Wernigerode l Absperrungen, Baugerüste, ein Kran und Arbeiter, die am Rand des Daches entlangeilen: Rund um die Liebfrauenkirche ist derzeit viel los. Die Bauarbeiten an dem Gebäude, das zum Konzerthaus Liebfrauen Wernigerode werdem soll, sind gestartet. Nachdem das ehemalige Gotteshaus eingerüstet wurde, sind diese Woche die Dachdecker angerückt, berichtet Rainer Schulze von der Kulturstiftung Wernigerode, die das Gebäude von der Kirchengemeinde übernommen hat und umbaut.

Innerhalb von rund drei Monaten sollen sie ihre Aufgabe erledigen. „Das ganze Dach muss neu gedeckt werden“, erklärt Rainer Schulze. Zuletzt war die Bedachung Anfang der 1990er Jahre erneuert worden – allerdings nicht in einer Qualität, die weitere Jahrzehnte überdauert hätte. Zudem wird vom Dach aus das Gebäude isoliert. Die Dämmung darf nicht mit der Holztonnendecke in Berührung kommen, erklärt der Stiftungschef. „Die Holzdecke ist wie eine Geige, wie ein Instrument. Das Holz schwingt mit.“ Dämmmaterial, das direkt auf der Decke aufliegt, würde den Klang im Gebäudeinneren verändern – daher wird streng darauf geachtet, dass es keine Berührungspunkte gibt.

Hausschwamm-Problem

Die außergewöhnlich gute Akustik, das Pfund, mit dem das künftige Konzerthaus wuchert, ist Richtschnur allen Handelns bei den Bauarbeiten, die im November nach Eintreffen des Förderbescheids aus Magdeburg anlaufen konnten. „Jeder kleine Handgriff ist bedacht und von den Akustikern berechnet. Wir tun nichts, ohne sie vorher zu fragen“, betont Schulze. So demontieren Zimmerleute beispielsweise derzeit die Logen, die für die Bauzeit eingelagert werden.

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Nach deren Ende werden sie wieder an Ort und Stelle installiert: Ihr Fehlen würde den Klang im Raum beeinflussen. „Sie werden vorab nummeriert und sehr vorsichtig eingepackt“, so Schulze. Allerdings sind die Zimmerer beim Abbau auf Echten Hausschwamm gestoßen. Es sei eine kleine Fläche, die mitsaniert werde, so Schulze. „Wir wissen noch nicht, wie weit es ins Mauerwerk vorgedrungen ist.“

Langsam nach unten

Weitgehend in Ordnung ist der Fußboden der früheren Chorempore. Dort wurden Gestühl und Holzfußboden entfernt. Die Dielen lagern derzeit eine Etage tiefer im Kirchenschiff, sollen aber wieder eingesetzt werden, bevor die darüber liegende Orgelempore abgesenkt wird.

Auf der früheren Chorempore wird dazu eine hydraulische Ebene aufgestellt, auf welcher die Orgelempore aufliegen soll. Dazu werden die Verbindungen des Emporenboden mit der Wand gelöst, dann die Pfeiler abgesägt, erklärt Rainer Schulze. Dann wird die Empore sacht nach unten gefahren. Die Aktion, die für das Frühjahr geplant ist, werde sehr geruhsam ablaufen, so Schulze. Nur fünf Zentimeter pro Stunde bewegt sich die Empore nach unten. „Das dauert eine Woche.“ Zudem wird die Ebene um zwei bis zweieinhalb Meter nach hinten versetzt.

Denkmalpfleger im Einsatz

Zuvor wird planmäßig im Februar der Fußboden im Kirchenschiff hochgenommen, und dies so, dass möglichst viele Steine wieder verwertet werden könnnen, kündigt Schulze an. Ab März sollen Kanäle für Lüftung, Heizung und Wasser gezogen werden. Drei Heizungsarten sollen für Wohlfühltemperaturen in dem Kirchenbau sorgen: Fußboden-, Wand- und Warmluftheizung.

Immer mit dabei sind die Experten der Bodendenkmalpflege, die bei Funden sofort die Bagger stoppen und mit der Schaufel weiter nach Überresten der kirchlichen Vergangenheit suchen. Rund vier Wochen sind für die Arbeiten eingeplant, im Anschluss sollen Leitungen und Rohre verlegt und der Boden wieder verschlossen werden. Ab Mai sollen der Innenausbau und die Absenkung der Empore folgen.

Turmsanierung

Damit hätten die Bauleute für den Rest des Jahres genug zu tun, so Schulze. 2021 soll planmäßig die Restaurierung des Altars und der Logen folgen. Im Kirchturm wird der Backstage-Bereich für das Philharmonische Kammerorchester, das seinen Sitz im Konzerthaus beziehen will, mit Aufenthaltsräumen und Garderoben eingerichtet. Der Turm sei bereits, soweit für den Konzertbetrieb notwendig, saniert worden.

Derweil haben an der Ostseite der Liebfrauenkirche die Schachtarbeiten für den Anbau begonnen. Fünf Meter tief wird die Baugrube ausgehoben. „Es muss alles auf einmal passieren“, so Schulze. Drei Linden sind dafür bereits mit Genehmigung des Gartenamtes gefällt worden. Im neuen Gebäude wird der Eingangsbereich mit Kasse und Garderobe angesiedelt. Die Toiletten sollen sich im Untergeschoss befinden, im Dach die Haustechnik.

Probleme

Schwierigkeiten bei der Ausschreibung und das späte Eintreffen des Förderbescheids hätten zunächst für Verzögerungen gesorgt. Dennoch sei der Zeitplan nicht in Gefahr, betont Schulze. Und: „Wir liegen bisher im Kostenrahmen – und wir haben großes Glück mit den Bauleuten.“ Der Termin für die Eröffnung stehe nach wie vor: „Eine Woche vor Weihnachten 2021 wird das Eröffnungskonzert gespielt.“

Die Finanzierung des Mammutprojekts sei gesichert, betont Stiftungschef Schulze. Vier Millionen Euro gibt das Land, eine Million Euro fließt über die Städtebauförderung, und eine weitere Million Euro bringt die Kulturstiftung als Eigenanteil auf. 480.000 Euro davon schießt die Stadt Wernigerode zu, weitere Sponsoren wie die Ostdeutsche Sparkassenstiftung sind im Boot.

Kaum Spenden übers Internet

Für „nicht planbare und nicht förderfähige Kosten“ brauchen die Bauherren jedoch weiterhin Geld. Die dazu ins Leben gerufene Crowdfunding-Aktion im Internet hat jedoch nicht gezündet. Gerade einmal 495 Euro sind über das Internetportal startnext in die Stiftungskasse geflossen. „Das hat überhaupt nicht funktioniert“, sagt Schulze. Woran es gelegen hat, weiß er nicht, wohl aber, dass die Stiftung weiter auf der Suche nach Spenden ist. „Wir sind auf die Unterstützung von Bürgern, Firmen und Institutionen angewiesen.“