Wernigerode l Dass Julia Kasten und ihre Amy heute ein Herz und eine Seele sind, ist unübersehbar. Der Jagdhund weicht ihr nicht von der Seite, beobachtet ganz genau, was in der Umgebung vor sich geht. Und dass Amy, die slowakische Schwarzwildbracke, heute Teil ihrer Familie ist, verdankt Julia Kasten vor allem ihrer Mutter. „Ursprünglich haben mein Mann Alex und ich einen Hund für meine Mutter gesucht“, berichtet die 29-Jährige. Das war im Dezember 2015.

„Dann haben wir eine Anzeige auf Ebay-Kleinanzeigen gesehen und aus Interesse an der Rasse, von der wir noch nie etwas gehört hatten, sind wir dann zu den Besitzern in die Nähe von Salzgitter gefahren.“ Sie hätten noch nicht einmal den Hof betreten, da sei Amy auch schon auf sie zugestürmt. „Insofern kann man gar nicht sagen, dass wir auf den Hund gekommen sind. Der Hund ist auf uns gekommen“, sagt die Wernigeröderin und lacht.

Zwei Tage später zog die damals sieben Monate alte Hündin bei den Kastens ein, die damals noch in einer Innenstadtwohnung lebten. Nicht zur Mutter? Nein, ihre Mutter kümmere sich als „Omafrauchen“ mit um Amy, sagt Julia Kasten. „Wir waren sofort verliebt in die Hündin. Meine Mutter hatte Verständnis.“

Hund war Leben in Stadt nicht gewohnt

Das Leben in Wernigerode sei erstmal ungewohnt für sie gewesen, weil sie bislang nur auf dem Hof gelebt hatte. „Sie konnte nicht an der Leine gehen, war so viel Trubel nicht gewohnt, zumal es gerade kurz vor Weihnachten war und die Stadt dementsprechend voll mit Menschen.“

Da der Kopov, wie die slowakische Wildschweinbracke noch genannt wird, einen extrem selbstständigen, arbeitswilligen und eigensinnigen Charakter hat, ständig beschäftigt werden will, suchte sich Julia Kasten ein Hobby für sich und den Hund: Sie bildet ihn derzeit zum Flächensuchhund aus. „Zunächst bin ich einfach nur viel mit ihr spazieren gegangen, weite Strecken, um die zehn bis 15 Kilometer“, sagt sie. Doch das habe Amy nicht ausgelastet. „Dann habe ich jemanden kennengelernt, der seinen Hund in einer Hundestaffel ausbilden lässt. Und das war es dann.“

Ach Hunde in Staffel Osterode-Goslar-Harz

Acht Hunde zählt die Staffel Osterode-Goslar-Harz, die an die Freiwillige Feuerwehr Liebenburg angeschlossen ist. „Hauptklientel sind vermisste Wanderer, Demenzpatienten und Kinder, die abgängig sind, wie wir sagen“, berichtet sie. Dabei lernen die Hunde verschiedene Profile. „Ein Kind muss an anderen Orten gesucht werden als ein Wanderer oder Demenzkranker“, sagt sie. Dafür sei der Kopov ideal. „Jäger schätzen diese Rasse, die extra für die Wildschweinjagd gezüchtet wurde. Und da sie so extrem selten in Deutschland ist, habe ich schon viele Angebote bekommen.“ Hergeben würde sie ihre Amy aber für kein Geld der Welt.

Eine Fläche von 30.000 Quadratmetern könne Amy innerhalb von 25 Minuten absuchen. Als sogenannter Verbeller suche sie die vermisste Person und belle dann, bis Hilfe anrückt. Daneben gibt es Hunde, die als Freiverweiser die vermisste Person aufspüren und dann zurück zum Hundeführer laufen, um den Führer zum Vermissten zu bringen.

Ende des Jahres soll Amy die Prüfung, der eine Gebrauchshundeprüfung vorausgeht, ablegen. Zwei bis drei Jahre Vorbereitung sind dafür notwendig, das Engagement rein ehrenamtlich. „Es ist definitiv mehr als ein Hobby“, sagt sie. „Wir finanzieren uns selbst und über Spenden.“ Julia Kasten und die Jagdhündin trainieren üblicherweise zwei bis dreimal pro Woche. „Bis vor Kurzem jedenfalls“, sagt Julia Kasten und deutet auf ihren Bauch. Im nächsten Monat erwarten sie und ihr Mann Nachwuchs. Deshalb müsste das Training derzeit etwas zurückstecken.

Bindung durch gemeinsames Training

In der Ausbildung lerne sie als Hundeführerin, wie Erste Hilfe am Menschen und am Hund zu leisten ist. Mit ihrer Körpersprache lenke sie die Hündin bei der Suche in Wald- und Wiesengelände in die richtige Richtung. „Durch das Training haben wir eine ganz besondere Bindung“, sagt Julia Kasten. Sie hatte vor Amy übrigens noch nie einen Hund. „Ich stand mit null Erfahrung da, kann mir ein Leben ohne Hund heute überhaupt nicht mehr vorstellen“, sagt sie.

Seitdem die slowakische Wildschweinbracke bei ihnen eingezogen ist, habe sie ihren Lebens- und Kleidungsstil total umgekrempelt. „Früher haben wir eher Club-Urlaub gemacht, heute fahren wir Wandern. Mittlerweile habe ich auch nur noch Wanderschuhe im Schrank.“

Amy ist nicht nur angehender Flächensuchhund, sondern arbeitet nebenher noch an der Rezeption im Altwernigeröder Apparthotel, das Alexander Kasten betreibt. Neben Frauchen Julia Kasten, die an der Rezeption das Sagen hat, begrüßt Amy die Gäste. „Erst waren die Kollegen etwas sekptisch, ob das wohl gut geht. Mittlerweile möchte Amy niemand mehr missen“, sagt sie.