Wernigerode l 135 Jahre ist es her, dass der große Umbau des Wernigeröder Schlosses unter der Ägide von Carl Frühling beendet wurde. Viele Teile des Wahrzeichens der Stadt sind seitdem unverändert geblieben – und entsprechend angegriffen vom Zahn der Zeit. Dem soll nun ein Bündel von Bauprojekten entgegenwirken. Der Startschuss soll in Kürze fallen: „Wir wollen noch in diesem Jahr anfangen zu bauen“, sagt Michael Hamecher, kaufmännischer Geschäftsführer der Stiftung Schloß Wernigerode.

Da ist zunächst das Dach, das an verschiedenen Stellen Schäden aufweist. Wind und Wetter haben der Bedachung des Gebäudes zugesetzt, berichtet Schloss-Geschäftsführer Christian Juranek. Über zwei Jahre hinweg wurde deshalb bereits das Dach über der Westfassade, hin zu den Schlossterrassen, saniert. Die Bauarbeiten wurden erst Anfang 2020 vorerst abgeschlossen.

Nun ist die nördliche und nordwestliche Seite der Anlage an der Reihe. Am Steinernen Haus, am Treppenturm des Neuen Hauses und am Fahnenturm mit dem Hauptportal sind Schwammbefall und statische Schäden festgestellt worden. Daher sollen die Zimmerleute anrücken, um die tragende Dach- und Deckenkonstruktion einschließlich der Dachgauben zu sanieren.

Schieferdach wird erneuert

Zudem wird die Schiefereindeckung, die teilweise abgängig ist, erneuert – wie zuvor in altdeutscher Deckung mit stumpfem Hieb. Durch die traditionelle Bearbeitung des Materials mit dem Schieferhammer entstehen die charakteristischen Zacken, die das Aussehen der Dacheindeckung prägen. lm gleichen Zuge werden planmäßig die aus Kupfer bestehenden Dachrinnen, Fallrohre und Gaubenanschlüsse erneuert.

Das zweite Vorhaben, das derzeit vorbereitet wird, ist die Sanierung der Kirchenfenster in der Schlosskirche St. Pantaleon und Anna. Vo 1870 bis 1880 ist die Schlosskirche im neogotischen Stil neu errichtet worden. Die acht Fenster, die im Originalzustand erhalten sind, wurden ab 1877 eingebaut. Die biblischen Figuren und Begebenheiten, die sie zeigen, hat der rheinische Glaskünstler Carl Christian An- dreae gestaltet, seinerzeit einer der führenden Vertreter seines Fachs. „Diese Kirchenfenster sind etwas Besonderes“, betont Michael Hamecher.

Damit sie das bleiben, müsse dringend etwas geschehen, sagt Christian Juranek. „Wir haben richtiggehende Ausbrüche an etlichen Stellen. Das sieht man“, so der Schlossgeschäftsführer. Für die beschädigten Scheiben müsse Ersatz gefertigt werden. Andere Glasteile seien nachgedunkelt und müssten gereinigt werden. Dies geschieht Schritt für Schritt. Eine Fachwerkstatt werde defekte Scheiben ausbauen, reparieren und wieder einsetzen. Zerstörte Scheiben werden nach Originalvorlagen neu gefertigt. Die Fenster bräuchten zudem eine zusätzliche Schutzebene aus Verbundsicherheitsglas, welche sie von der Witterung abschirmt.

Schlosskirche ist wichtiger Ausstellungsraum

Dadurch werde zum einen die Substanz erhalten, zum anderen würden die Fenster eine „ganz neue, klare Farbigkeit“ erhalten, die den Raum neu beleben werde, sagt Juranek. Das sei wichtig mit Blick auf die Bedeutung der Schlosskirche. „Sie ist einer der wichtigsten Ausstellungsräume des Schlosses.“ Zwar müssen der Chorraum und angrenzende Wände eingerüstet werden, der Fußboden und der wertvolle Kalksteinaltar müssten geschützt werden. Doch Besucher sollen das Gotteshaus auch während der Sanierung weiter betreten können. Ebenso sollen weiterhin Trauungen dort möglich sein.

Der dritte Punkt im Sanierungsprogramm ist die Erarbeitung eines neuen Brandschutzkonzeptes. Nötig sei dies aus verschiedenen Gründen, erläutert Juranek. „Man muss das komplette Gebäude sehen.“ Das bisher gültige Konzept datiert aus dem Jahr 2004.

Seitdem habe sich im Schloss einiges verändert: Neue Veranstaltungen wurden aus der Taufe gehoben, Räume umgebaut und anders genutzt als zuvor. Hinzu kommen Veränderungen, die in Zusammenhang mit dem geplanten generationengerechten Umbau stehen. Durch das großangelegte Umbauprojekt soll künftig mehr Barrierefreiheit im Schloss geschaffen werden. Weitere Räume sollen für die Ausstellung erschlossen werden.

Neue Rettungswege benötigt

All dem müsse das neue Brandschutzkonzept, das auch die Rettungswege einschließt, Rechnung tragen – auf dem Papier und vor allem in der Praxis. „Das ist nicht nur ein Konzept, sondern ein Gewinn an zusätzlicher Sicherheit“, betont Juranek. Bei der jüngsten Brandschutzbegehung habe man zum Beispiel festgestellt, dass der zweite Rundgang vergleichsweise lang ist. „Wenn man im Festsaal ist, müsste man im Brandfall bis zum Ende des Rundgangs gehen, um zum Notausgang zu gelangen“, so Juranek.

Diese Strecke soll künftig so verkürzt werden, dass bei der Galerie des 19. Jahrhunderts ein zusätzlicher Zugang zum Haupttreppenhaus geschaffen wird. Dieses kann im Notfall durch eine Brandschutztür betreten werden, die mit der Brandmeldeanlage vernetzt ist.

Diese wurde bereits Ende der 1990er Jahre installiert, ist aber seitdem „immer wieder erweitert und technisch auf dem neuesten Stand gehalten“ worden, erklärt Christian Juranek. Das werde regelmäßig vom Tüv überprüft.

Aufträge sollen im Herbst vergeben werden

Alle drei Vorhaben befinden sich momentan kurz vor dem Start. Die Planungen für die Dachsanierung laufen, die Ausschreibungen für die Fenster und für das Brandschutzkonzept werden vorbereitet, berichtet Michael Hamecher. Er hofft, dass im Herbst die entsprechenden Aufträge vergeben werden können.

Die Finanzierung steht derweil. Rund 1,8 Millionen Euro werden für die Bauvorhaben veranschlagt. Der Löwenanteil – rund 925.000 Euro – stammt aus dem Denkmalpflegeprogramm der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Das Geld aus dem Programm soll der Substanzerhaltung und Restaurierung von Kulturdenkmälern von nationaler Bedeutung dienen. Das Land schießt 700.000 Euro zu, Eigenmittel in Höhe von rund 205.000 Euro sichern den Rest der nötigen Investitionssumme.

Darin ist eine Zuwendung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung für die Sanierung der Kirchenfenster enthalten. Für die Fenster gibt auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 20.000 Euro. Es sei die erste Zuwendung der Stiftung für das Schloss, sagt Juranek – und der Beweis dafür, dass die Bedeutung von Schloss Wernigerode über die Region hinaus gewürdigt werde, ergänzt l Hamecher.