Corona

So ist die Corona-Lage auf den Intensivstationen im Landkreis Harz

In der dritten Corona-Welle mussten erstmals Kinder in den Kliniken in Halberstadt und Wernigerode mit einer Covid-19-Erkrankung behandelt werden, berichten Ärzte.

Von Sandra Reulecke
Auch wenn die Inzidenzzahlen im Landkreis Harz aktuell sinken, sind die Intensivstationen der Kliniken in Wernigerode und Halberstadt weiterhin mit Corona-Patienten belegt.
Auch wenn die Inzidenzzahlen im Landkreis Harz aktuell sinken, sind die Intensivstationen der Kliniken in Wernigerode und Halberstadt weiterhin mit Corona-Patienten belegt. Symbolfoto: dpa

Wernigerode/Halberstadt

Die dritte Welle der Pandemie hat den Harz mit Wucht getroffen, sagt Dr. Tom Schilling. Er ist der ärztliche Direktor für die Harzklinik-Standorte Wernigerode und Blankenburg. „Wir haben im Verlauf 2021 schon jetzt 50 Prozent Corona-Fälle mehr als im gesamten letzten Jahr. Auf den Intensivstationen werden vier Mal mehr Patienten behandelt.“

Auffällig sei eine Veränderung der Patientenstruktur. „2020 lag das Durchschnittsalter bei 71,4 Jahren, aktuell bei 64,9 Jahren“, informiert Schilling. Viele der Patienten würden Vorerkrankungen aufweisen. „Aber das ist in der Altersgruppe 50 plus eher die Regel als die Ausnahme“, gibt der Arzt zu bedenken. Man dürfe bei Vorerkrankungen nicht nur an Lungenkrebs oder ähnlich Schweres denken. Zudem schütze Jugend nicht unbedingt vor schweren Krankheitsverläufen. Im Harzklinikum mussten in jüngster Zeit drei Kinder behandelt werden.

Es seien nicht nur mehr die Corona-Erkrankten intensivpflichtig, ihre Behandlung dauere im Schnitt auch länger. Viele der Patienten müssten drei, vier Wochen bleiben. Wie der Mediziner berichtet, sei die britische Virus-Variante aktuell vorherrschend.

Phasenweise, so sagt Schilling, habe von einer Überlastung die Rede sein können, ebenso von einer Überfüllung. „Wir mussten uns kreisweit untereinander helfen“, berichtet der 55-Jährige. Das bedeute, dass etwa Patienten aus Wernigerode nach Ballenstedt gebracht wurden.

Hohe Zahl an Nicht-Covid-Patienten

Für volle Stationen sorgt aber nicht nur die Pandemie. „Wir haben momentan relativ viele Nicht-Corona-Patienten“, so Schilling. Deren Anzahl sei nicht höher als in anderen Jahren – dennoch sei die Belastung für das Klinik-Personal ungleich höher. „Die Abläufe haben sich verkompliziert und kosten mehr Zeit“, erläutert der Mediziner.

Das beginne schon bei der Einlieferung der Patienten. Jeder wird auf Corona getestet. Bis das Ergebnis vorliegt, wird der Patient in einem Isolier-Bereich untergebracht. Wird eine Infektion nachgewiesen, wird er in einem eigens eingerichteten Corona-Bereich untergebracht oder, je nach Schwere des Krankheitsverlaufs, auf der Intensivstation.

Das Klinikpersonal ist nicht nur in der Behandlung dieser und anderer Patienten gefordert. Vieles in den Abläufen habe sich erheblich seit Corona verändert – selbst die Laufwege innerhalb des Krankenhauses sind aufgrund von Sperrbereichen länger geworden. Corona-Patienten bedeuten für eine Klinik mehr Aufwand, mehr Personal, das auf den Stationen gebraucht wird und mehr Raum, da nicht wie bei anderen Erkrankungen sich Patienten bedenkenlos ein Zimmer teilen können. Schließlich sei Corona nicht gleich Corona. Unterschiedliche Stadien der Erkrankung, unterschiedliche Verläufe, mehrere Virusvarianten – die Patienten könnten sich untereinander anstecken.

Probleme in Pflege während der Pandemie demaskiert

Nicht nur die hohe Belastung, die schon seit mehr als einem Jahr für das Klinikpersonal anhält, habe Spuren hinterlassen. „Corona demaskiert Probleme, die schon vorher da waren“, sagt Schilling. Die Honorierung von Pflegepersonal, hoher bürokratischer Aufwand, lückenhafte Personalbesetzung, zu wenig Ausbildung von Fachkräften, mangelnde Wertschätzung, nennt er als Beispiele. Auch die Tatsache, dass diese Aspekte zwar seit gut einem Jahr medial und gesellschaftlich diskutiert werden, aber keine nennenswerten Änderungen stattgefunden haben, schlage sich auf die Stimmung des Krankenhauspersonals nieder. „Die Motivation, aktuell das Beste für die Patienten zu geben, ist ungebrochen. Aber die Motivation, auf lange Sicht in dem Beruf zu bleiben, hat gelitten“, ist sich der Chefarzt sicher.

Hinzu komme das Risiko, selbst an Corona zu erkranken. „Schutzmaßnahmen minimieren das Risiko, setzen es aber nicht auf null“, betont Schilling. Gleiches gelte für Impfungen.

