Wernigerode l Chronos und Kairos – das sind die Protagonisten, denen Peter Gaffert in seiner Neujahrsrede am Mittwochabend im Wernigeröder Rathaus einen besonderen Stellenwert einräumt. Der Oberbürgermeister weist in seiner von der griechischen Mythologie flankierten Ansprache vor mehr als 300 geladenen Gästen im Festsaal auf die Bedeutung des rechten Moments hin – jenem Sinnbild, für das der altgriechische Gott Kairos stehe. Kairos bezeichne „den richtigen Zeitpunkt, um etwas Entscheidendes zu tun, um in die so verrinnende Zeit einzugreifen“, so der parteilose Politiker.

In knapp 38 Minuten verdeutlicht der Stadtchef, dass Wernigerode mit seiner blühenden wirtschaftlichen und touristischen Entwicklung, seiner hohen Lebensqualität als „der Westen des Ostens“ gelte. Mit Robin Pietsch habe Wernigerode nun sogar einen Sternekoch. Einem „Wernigerode 4.0“ stehe mit dem schnellen Internet der Telekom seit November nichts mehr im Wege.

Blühende Wirtschtsentwicklung

Als weitere Argumente für die blühende wirtschaftliche Entwicklung führt der Oberbürgermeister Unternehmen wie Krebs und Aulich, das neue Getriebewerk und die Novatex GmbH im Smatvelde an, die 2017 ihre Produktion aufgenommen und neue Arbeitsplätze geschaffen haben. Besonders die millionschwere Investition der Pharma Wernigerode habe die Stadt zu einem der modernsten Produktionsstandorte Europas für flüssige Medizinprodukte gemacht. „Herzlichen Glückwunsch“, so der 57-Jährige. „Damit, könnte man sagen, ist Kamillan das neue Hasseröder.“ Lachen geht durch den Festsaal.

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Mutige Einwohner

Die Brauerei, einst ebenso der modernste Standort im Konzern, hingegen sei nach turbulenten Monaten vor wenigen Tagen wohl verkauft worden, sagt er ernster gestimmt. „Und es gab Menschen in unserer Stadt, die den Kairos erkannt und sofort gehandelt haben – Wernigeröder wollten die Brauerei kaufen“, so Gaffert. „Das war mutig, auch wenn nicht von Erfolg gekrönt.“ Er hoffe, dass „das zukünftige Hasse­röder wieder unser Hasseröder von gestern wird“.

Schulen und Kita sanieren

Er blickt in seiner Rede auch auf die kommenden Aufgaben wie die Sanierung der Francke-Schule, der Kita Schierke, den Neubau der Feuerwehr in Schierke voraus, mahnt aber auch an: „Das Investitionstempo der vergangenen Jahre werden wir nicht halten, und sicher tut eine kleine Verschnaufpause allen gut, nicht nur den Mitarbeitern meiner Verwaltung.“ In Schierke sei man dabei, „ein sterbendes Dorf zum Leben zu erwecken“. Gaffert: „Viele von Ihnen haben daran einen Anteil. Einige allerdings wollen oder können die Chancen und den Zugewinn für unsere Stadt, für unsere Region nicht sehen. Sie predigen stattdessen seit Jahren gebetsmühlenartig Risiken, Schwierigkeiten, Kosten.“

Machtwort zum Waldtausch

Die Nachricht, dass der Waldtausch für das Seilbahn-Projekt vollzogen werden kann, hat Gaffert erst am Mittwoch erreicht. Eine halbe Stunde vor dem Empfang hat er eine Passage in seiner Rede geändert und präsentiert sich am Rednerpult deutlich erleichtert über die Neuigkeit, dass der Ministerpräsident ein Machtwort in Sachen Waldtausch am Winterberg gesprochen hat. „Ich habe das Bedürfnis, all jenen Dank zu sagen, die an den richtigen Fäden gezogen haben“, so der Stadtchef.

Presseschelte zu Wildschweinplage

Nicht so gut wie jene Strippenzieher in der Landespolitik kommt die Presse in Gafferts Rede weg: Die Artikel über die vor allem in Oberhasserode wütenden Wildschweinrotten ließen einen „fast glauben, Wernigerode sei die Serengeti Europas“. Gaffert: „Solch Journalismus lässt wahrscheinlich mehr Leser vor der Zeitung weglaufen als vor Wildschweinen.“