Wernigerode l Brauereiführungen, Verkostungen, Bierfeste und Freibierpartys – undenkbar in Zeiten der Corona-Pandemie. Doch all das wäre heute, am 23. April, in der ganzen Republik Teil einer ganz normalen Realität ohne Corona gewesen. Heute wird traditionell der Geburtstag des deutschen Reinheitsgebotes mit dem Tag des Bieres gefeiert.

Keinen Grund zu feiern hat derzeit die Bierindustrie. Gaststätten, Restaurants und Schankbetriebe wie Kneipen sind dicht, dürfen auch in absehbarer Zukunft nicht unter Auflagen öffnen. Die großen Feiern, die im Sommer für ein Absatzhoch der Braueien sorgen würden, sind langfristig abgesagt. Ob das Schützenfest in Goslar, das Rathausfest in Wernigerode oder die Walpurgisfeiern, die in Kürze über die Bühne gegangen wären. Am Dienstag wurde bekannt, dass sogar das Münchner Oktoberfest abgesagt wurde. Für die 1500 Brauereien in Deutschland bedeutet das Ausfälle in Milliardenhöhe. Der Deutsche Brauer-Bund berichtete bereits im März von deutlichen Folgen der Krise.

Genaue Zahlen unterliegen Geheimhaltung

Wie geht es dem größten Produzenten vor Ort, der Hasse-röder Brauerei mit ihren 300 Mitarbeitern? „Die gute Nachricht ist, dass die Produktion wie gehabt läuft“, teilt Unternehmenssprecherin Claudia Hauschild auf Nachfrage mit. Genaue Zahlen dürfe sie nicht mitteilen, da diese derzeit der Geheimhaltung unterliegen. „Zu den konkreten Auswirkungen auf Ausstoß und Umsatz kann ich leider nichts sagen, da wir uns in der ‚silent period‘ kurz vor der Veröffentlichung der Quartalsergebnisse befinden“, so die Pressesprecherin.

Volksstimme-Informationen zufolge sei der Betrieb der Brauerei bisher kaum von der Corona-Krise beeinflusst worden. „Wir arbeiten auf einem ganz normalen Niveau weiter“, so ein Mitarbeiter. „Home Office gibt es bei Brauern natürlich nicht.“ Die Brauerinnen und Brauer gelten als systemrelevant, dürfen somit uneingeschränkt weiterarbeiten. Tag- und Nachtschichten laufen unverändert weiter.

Er vermutet, dass eher Brauereien beziehungsweise Marken betroffen sind, die stark vom Fassausschank auf Großveranstaltungen und von der Gastronomie abhängig sind. So werden bestimmte Biere vergleichsweise oft in Fußballstadien angeboten, andere wiederum nicht. Hasseröder als Marke im Portfolio von Anheuser-Busch InBev sei vor Jahren neu positioniert worden. So wird das Bier heute vor allem als Flaschenbier konsumiert, also im Handel verkauft. Damit ist der Ausstoß weniger anfällig für Absagen von Großveranstaltungen. „Und die Nachfrage nach Flaschenbier ist derzeit sogar höher als sonst“, so der Mitarbeiter.

Erfreuliche Nachrichten für die Brauerei, zu der sich Anheuser-Busch InBev vor einem Jahr bekannte und seitdem wieder deutlich in Marketingaktivitäten investierte. So konnte der Betrieb 2019 gegenüber 2018 um sechs Prozent wachsen, wie Claudia Hauschild berichtet. „Und das, obwohl 2018 mit einem extrem heißen Sommer ein sehr gutes Jahr war“, sagt sie. 2019 sei für die Bierbranche an sich ein schlechtes Jahr gewesen. „Nicht jedoch für Hasseröder – die Marke wächst gegen den Trend, kann man fast sagen.“

In der Corona-Krise gebe es bis dato keine großen Umstellungen, außer den umfangreichen Hygienevorkehrungen, die umgesetzt werden, um die „Kollegen zu schützen und den Betrieb aufrecht zu erhalten“, so Claudia Hauschild. Ohnehin wird in einer Brauerei ein hoher Hygienestandard angesetzt. Derzeit seien die Regelungen deutlich verschärft. „Selbstverständlich hat sich mit der COVID-19 auch in der Brauerei der Arbeitsalltag verändert“, so Hauschild. „Auch der persönliche Kontakt ist stark eingeschränkt.“

Strikte Hygienevorschriften und -schulungen

Belegschaft und Geschäftsleitung seien sich einig, dass diese Einschnitte zwingend notwendig sind. Claudia Hauschild: „Die Leiter aller Abteilungen sind angewiesen, noch stärker als ohnehin schon auf die Einhaltung der Hygienevorschriften zu achten und Mitarbeiter verstärkt auf die Bedeutung der Einhaltung dieser Vorschriften hinzuweisen.“ Für alle deutschen Standorte lägen Pandemiepläne vor. Die vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Hygienevorkehrungen wurden umgesetzt. In den Brauereien werden Hygieneschulungen für alle Mitarbeiter angeboten. In der Kantine dürfen Volksstimme-Informationen zufolge nur 60 Prozent der Mitarbeiter gleichzeitig essen. Es gelten überall strikte Abstandsregelungen, auf die – wie beispielsweise in Supermärkten auch – mit Markierungen hingewiesen werde. Hände müssten an allen Eingängen desinfiziert werden.

Das Unternehmen hat entschieden, ab dem 1. April Kurzarbeit für die Mitarbeiter anzumelden, deren Arbeit am meisten von diesen Auswirkungen betroffen ist. Hierzu gehören Kollegen aus dem Vertrieb im Innendienst und Außendienst sowie Events und Marketing. Das betrifft auch Mitarbeiter am Wernigerö-der Standort. Insgesamt sind deutschlandweit 205 Beschäftigte von Kurzarbeit betroffen, im Bereich Vertrieb und Marketing sei es etwa die Hälfte der Kollegen. „Um die Auswirkungen für unsere Mitarbeiter zu begrenzen, gleicht Anheuser-Busch InBev den monatlichen Nettoeinkommensverlust aus und stockt auf 100 Prozent des Nettogehaltes auf“, teilt Claudia Hauschild mit. „Wir konzentrieren uns jetzt auf die Kanäle, die für uns zurzeit noch erreichbar sind, wie den Handel und E-Commerce.“