Quedlinburg l Der anfängliche Tatverdacht gegen den 23 Jahre alten Mann aus Quedlinburg, der am Dienstagnachmittag in einen polizeilichen Zugriff unter Beteiligung des Spezialeinsatzkommandos (SEK) gemündet war, hat sich nicht erhärtet. Deshalb, so eine Sprecherin der Polizeiinspektion Magdeburg am Mittwochmorgen, sei der Mann nach „polizeilichen Maßnahmen“ am späten Dienstagabend wieder entlassen worden.

Parallel zur Vernehmung des Mannes hatten Beamte dessen Wohnung in Quedlinburg durchsucht. Das Ansinnen war klar: Es ging darum, etwaige Beweise für eine Tatbeteiligung sicherzustellen. Dreh- und Angelpunkt dabei ist die Tatwaffe, mit der der 73-jährige Michal W. am Vorabend tödlich verletzt worden war. Allerdings wurden weder die Waffe noch andere Beweise gefunden, um den bestehenden Anfangsverdacht zu erhärten und seitens der Staatsanwaltschaft über einen Antrag auf Untersuchungshaft nachzudenken.

Dabei hatte sich der 23-Jährige dem Vernehmen nach selbst ins Visier der Ermittler manövriert. Zum einen wegen seines Kontaktes zum 73-jährigen Opfer. Zeugen hatten beide zusammen mit einem bislang unbekannten, flüchtigen Radfahrer als dritte Person am Montag im Bereich der Julius-Wolff-Straße in Quedlinburg gesehen. Wenig später – kurz vor 18.45 Uhr – fielen Schüsse und der 73-Jährige ging tödlich getroffen zu Boden. Zum anderen war der 23-Jährige in den Fokus gerückt, weil seine Aussagen von den Angaben anderer Zeugen abwichen. Und: Er ist kein unbeschriebenes Blatt, trat in der Vergangenheit bereits mit Drogendelikten polizeilich in Erscheinung. Zudem soll er mit einer Pistole hantierend gesehen worden sein. Allein: Eine Waffe konnte bei polizeilichen Aktionen bislang niemals gefunden werden.

So auch diesmal: Die Durchsuchung seiner Wohnung blieb erfolglos, weder eine Waffe noch andere Beweise wurden gefunden. In der Vernehmung soll der Mann keine weiteren Angaben gemacht haben. Das Ergebnis einer Schmauchspuren-Untersuchung liegt wohl noch nicht vor.

Damit müssen sich die Ermittler der eigens gebildeten Sonderkommission jetzt auf die kriminalpolizeiliche Puzzlearbeit konzentrieren, Spuren auswerten und die Angaben der noch am Montagabend befragten Zeugen auswerten und nach neuen Ansatzpunkten suchen.

Dreh- und Angelpunkt dürfte dabei die Fahndung nach dem bislang weiter unbekannten Radfahrer sein. Zeugen hatten ausgesagt, ein dunkel gekleideter Mann mit Basecap, der zuvor mit dem 73-Jährigen und besagtem 23-Jährigen im angeregten Gespräch gewesen sein soll, sei nach den Schüssen mit dem Rad geflüchtet. Allein: Einen offiziellen Zeugenaufruf der Polizei gibt es bislang nicht.

Das Opfer, ein gebürtiger Pole, der seit vielen Jahren in Deutschland lebte, wird als freundlich und hilfsbereit beschrieben. Der Mann wohnte in der Nähe des Tatortes, sein Auto war unweit des Tatortes geparkt. Eine Frau hatte ihn am Montag erkannt und so der Polizei geholfen, die Identität des zunächst unbekannten Opfers zu klären.

Der 73-Jährige soll dem Vernehmen nach Hausmeistertätigkeiten nachgegangen sein. Seine Leiche sollte am Mittwoch auf Antrag der Staatsanwaltschaft obduziert werden – Ergebnisse wurden dazu noch nicht bekannt.

Letztlich dürfte es nur darum gehen, die genaue Todesursache zu klären und im Zuge der Ermittlungen die Zahl der Einschüsse verbindlich zu ermitteln.

Offenbar haben die Ermittler bislang keine Anhaltspunkte, was das Trio am Montagabend zusammenbrachte und worüber die Männer sprachen, bevor die tödlichen Schüsse fielen. Zudem merkwürdig: Während der Radler laut Zeugen flüchtete, blieb der 23-Jährige bis zum Eintreffen der Polizei vor Ort. Was wiederum gegen eine Tatbeteiligung sprechen könnte.

In Quedlinburg hat die Bluttat für großes Entsetzen und Verunsicherung gesorgt. Dass am hellerlichten Tag ein möglicherweise völlig unbeteiligter, unschuldiger Mann mit Schüssen getötet wird, sei entsetzlich und kaum vorstellbar, so der Tenor. Genährt werden die Ängste vom Fakt, dass der Täter auf freiem Fuß ist und die Tatwaffe bislang nicht gefunden wurde. „Deshalb wird seitens der Polizei und der Staatsanwaltschaft auch jeder Aufwand betrieben, um die Tat so schnell wie möglich aufzuklären“, so Hauke Roggenbuck, Chef der Staatsanwaltschaft in Halberstadt. Alle weiteren Fragen blockt der Oberstaatsanwalt mit Blick auf die laufenden Ermittlungen ab.

In sozialen Netzwerken schießen derweil Gerüchte und Spekulationen ins Kraut. Noch am Montag wurde dort wohl ein Tatverdächtiger samt Foto präsentiert – ganz offensichtlich ohne jeden konkreten Hintergrund.