Wernigerode l Aufregung um den Marstall: In Wernigerode wird über den Verkauf des Wohn- und Veranstaltungskomplexes gemunkelt. Das Geld könnte für den Umbau der Liebfrauenkirche zur Kulturkirche verwendet werden, heißt es. Bisher nur ein Gerücht – wenn auch eines, das sich seit Wochen hartnäckig in der Stadt hält. Inzwischen ist dieses Gerücht jedoch zu einer öffentlich diskutierten Idee gewachsen. „Der Marstall wäre ein hervorragendes Hotel“, hat Stadtrat Jürgen Jörn (SPD) im Wirtschaftsausschuss in die Runde geworfen. Der „städtische Zuschuss“ für den Betrieb der Multifunktionsaals könnte „1 zu 1 in die Kulturkirche fließen“, so Jörn.

Überlegungen, die die Mieter des Marstalls in Sorge versetzen. Sie befürchten nun, ihre Wohnungen zu verlieren. „Als Anwohnerin lehne ich diese Pläne ab“, so eine Mieterin gegenüber der Volksstimme. „Wir möchten hier wohnen bleiben.“ Seit den 1970er Jahren lebt sie im Marstall. Die Wohnungen seien nach der Wende saniert und den modernen Standards angepasst worden. „Wir lassen uns hier nicht vertreiben“, so die Wernigeröderin. „Es ist Riesensauerei“, erbost sich ein anderer Nachbar darüber, dass die Bewohner bei dieser Angelegenheit „vorsichtshalber ignoriert werden“.

Verkauf kein Thema

Kirsten Fichtner kann die Ängste ihrer Mieter erst einmal besänftigen. Ein Verkauf wäre „ausschließlich Sache der Gesellschaft“, sei aber derzeit „kein Thema“, sagt die Chefin der Gebäude- und Wohnungsbaugesellschaft (GWW) auf Volksstimme-Nachfrage. Zumal ein Verkauf zuerst vom Aufsichtsrat beraten und beschlossen werden müsste, so Kirsten Fichtner.

Das bestätigt Stadtchef Peter Gaffert (parteilos), der Aufsichtsratschef des städtischen Unternehmens ist. Es gebe „aktuell keine Überlegungen“ in dem Gremium, den Marstall zu verkaufen. Zudem wies Gaffert darauf hin, dass es „keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Marstall und dem Kulturkirchen-Projekt“ gebe.

Dennoch liebäugeln neben Jürgen Jörn weitere Stadträte mit einem möglichen Verkauf, stehen sie doch gerade vor einer schweren Entscheidung. Knapp eine Million Euro fehlt der Kulturstiftung für den Umbau der Liebfrauenkirche zum professionellen Konzertsaal. Vier Millionen Euro könnten über das Land gefördert werden. Damit die Stiftung das Projekt umsetzen kann, müsste die Stadt über die nächsten drei Jahre jeweils 330.000 Euro zuschießen. Voraussetzung ist die Zustimmung der Stadträte.

Millionenzuschuss für Projekt

Doch das Thema ist umstritten. Auch weil bisher niemand weiß, woher die Million kommen soll. OB Gaffert selbst sitzt als Kuratoriumsmitglied der Kulturstiftung mehr oder weniger zwischen den Stühlen. Seine Verwaltung und die Politiker haben die Stadtfinanzen für 2018 erst kürzlich und nur mit Hilfe von Kürzungen und Steuererhöhungen ins Gleichgewicht gebracht. Für die nächsten Jahre werden Defizite in Millionenhöhe erwartet.

„Ich kann dem Zuschuss nur zustimmen, wenn wir uns vom Marstall trennen“, macht Karl-Heinz Mänz (CDU) deshalb deutlich. Auch Martina Tschäpe spricht sich für einen Verkauf aus. „Weniger wegen des Geldes“, betont die SPD-Stadträtin, sondern damit nicht zwei Säle parallel existieren.

Stadtfirmen keine Geldautomaten

Christian Härtel (Linke) dagegen warnt davor, „das Tafelsilber der Stadt zu verscherbeln“. Es könne nicht sein, dass die „Tochtergesellschaften für die Stadtverwaltung als Geldautomaten“ herhalten müssen. Darüber hinaus dürfe der Stadtrat nicht mit „politischem Druck“ versuchen, die GWW dazu zu bewegen, den Marstall auf den Markt zu bringen.

Hintergrund: Die GWW ist seit 1990 Eigentümerin des Marstallkomplexes am Lustgarten. Die ehemalige Reithalle wird seit 2012 als Veranstaltungssaal von der Wernigerode Tourismus GmbH (WTG) betrieben und vermarktet. Die Stadt unterstützt die WTG, ebenfalls eine städtische Firma, Jahr für Jahr mit einem Verlustausgleich. Dieser wurde im Zuge der Haushaltsberatungen für das Jahr 2018 auf Null gesetzt.