Hochwasser

Harzer Helfer in Katastrophengebieten im Westen angekommen

Um 3.16 Uhr ist für knapp 100 Harzer Feuerwehrleute die Nacht zu Ende: Die Truppe wird ins Hochwasser-Katastrophengebiet beordert. Wenig später starten 18 Fahrzeuge mit Blaulicht Richtung Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

Von Jörg Niemann, Stephanie Tantius und Dennis Lotzmann
Nach stundenlanger Anfahrt bereiten sich Kai Blessmann (links), stellvertretender Fachdienstführer Brandschutz-West, und Fachdienstchef Mario Kulp auf den Einsatz im Katastrophengebiet in Nordrhein-Westfalen vor.
Nach stundenlanger Anfahrt bereiten sich Kai Blessmann (links), stellvertretender Fachdienstführer Brandschutz-West, und Fachdienstchef Mario Kulp auf den Einsatz im Katastrophengebiet in Nordrhein-Westfalen vor. Foto: Feuerwehr Blankenburg

Harzkreis/Altena - „Es sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“ Alexander Beck, seines Zeichens Chef der Ortsfeuerwehr Blankenburg, hat im Zusammenhang mit seinem ehrenamtlichen Job schon viel gesehen. Auch krasse Bilder, die sich unauslöschlich einprägen. Das aber, was der 35-Jährige am Montagabend, 19. Juli, in Altena sieht, dürfte vieles toppen.

Minuten zuvor ist der Blankenburger zusammen mit Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse und dem Blankenburger Bürgermeister Heiko Breithaupt in der rund 18.000 Einwohner zählenden Stadt im Sauerland eingetroffen. Im Einsatzraum, wie es fachlich korrekt heißt.

Das Trio komplettiert die Truppe der Harzer Retter, die bereits in der Nacht zum Montag punkt 3.16 Uhr aus den Betten geklingelt wurden. Womit die Wehrleute – ebenso wie Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) – seit Tagen rechnen, tritt ein. Sie werden in die Katastrophengebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gerufen.

Erstes Ziel Bad Neuenahr nach Übung im Nationalpark

„Wir kennen solche Lagen und saßen im Prinzip schon auf gepackten Koffern“, sagt Wasserlebens Ortswehrleiter Christoph Ahrends später. Noch am Wochenende hatten Ahrends und seine Kameraden im Nationalpark Harz eine Waldbrandübung absolviert. Wissend, dass es wohl nur noch Stunden zum richtigen Einsatz dauert, hätten sie ihre Kräfte und die Technik so gut wie möglich geschont.

In der Nacht zum Montag war es für den Fachdienst Brandschutz-West, der sich überwiegend aus Spezialkräften verschiedenster Wehren des Altkreises Wernigerode sowie der Stadt Osterwieck rekrutiert, soweit. Das erste Ziel lautete Bad Neuenahr.

Zentrale am Nürburgring koordiniert Helfer

Zuvor sammelten sich die Kameraden gegen 6 Uhr im Blankenburger Gewerbegebiet Lerchenbreite, wo sie nach kurzer Einweisung gegen 6.40 Uhr in besagtem Konvoi starteten. Es ging via A 36 in Richtung Nürburgring. Dort war nach den Unwettern eine zentrale Einsatzstelle eingerichtet worden, die die zivilen und militärischen Hilfskräften aus ganz Deutschland koordiniert.

Die ersten Harzer – 18 Fahrzeuge mit rund 85 Kameraden – steuerten nach rund 500 Kilometern gegen 16 Uhr das riesige Areal der Rennstrecke an. Drei weitere rot lackierte Fahrzeuge mit noch einem Dutzend Helfern rollte am Abend gegen 19.30 Uhr direkt in den Einsatzraum in Altena.

Am Nürburgring sei der Bereitschaftsraum, von dem aus die Einsätze aller Wehren koordiniert würden, berichtet Kreisbrandmeister Lohse. Viele der ausgerückten Kameraden hätten bereits Erfahrung im Jahr 2002 beim Einsatz der Flutkatastrophe in Dessau-Roßlau und Bitterfeld gesammelt.

Vorgesehen sei nun, 48 Stunden vor Ort zu helfen, so Lohse weiter. Es könnten aber auch 72 oder gar 96 Stunden werden. Auch die Frage, welche Aufgaben die Kameraden im Krisengebiet übernehmen, werde erst vor Ort beantwortet.

THW hilft mit Spezialtechnik für Staumauern und Hänge

Ebenfalls im Hochwasser-Einsatz sind Spezialisten des THW aus Quedlinburg. Sie sind auf Gebäudesicherung und Gebäudestatik spezialisiert und waren erst vor Kurzem in Ilsenburg im Einsatz, als am Veckenstedter Weg nach der Sprengung eines Geldautomaten die Gebäudesubstanz gesichert werden musste. Vor Jahren halfen sie mit ihrem Abstütz- und Sicherungssystem, nach einen dramatischen Busunglück in Halberstadt ein einsturzgefährdetes Haus zu sichern.

Die Quedlinburger rückten ebenfalls am Montagmorgen Richtung Nürburgring aus. Mit Geräten, mit denen kleinste Veränderungen an Gebäuden, Staumauern oder Hängen festzustellen seien, würden sie unterstützen, so THW-Sprecherin Stephanie Berger. So könne Gefahrenpotenzial besser eingeschätzt werden. Wie lange die Einsatzkräfte aus der Welterbestadt vor Ort seien, wisse sie nicht.

Die auf Wasserschaden/Pumpen spezialisierten THW-Experten sowie die Fachgruppe Räumen aus Halberstadt waren gestern Abend in Alarmbereitschaft und noch nicht angefordert worden. „Wir sitzen aber auf gepackten Koffern“, so THW-Helferin Kathrin Kisser.