Wernigerode l Wenn ein Laster am Haus von Familie Seiler vorbei fährt, dann wackelt im Wohnzimmer das Geschirr, dann klirren die Gläser in den Schränken, dann klappen die Türen. Tag für Tag. Von früh bis spät.

Merten Seiler und acht weitere Familienmitglieder wohnen auf dem Grundstück an der Teichmühle am Ortsausgang von Wernigerode – direkt an der B 244. Die Straßenseite des denkmalgeschützen, 180 Jahre alten Gebäudes sei im Alltag nicht zu nutzen, sagt der Wernigeröder. „Wir können kein Fenster aufmachen.“ Auch in den anderen noch älteren Gebäuden auf dem großen Grundstück und im Garten sind die Erschütterungen und der Verkehr wahrzunehmen. Am Wochenende, wenn die Motorradfahrer Vollgas geben, ist der Lärm besonders unerträglich. Dazu kommen die Abgase. „Der Staub ist bei uns schwarz“, klagt Seiler. „Und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer.“ Auch in punkto Sicherheit ist die Familie besorgt. „Wir beobachten immer wieder brenzlige Situationen und Auffahrunfälle, wenn Autos zum Teich gegenüber abbiegen.“

Kampf um Tempolimit

Mit 70 Stundenkilometern brettern Pkw, Laster und Motorräder an der Haustür der Seilers vorbei – wenn sie sich an das Tempolimit halten. Deshalb kämpft die Familie für eine Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit. „70 geht gar nicht“, sagt Merten Seiler.

Seit Straßensanierung gilt Tempo 70

2007 ist die Straße saniert worden. Gleichzeitig wurde das Ortseingangsschild versetzt. „Es stand angeblich falsch.“ Seither steht das Haus vor dem Ortseingangsschild und damit außerhalb von Wernigerode. „Früher galten 50 und inzwischen 70 km/h. Und damit gingen die Probleme los.“ Dabei liege die Lösung laut Merten Seiler auf der Hand. „Man bräuchte das Schild bloß wieder verrücken. Aber das ist nicht gewollt.“

Verwaltung schaltet sich ein

Vor zwei Jahren hat die Familie Kontakt zur Kreisverwaltung aufgenommen. „Wir haben unsere Situation und unsere Sorgen geschildert.“ Zwischenzeitlich sind ein Lärmschutzverfahren und eine Verkehrszählung veranlasst worden. Ingelore Kamann, Sprecherin der Kreisverwaltung, bestätigt das.

Im Schnitt und täglich von Montag bis Sonntag wurden 9944 Fahrzeuge vor der Haustür der Seilers gezählt, davon 9521 mal Leicht- und 423 mal Schwerverkehr. „Im Rahmen des Verfahrens wurde eine nächtliche hohe Lärmbelästigung festgestellt“, informiert Ingelore Kamann. Deshalb habe das Amt Ende März angeordnet, die Geschwindigkeit während der Nachtstunden (22 bis 6 Uhr) für alle Fahrzeuge auf 50 km/h zu senken. Die Schilder wurden jedoch erst am Freitagmorgen umgesetzt. Es habe Lieferschwierigkeiten bei den Schilderfundamenten gegeben, begründet Michael Scholz von der Straßenmeisterei die Verzögerung.

Für die Seilers kein Sieg. „Nur in den Nachtstunden? Das ist der blanke Hohn. Das bringt uns gar nichts.“ Die Grenzwerte würden auch tagsüber überschritten werden.

Lärmschutz-Grenzwerte nicht anwendbar

Das Problem ist, dass diese Werte nicht für die Teichmühle angewandt werden können, wie aus einem Schreiben des Landesverwaltungsamtes hervorgeht. Es gebe keine Grenzwerte, um die Zumutbarkeit von Verkehrslärm an bestehenden Straßen zu beurteilen, heißt es. Es könnten aber Richtwerte für die Beurteilung angewandt werden. Diese hätten allerdings keinen rechtssetzenden Charakter. Die Entscheidung liege im Ermessen der Behörde.

Für Merten Seiler ist der Kampf noch nicht zu Ende. Er will gegen die Anordnung des Landkreises vorgehen, kündigt er an. „Die Entscheidung der Behörde ist nicht nachvollziehbar, da keine Gründe genannt werden, warum bei Ermessensfreiheit nicht auch anders entschieden werden könne. Wir wollen erreichen, dass das Tempolimit von 50 km/h rund um die Uhr gilt.“

Und noch ein Anliegen hat der Teichmühlen-Bewohner. Seiler appelliert an die Besucher des Teiches. Er befinde sich auf Privatgrundstück. „Jeder sollte sich bitte respektvoll und verantwortungsvoll verhalten und unnötigen Lärm und Vermüllung vermeiden.“