Wernigerode l Die Musik in der Liebfrauenkirche ist verklungen. Ein letztes Mal sind beim Benefizkonzert am 11. Januar Zuhörer in den Genuss gekommen, die einzigartige Akustik in dem altehrwürdigen Wernigeröder Gotteshaus zu erleben. Von nun an soll die Kirche in einen Konzertsaal, der bis zu 550 Besuchern Platz bietet, umgebaut werden.

Doch bevor die Arbeiten beginnen, muss die Kirche entwidmet werden. Aus diesem Anlass findet dort am Sonntag, 3. Februar, ein feierlicher Gottesdienst statt. Beginn ist um 14 Uhr. Die Liebfrauen-Sylvestri-Gemeinde wird ihre Kirche an die Kulturstiftung Wernigerode übergeben. Alle christlichen Symbole wie Kruzifix und Altarbild bleiben Eigentum der Kirchgemeinde und werden entfernt. Noch offen ist, wie Stiftungschef Rainer Schulze erklärt, ob die Sauer-Orgel, die in der Kirche erhalten bleiben soll, den Besitzer wechselt.

Unabhängig davon, so Schulze weiter, werde am ehrgeizigen Plan festgehalten, die Liebfrauenkirche gemeinsam mit der Stadt zu sanieren und in ein Konzerthaus umzubauen. Die Finanzierung des insgesamt mehr als sechs Millionen Euro umfassenden Vorhabens sei „bestens vorbereitet“. Der Antrag auf vier Millionen Euro EU-Fördergeld sei mittlerweile gestellt worden. Die Zusage, gefördert zu werden, „wurde uns bereits im Januar 2018 signalisiert“, erinnert Schulze.

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Konzerte auf Baustelle?

Im Herbst 2018 hatte der Stadtrat den Zuschuss von 480.000 Euro per Beschluss bewilligt, zu Jahresbeginn wurde die Spenden-Aktion „Aus 1 mach 3“ unter Federführung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und Harzsparkasse erfolgreich beendet. Dadurch stehen 408.000 Euro speziell für Loge und Altarwand zur Verfügung. Sinn und Zweck sei, so Schulze, den repräsentativen Raumeindruck in der Liebfrauenkirche aus der Zeit um 1760 zu erhalten. Mit eingeplant für die Umsetzung des Projekts seien außerdem rund 1,2 Millionen Euro über ein Förderprogramm zum Städtebaulichen Denkmalschutz, von dem die Stadt Wernigerode 240.000 Euro übernimmt.

Wie Schulze weiter informiert, sei auch schon der Bauantrag eingereicht worden. Die Zeit bis zur Genehmigung, die einige Monate in Anspruch nehmen könnte, soll mit vorbereitenden Arbeiten überbrückt werden. Dazu gehöre der Ausbau von Stühlen, die einst nachträglich in die barocke Liebfrauenkirche eingebaut wurden. „Diese brauchen wir nicht mehr.“ Die Obere Denkmalbehörde in Halle habe der Stiftung bei der Vermittlung einer geeigneten Kirchgemeinde, die die Stühle verwenden möchte, Hilfe angeboten. „In Liebfrauen bleiben nur die Bretter mit den Namen, die über die Stuhlreihen angebracht waren.“

Diese Tradition, dass sich Bürger einen Sitzplatz kauften, soll mit Patenschaften für die Kulturkirche fortgesetzt werden. Als Beispiel nannte Schulze die im Vorjahr erfolgreiche Aktion „Ein Stein für Liebfrauen“. Alle 1200 Steine seien gegen Spenden verkauft worden. Eine weiteres Zeichen, wie sehr sich Wernigeröder und Kulturfreunde aus ganz Deutschland für das Projekt engagieren, sei für ihn die in sechs Wochen beendete Aktion „Aus 1 mach 3“ gewesen. Um den Elan der Identifikation in der Bevölkerung nicht abreißen zu lassen, „sind nun weitere Ideen gefragt“, sagt Schulze. Er könnte sich beispielsweise Baustellenkonzerte vorstellen. „Wir brauchen einfach die Unterstützung und sammeln auch fleißig weiter Spenden.“

So ehrgeizig wie der Plan, so umfangreich seien nämlich all die Arbeiten. In der Kirche müssen Dach und Fachwerk saniert, die Fenster erneuert sowie Altar und Loge – beide in aufwändigen Holzschnitzarbeiten angefertigt – restauriert werden. Im Außenbereich soll ein Anbau entstehen - für Haustechnik, Sanitäranlagen und Foyer.

Eröffnung im Dezember 2021?

Laut Förderrichtlinie müsse das Geld in einer vorgeschriebenen Zeit verbaut sein. „Deshalb wird im Dezember 2021 das Eröffnungskonzert stattfinden.“ Eine kühne Prognose? Nicht für den Stiftungschef, der, wie er von sich behauptet, bislang „nie schlecht“ mit seinen Voraussagen gelegen habe.

Und mit der Namensgebung? Rainer Schulze schmunzelt, wohlwissend, dass „Harzphilharmonie“ umstritten und die wechselnden Projekt-Bezeichnungen verwirrend seien. Mit dem Titel „Liebfrauens neuer Klang“ habe sich die Stiftung 2016 für die EU-Förderung beworben. Nach „Kulturkirche“ wurde die Marke „Harzphilharmonie“ entwickelt. Letzteres, um wirksamer für eine Konzertstätte mit einer deutschlandweit einzigartigen Akustik werben zu können. „Aber auch“, so Schulze weiter, „um auszudrücken, dass es um mehr als nur Kultur in einer Kirche geht“.

Entstehen soll eine Heimstätte für das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode sowie ein Aufführungsort für heimische Chöre und Ensembles aus aller Welt wie zum Internationalen Johannes-Brahms-Chorfestival und viele andere Künstler mehr.

Kritik an Harzphilharmonie

Die Kritik, dass mit Harzphilharmonie in Anlehnung an Elbphilharmonie in Hamburg beim Besucher falsche Hoffnungen geweckt werden, weil das Wernigeröder Orchester den Ansprüchen überhaupt nicht gerecht werden könnte, teile Rainer Schulze in „keiner Weise“. Vielmehr sei er überzeugt, dass die Orchestermusiker unter Leitung von Christian Fitzner in der umgebauten Liebfrauenkirche „einen Qualitätssprung machen werden“.

Letztendlich, betont der Stiftungschef, „befinden wir uns auch bei der Namensgebung in der Arbeitsphase. Deshalb ist noch nichts in Stein gemeißelt, weder Name noch Logo.“ Gegen einen Ideen-Wettbewerb, wie von Volksstimme-Lesern vorgeschlagen wurde, habe Schulze nichts einzuwenden. „Im Gegenteil. Es ist nur zu begrüßen, wenn sich die Wernigeröder beteiligen.“