Benneckenstein l Wann entstehen Legenden, und wer kann sich noch genau erinnern, wie es wirklich war? Was war eigentlich vor 30 Jahren, als die waffenstarrende Trennlinie zwischen uns Deutschen, eine furchtbare und tödliche Grenze, fiel? Hat nicht jeder seine eigene sehr subjektive Erinnerung, sentimentale und auch sehr emotionale Momente noch parat? Gab es nicht Gewinner und auch viele Verlierer? Und wie zerbrach diese Grenze auch ganz in der Nähe von Benneckenstein, das nur wenige Kilometer von Hohegeiß (Alt-BRD) doch bis Ende 1989 für DDR-Bürger unerreichbar war? Fragen über Fragen, die es nach so langer Zeit endlich zu verhandeln gilt, auch auf der Theaterbühne.

Wer Lutz Seilers Stück „Kruso“ gesehen hat, stellte sicher hohe Erwartungen an politisch konnotiertes Theater. Grund genug für die diesjährige fünfte Spielzeit des TheaterNatur-Festivals, auf der Benneckensteiner Waldbühne unter dem Motto GRENZEN:LOS Erinnerungskultur auf künstlerisch hohem Niveau anzubieten. Denkanstöße zu setzen und Irritationen auszulösen, so etwas erwartet und wünscht man sich von Theater. Um es vorwegzunehmen: Dies ist an diesem Tag bestens gelungen.

Prominente Gäste

Zur Premiere am Freitagabend war Prominenz aus der Landeshauptstadt angereist: Kultur-Staatssekretär Dr. Gunnar Schellenberger (CDU) eröffnete schon traditionell die neue Theatersaison in der Provinz des Oberharzes. Mit ihm standen außer dem künstlerischen Leiter Janek Liebetruth auch die Bürgermeister der Stadt Oberharz am Brocken, Ronald Fiebelkorn, und sein Ortskollege aus Benneckenstein, Kay Rogge (beide CDU), auf der Bühne. Alle einte das GRENZEN:LOSE Vertrauen in eine Handy-Wetter-App, die Regenfreiheit für den Abend versprach. Es sollte nicht die einzige Lüge werden, die an diesem denkwürdigen Premie-renabend verhandelt wurde.

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Dramatische Geschichte

Vor allem drehte sich das Stück des Rostockers Sören Hornung - eine Eigenproduktion von TheaterNatur - mit dem Titel „Die Legende von Sorge und Elend“ um eine Familie aus Sorge, die anlässlich eines Geburtstages in die Abgründe der eigenen Geschichte eintauchte. Über 300 Besucher nahmen Teil an einer intensiven Reise in verschiedene Sichten auf die jüngere Geschichte, die dramatisch kulminierte.

Grenzen aufheben

„Grenzen aufheben, auch in den Köpfen“, das wünschte sich eingangs Janek Liebetruth. Denkanstöße und Verwicklungen, eigene Schuld und der Umgang damit, Verdrängung und der Glaube richtig im Sinne der damaligen Ordnung funktioniert zu haben, kollidierten mit unangenehmen Nachfragen, ob nicht am Ende Menschlichkeit, eigene Entscheidungen und auch ein Handeln gegen die Gesetze eines Landes wichtiger seien. Gesetze können nicht nur Grenzen setzen, sie können auch lähmen, sind kein Garant dafür, das richtige zu tun, wie wir auch heute wieder zunehmend erleben.

Souveränes Spiel

Das Quartett aus Beate Fischer (Ines), Thea Rasche (Lisa), Martin Molitor (Klaus) und Jan Karoszek (Stefan) bespielte die aus einem überdimensionalen Sofa bestehende Bühne souverän und spannend bis zur letzten Minute. GRENZEN:LOS war dann leider auch der Regen, der pünktlich zum Spielbeginn einsetzte und nach einer Stunde, immer stärker werdend, eine Unterbrechung erzwang. GRENZEN:LOS war aber auch der Spielwille der Schauspieler, die den Plot zu Ende bringen wollten. Und GRENZEN:LOS war auch die Geduld des Publikums, wie seine akribische Vorbereitung auf die Unwägbarkeiten eines Naturtheaters im Oberharz. Niemand hatte auf die wohlmeinenden Eingangsworte vertraut, denn meistens kommt es ja anders, als es Politiker gern verkünden.

Stehende Ovationen

So erlebte ein großer Teil der Besucher auch das Finale mit Standing Ovations für zwar durchnässte, aber mit einem politischen Stück zur Vergangenheitsbewältigung einiges beitragenden Ensembles, das an seine Grenzen ging. GRENZEN:LOS war am Ende also die Freude auf allen Seiten, in der Provinz ganz und gar kein provinzielles Schauspiel aufgeführt zu haben. Dieses Festival der darstellenden Künste setzt wieder Meilensteine und lässt gespannt sein auf die weiteren Inszenierungen. Also: einfach hingehen und Kultur erleben, die man in hiesigen Gefilden kaum einmal geboten bekommt, zumindest nicht im Oberharz.

GRENZEN:LOS wäre natürlich auch die Freude, wenn in der nächsten Saison etwas Geld für eine Überdachung der Bühne da wäre. Die Zuschauer wissen sich schon zu helfen.