, aufgefressen haben.

Schutzschild für Larven

Um das zu verhindern, haben die Grottenolm-Forscher Käfige konstruiert, um die Larven abzuschirmen. Diese wurden wie eine Haube über die Steine gestülpt, unter denen sich die Eier befanden. Nach unten und seitlich sind die Schutzschilde mit Naturschwamm verstärkt, damit die winzigen Tiere nicht entkommen können. Gleichzeitig liefert das Material zusätzliches Futter für die Mini-Olme, die nur rund fünf Millimeter groß sind.

Klar war, dass die Eier diesmal im Olmensee bleiben sollten. Denn zuvor hatte das Forscherteam bereits zweimal Eier, die im See abgelegt worden waren, eingesammelt und in einem Aquarium aufbewahrt, um sie zu schützen. „Doch offensichtlich haben wir ihnen damit zu viel Stress verursacht. Die Eier haben sich nicht richtig entwickelt. Wir sind aber auch nicht sicher, ob sie befruchtet waren“, erklärt Anne Ipsen. Weil man aus Fehlern lernen wolle, habe man die Strategie geändert und hoffe, dass es diesmal klappt mit dem Nachwuchs bei Familie Grottenolm. Die Voraussetzungen bestehen, urteilt Susanne Holtze: „Die Haltungsbedingungen im See sind sehr gut. Die Tiere sehen sehr gesund und fortpflanzungsfähig aus.“ Dabei sind die sieben Tiere, drei Männchen und vier Weibchen, jeweils mindestens 85 Jahre alt.

Nur die Hälfte überlebt

Über die Fortpflanzung der Höhlentiere sei nicht viel bekannt, sagt die Wissenschaftlerin. „Nie hat jemand in freier Wildbahn Eier oder Larven gesehen.“ 1959 gelang es erstmals, im Höhlenlabor im französischen Moulis Larven schlüpfen zu lassen. Doch nur wenige Jungtiere wuchsen heran, die Überlebensrate liegt bei rund 50 Prozent.

Erst mit 15 Jahren werden die Tiere geschlechtsreif: „Ein Olmenjunges braucht ungefähr so lange wie ein Mensch, um erwachsen zu werden“, sagt Susanne Holtze. Bisher glaubte man, dass sie sich nur alle 12,5 Jahre fortpflanzen – doch diese Annahme könnte sich als irrig erweisen. „Wahrscheinlich sind Eiablagen viel häufiger möglich“, sagt die Wissenschaftlerin – die Erfahrungen in der Hermannshöhle hätten dies gezeigt. Sie ist zuversichtlich, was das aktuelle Gelege angeht: „Es bestehen große Chancen, dass sich die Olme fortpflanzen.“

Botschafter für Naturschutz

Von dem Forschungsprojekt, das der Tourismusbetrieb der Oberharzstadt angestoßen hat, erhoffen sich die Forscher Einblicke in das Leben der Tiere, die als Botschafter für den Naturschutz gute Dienste leisten. „Mit dem Olm kann man Geschichten erzählen“, sagt Anne Ipsen – über Höhlentiere und ihren Lebensraum, der zunehmend gefährdet ist.

Um künftig die Arbeit zu erleichtern, haben die Forscher im Olmensee Glasscheiben abgelegt, deren rauhe Oberfläche der von Stein gleicht. Nun hoffen sie, dass Weibchen ihre Eier darunter kleben und diese sich durch das Glas beobachten lassen. Am Freitag wurde dazu ein Endoskop gebraucht, mit dem man unter Steine schauen kann, ohne diese allzu sehr zu bewegen. Die Wissenschaftler hoffen, dass sie beim nächsten Mal nicht einmal in den See steigen müssen. „Dabei wird jedes Mal Sediment aufgewirbel“, so Thomas Hildebrandt. Das sorge für unnötige Unruhe. Denkbar sei, eine Unterwasser-Kamera zu konstruieren.

Weitere Besuche

In drei bis vier Wochen wollen die Forscher nach dem Rechten sehen und für den Fall, dass bereits Olmen-Kinder geschlüpft sind, Futter bereithalten. Wann die Olm-Larven schlüpfen, lasse sich schlecht voraussagen. Im Körper eines Olm-Weibchens reifen zirka 40 Eier, die binnen eines Monats abgelegt werden, erklärt Susanne Holtze. Rund 100 Tage dauere es, bis daraus Larven schlüpfen. „Allerdings stammt diese Erfahrung aus Gewässern, die deutlich wärmer sind als hier“, sagt Anne Ipsen. In Rübeland könnte es länger dauern, bis erste Larven im See schwimmen. „Es ist ein Experiment, das es in der Form noch nicht gegeben hat“, so Hildebrandt. Er ist sicher sicher: „In dieser Höhle wird Geschichte geschrieben.“