Schierke l Die Bilder sind noch frisch: Eine Schwangere, die Mitte Januar 2019 an einem Sonntagnachmittag bei Orkansturm mit Tempo 120 hilflos auf dem Brocken stand und nicht mehr wusste, wie sie sicher ins Tal kommen soll. Schließlich hatte die Brockenbahn an diesem Tag gar nicht erst den Betrieb aufgenommen. Oder Menschen, die trotz glasklarer Informationen bei Orkan den Berg erklimmen und sogar Kinderwagen dabei haben. Sollte es angesichts dessen bei Extremwetterlagen nicht klarere Warnungen an Wanderer und Touristen geben?

Eine Frage, die seit den jüngsten Schneestürmen auf dem Brocken, die selbst die Brockenbahn zweimal ausgebremst hatte, diskutiert wird. Schließlich ist stets ein hoher Aufwand von Bergwacht, Feuerwehr und Brockenwirt Daniel Steinhoff nötig, um Menschen aus Gefahrensituationen zu retten.

Viele Aspekte ungeklärt

Der Gedanke, bei wirklichen Extremwetterlagen auf dem Brocken oder in gefährdeten Wäldern – beispielsweise bei Wind- oder Schneebruchgefahr – eine konkrete Warnung auszusprechen, liegt dabei nahe, wirft aber auch Fragen auf.

Unterwegs mit der Schneefräse zum Brocken

Wernigerode (mg) l Damit die Harzer Schmalspurbahnen (HSB) im Winter den Brocken ansteuern können, muss morgens die Schneefräse den Weg freiräumen. So hart ist die Arbeit auf den Gleisen.

  • Die auf Schmalspurbetrieb umgebaute Diesellok der Baureihe 199 schiebt die Schneefräse am Begenungspunkt Goethebahnhof am Brocken voran – der Schnee wird weit ins Gelände hinein geschleudert. Foto: Dennis Lotzmann

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  • Trotz technischer Unterstützung ist auf der Strecke der Brockenbahn Handarbeit nötig: Hier an der Weiche am Goethebahnhof. Volksstimme-Reporter Dennis Lotzmann (vorn) packt mit an. Foto: Thomas Demuth

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  • Tino Fügner im Führerstand der Lok V 100 schiebt die Gleis-Schneefräse vor sich langsam hinauf in Richtung Brocken. Weil der Schnee nass und schwer ist, geht es zuweilen nur im Schritttempo voran. Foto: Dennis Lotzmann

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  • Blickperspektive aus dem Führerstand der Schiebelok bei der Fahrt auf den Brocken. Bei extrem großer Schneeauflage auf den Gleisen der Harzer Schmalspurbahnen müssen bestimmte Gleisabschnitte mehrfach befahren und schrittweise gefräst werden. Foto: Dennis Lotzmann

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  • In der weißen Hölle: Die Schiebelok der Harzer Schalspurbahnen kommt mit der Schneefräse auf dem Brocken an.  Foto: Dennis Lotzmann

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Letztlich müssten zuvor grundsätzliche Punkte geklärt werden, gibt Tobias Kascha, Sprecher des Wernigeröder Oberbürgermeisters Peter Gaffert (parteilos) zu bedenken: Wollen wir das wirklich? Wenn ja: Welches Gremium sollte entscheiden und eine solche Warnung aussprechen?

Und wie sollte die Struktur – insbesondere auch die Kommunikation nach außen – gestaltet sein? Fragen und Aspekte, die aus Kaschas Sicht grundsätzlich geklärt werden müssten.

Touristik-Chefin setzt auf Sicherheit

„Kommunikation nach außen – wir sind durchaus dafür“, sagt Carola Schmidt, Geschäftsführerin des Harzer Tourismusverbands (HTV). „Wenn ein neutrales und fachkundig besetztes Gremium eine solche Warnung formuliert, würden wir diese auf unserer Internetseite breit kommunizieren“, versichert die Verbandschefin. Schließlich habe sie als Touristikerin ein ureigenstes Interesse daran, Besucher in den Harz zu holen. Dazu gehöre aus ihrer Sicht aber eben auch, Gäste vor etwaigen Gefahren zu warnen.

Dass letztere gerade für Besucher aus fernen Regionen mitunter schwer einschätzbar sind, haben die vergangenen Tage gezeigt. Während das Wetter im Tal erträglich und für Januar typisch war, tobte auf dem Brocken der Wintersturm.

Kaum ein Harzer wäre wohl auf die Idee gekommen, sich diesem Wetter auszusetzen – insbesondere Auswärtige pilgerten oder fuhren zuhauf.

Extreme Wetterunterschiede

Auch OB Gaffert hatte jüngst oben auf dem Berg an einem extrem stürmischen Tag daran erinnert, wie wichtig es sei, klar zu machen, dass zwischen unten und oben wettermäßig extreme Unterschiede bestehen können. Dafür, so Gaffert, müssten die Menschen sensibilisiert werden.

Und Gaffert hatte als Aufsichtsratschef der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) den Verantwortlichen eine klare Botschaft mit auf dem Weg gegeben: Im Zweifel die Brockenbahn bei Extremwetter lieber pausieren lassen.

Hinweisschilder versinken in Schneemassen

Dass Carola Schmidt derartigen Überlegungen grundsätzlich offen gegenübersteht, macht sie auch an anderer Stelle deutlich. Auf Anregung der Loipenleger des Nationalparks Harz werde mit Wirkung vom gestrigen Tag an, das Loipenzustands-Meldesystem auf der Internetseite ergänzt: Die bisherige Loipen-Klassifizierung werde um eine Kategorie ergänzt, sodass nun zwischen gespurt (grün), alt-gespurt (gelb), nicht gespurt (orange)und gesperrt (rot) unterschieden werde.

„Mit der letzteren Kategorie werden Langläufer ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Nutzen der Loipen beispielsweise wegen Sturm, Wind- oder Schneebruch gefährlich ist. Aber: Diese Feinklassifizierung gelte nur für die Anzeige auf der Website www.wintersport.harzinfo.de und nicht auf der Smartphone-App. Dort werde weiterhin nur zwischen gespurt/offen und nicht gespurt/geschlossen unterschieden.

Apropos geschlossen: Geschlossen – präziser: gesperrt – sind auf dem Brocken und in der Kernzone des Nationalparks grundsätzlich alle Bereiche außerhalb des Wegesystems. Aktuell sorgen die Schneehöhen von rund 170 Zentimetern auf dem Gipfel allerdings dafür, dass jegliche Zäune und Verbotsschilder im Schnee versunken sind. Die Folge: Besucher sind querfeldein unterwegs, zuweilen wird zwischen den sensiblen Krüppel-Fichten gerodelt und manch einer klettert fürs Foto sogar auf die vereisten Bäumchen.

Die wenigen Ranger des Nationalparks auf dem Berg stoßen an besucherstarken Tagen schnell an Grenzen. Das Problem scheint aber die Kommunikation generell zu sein: Wie sollen Besucher wissen, dass die Areale gesperrt sind, wenn Zäune und Hinweisschilder im Schnee versunken sind und die nötige Orientierung fehlt? Der Nationalpark überarbeitet aktuell sein Beschilderungssystem, so Friedhart Knolle. Dabei könne auch dieser Aspekt stärker berücksichtigt werden, so der Sprecher der Verwaltung für das Schutzgebiet.