Wernigerode l Seit November 2018 ist es am Landesgymnasium für Musik (LGM) in Wernigerode in Stein gemeißelt: Von 7 bis 13 Uhr ist die Benutzung des Smartphones für Schüler aller Klassenstufen auf dem Schulgelände untersagt. Eine Regelung, die mittlerweile viele Schulen im Harz in ihrer Hausordnung verankert haben.

Wie kam es dazu? Schon vor dem Unterricht hätten Schüler nur auf ihr Handy gestarrt, heißt es von der Schule. Das habe dazu geführt, dass die Kinder und Jugendlichen eine innere Unruhe ausstrahlten. Auch sei es vorgekommen, dass Lehrer und andere Schüler aufgenommen wurden und die Bilder in Chat-Gruppen kursierten. Die Lösung des Gymnasiums in Wernigerode: Handyverbot.

Verstößt ein Schüler dagegen, kann der Lehrer das Gerät wegnehmen und beim Schulleiter hinterlegen. Der Schüler darf es am nächsten Tag mit der Unterschrift der Eltern wieder abholen. Für die Lehrer des Gymnasiums gilt das Verbot nicht.

Geteiltes Echo auf Handy-Verbot bei Schülern

Charlotte Hennrich besucht die achte Klasse am LGM. Sie findet die neue Regelung gut. „Wir unterhalten uns jetzt viel mehr“, sagt die 13-Jährige. Außerdem könne sie sich in den Pausen besser vom stressigen Alltag erholen, wenn ihr Handy in ihrer Schultasche bleibt.

Anderer Meinung ist Lena Marie Schneidewind (14). Sie fordert, das Handy, außer im Unterricht, frei benutzen zu dürfen. Sei es, um in der Pause Musik zu hören und abzuschalten oder den Eltern eine Nachricht zu schicken. Christine Plötner (13) sagt: „Es wäre total hilfreich, wenn wir das Tafelbild für kranke Mitschüler abfotografieren dürfen.“ Ab der neunten Klasse können die Schüler das Verbot übrigens umgehen, indem sie das Schulgelände verlassen.

Dass Lehrer das Smartphone als Werkzeug in den Unterricht einbauen, ist an den Schulen im Harz die Ausnahme. „Würde ich es integrieren wollen, müsste ich erst im Sekretariat einen WLAN-Code holen, der zeitlich limitiert ist, um ihn den Schülern weiterzugeben“, erklärt Ralf Czubatinsky, Lehrer am LGM. Aufwendig sei das.

Vorbild Australien?

Marvin Schapschinski (19) hat ein Schuljahr in Australien verbracht. An der dortigen Schule gab es WLAN für alle Schüler. Sie durften es nach Absprache mit dem Lehrer nutzen, um im Internet zu recherchieren. Außerdem gab es eine App, mithilfe der die ganze Klasse ein Quiz lösen konnte. Vorn am Whiteboard, einer interaktiven digitalen Tafel, wurden dann die Lösungen angezeigt.

Marvin geht heute in das Landschulheim Grovesmühle. Er ist dafür, dass die Oberstufenschüler ihre Handys frei benutzen können, auch im Unterricht. Sie sollten dafür einen WLAN-Zugang bekommen. „Man sollte viel mehr mit dem Internet im Unterricht machen, weil es – erstens – viel mehr Spaß macht und – zweitens – lebenswichtig ist. Weil man später viel mehr mit dem Internet machen muss“, so der 19-Jährige. Außerdem lernen Schüler den richtigen Umgang mit dem Internet nicht, wenn es nicht mehr in der Schule thematisiert würde.

Christian Klisan arbeitet als Medienpädagoge bei der Landesmedienanstalt Sachsen-Anhalt. Er sagt: „Das Smartphone ist als Werkzeug brillant, aber eben auch ein wunderbares Ablenkungsprodukt.“ Grundsätzlich gehöre es aber in die Schulen, da es ein Teil der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen sei. Das bestätigt die repräsentative Jugend-Information-Medien-Studie (JIM): So besaßen im Jahr 2018 97 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ein Smartphone.

Medienregeln für Eltern und Kinder

Er empfiehlt sowohl Schulen als auch Elternhäusern, Medienregeln einzuführen, die für alle gelten, auch für Eltern und Lehrer. Erwachsene sollten sich ihres eignen Medienkonsums bewusst werden. Sie sind Vorbilder. Außerdem lohne es, darüber nachzudenken, dass Medien schon immer eine beliebte Beschäftigung waren. Früher war es das Buch oder der Fernseher. Heute ist es das Smartphone.

Das Ziel der Landesmedienanstalten ist, dass mobile Geräte im Unterricht mehr thematisiert werden. „Den Schülern muss vermittelt werden, welche Gesetzte im Internet gelten oder welche Netiquette und sie müssen lernen, das Smartphone sinnbringend für sich einzusetzen.“ Und das sollte nach der Empfehlung der Medienanstalt früh passieren, schon im Kindergarten und der Grundschule.

Voraussetzung dafür, das Handy in der Schule zu benutzen, seien ein sinnvolles Konzept und geschulte Lehrkräfte, so Christian Klisan. Die Landesmedienanstalt Sachsen-Anhalt unterstütze Schulen dabei, sich digitaler aufzustellen. Sie biete kostenlose Projekte an und vermittele Medienpädagogen.