Immer wieder komme es vor, dass Personal bei den regelmäßigen Corona-Tests als positiv herausgefischt werde. „Das ist ja auch erwünscht, um Infektionsketten zu durchbrechen“, so Schilling. Andererseits aber fehlen diese Mitarbeiter. Andere haben sich in Quarantäne begeben müssen, etwa weil in der Tagesstätte des Kindes ein Corona-Fall aufgetreten ist, und konnten so über Tage keinen Dienst antreten.

„Die Mitarbeiter sind mittlerweile an ihrer psychischen und physischen Belastungsgrenze“, berichtet auch Prof. Dr. Klaus Begall, ärztlicher Direktor des Halberstädter Ameos-Klinikums. „Ein Jahr unter hoher Anspannung zu arbeiten, das merkt man natürlich.“ Die Arbeit auf der Covid-Station sei auch körperlich anstrengend. Begall erläutert: „Patienten, die beatmet werden, werden in ein künstliches Koma versetzt, und müssen regelmäßig gedreht werden.“ Zwölf Beatmungsplätze gab es vor Corona im Halberstädter Klinikum, zu 80 Prozent ausgelastet. „Mittlerweile haben wir 16 Plätze und laufen oft an der Obergrenze.“

Korsett durch Einschränkung in der Freizeit

Belastend ist aus Begalls Sicht ein weiterer Aspekt. „Das Korsett durch die Einschränkung der Freizeitmöglichkeiten“, sagt er. „Man braucht mal ein gutes Gespräch, muss die Seele baumeln lassen, um Erholung daraus zu schöpfen.“ Aufgrund der Corona-Beschränkungen bestehe das Leben aber für viele fast nur noch aus Arbeit, schlafen gehen und wieder Arbeit. „Wir müssen jetzt sehen, dass wir ein Gleichgewicht für die Mitarbeiter schaffen“, mahnt der erfahrene Arzt.

So halte er Lockerungen für bestimmte Bereiche, etwa für die Außengastronomie, für hilfreich und sinnvoll. Allerdings: „Nur unter sehr strengen Hygienevorschriften“, betont Begall. Öffnungen müssten fundiert vorbereitet und wissenschaftlich begleitet werden. „Modellprojekte und Ähnliches dürfen kein politisches Instrument sein, sondern medizinisch-epidemiologisch und wirtschaftlich sinnvoll“, sagt Klaus Begall, der für die CDU im Halberstädter Stadtrat sitzt.

Aktuell sei das Ameos-Klinikum noch mitten in der dritten Welle, die Belastung weiterhin hoch. „Wir sehen Impferfolge. Es sind jetzt weniger ältere Patienten, weil diese Altersgruppe mittlerweile zu großen Teilen geimpft und geschützt ist“, berichtet der ärztliche Direktor. Gleichzeitig aber habe sich die Zahl der Patienten, die in den 1960er und 1970er Jahren geboren wurden, erhöht. Und: „In der dritten Welle hatten wir bereits drei Kinder, unter einem Jahr alt bis hin zu neun Jahre. Das gab es in den anderen beiden Wellen nicht. “

Er glaube nicht, dass diese Entwicklung daran liegt, dass zu viele Menschen sich gegen Hygiene- und Abstandsregeln verweigern. „Ich sehe bei den meisten eine hohe Disziplin, was die Einhaltung angeht.“ Allerdings sei die Mobilität höher als etwa im April 2020, mehr Leute gehen zur Arbeit, mehr Kinder besuchen Tagesstätten. „Arbeitskollektive sind eine Gefahrenquelle“, mahnt der Arzt. „Nicht aus Protest, sondern weil sich ein kleiner Schlendrian einstellt.“ Bei der gemeinsamen Fahrt im Transporter werde beispielsweise das Maske-Tragen vergessen. Etwas, dass auch trotz Impffortschritt und sinkender Inzidenzzahlen jedoch nicht passieren dürfe. „Die Hygieneregeln sind mit diesem Jahr nicht beendet.“

Dr. Klaus Begall: „Corona wird es immer geben.“

Er erwarte aber, dass sich zum Sommer hin – dank Impfungen und milderer Temperaturen – die Infektionslage beruhigen werden. Das sei schon spürbar: Noch vor zwei Wochen waren es 25 Covid-Patienten im Halberstädter Klinikum, Ende voriger Woche elf.

Dennoch warnt Klaus Begall vor zu viel Optimismus. „Corona wird es immer geben, mit weniger Patienten, aber es wird nicht vollständig verschwinden. Wir werden mit Corona leben müssen.“

Keine Verschnaufpause für Personal zu erwarten

Doch auch dann, wenn wieder weniger Covid-Patienten im Halberstädter Ameos-Klinikum behandelt werden müssen, bedeute das für das Personal keine Verschnaufpause. „Sobald die Corona-Zahlen sinken, werden andere Patienten kommen.“ Die Pandemie stoppe andere Gebrechen schließlich nicht.

Es gebe eine Vielzahl von Patienten, die sich aufgrund der Pandemie nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus getraut, Operationen und Behandlungen aufgeschoben haben. „Und es macht einen erheblichen Unterschied aus, ob eine Erkrankung gleich im Anfangsstadion behandelt wird oder lange ausgebrütet wird“, gibt der Arzt zu bedenken. Eine Patienten-Welle nach der Corona-Welle sei also sehr wahrscheinlich. Kommentar

Dr. Tom Schilling
Dr. Tom Schilling
Foto: Harzklinikum
Prof. Dr. Klaus Begall
Prof. Dr. Klaus Begall
Foto: Ameos-Klinikum