Wernigerode l Jede Menge Fußstapfen, Pfotenabdrücke von Hunden, die Fährte eines Fuchses – der Schnee im Wernigeröder Stadtwald hat die Spuren der tierischen und menschlichen Spaziergänger konserviert. „Aber Wildschweine – Null“, sagt Torsten Sinnecker. Für ihn als passionierten Jäger eigentlich keine gute Nachricht, als Chef der Umweltamtes im Harzkreis ist er erleichtert. Bei Eiseskälte stampft Sinnecker am Freitagmorgen durch den Wald am Hasseröder Nesseltal. Ihm voraus geht Dennis Paulix. Der Mitarbeiter im Wernigeröder Rathaus kennt das Waldstück inzwischen wie seine Westentasche. Mehrmals in der Woche ist er hier unterwegs, immer auf der Suche frischen Wildschweinfährten.

In Sichtweite: eine Wohnsiedlung, ein Ferienpark, ein Hotel und eine Gartenanlage. Die Nähe zum Wald hat sich für die Bewohner des Nesseltals 2017 zum Problem entwickelt. Seit dem Frühjahr werden sie von Wildschweinen terrorisiert, die auf Nahrungssuche den Wald verlassen und in die Stadt ziehen, um Gärten und Grundstücke zu plündern. Überall, wo sie wühlen, hinterlassen sie eine Spur der Verwüstung.

Abschuss wird geprüft

Längst nicht nur in Hasserode, bis fast ins Zentrum haben sich die Borstentiere in den vergangenen Monaten vorgewagt. In der Gartenanlage im Nesseltal fühlten sich die Wildschweine im Frühling 2017 so heimisch, dass sie sich in leerstehenden Parzellen einnisteten. Sehr zum Leidwesen der benachbarten Pächter, die nicht nur um ihre Ernte, sondern auch um ihre Sicherheit fürchten.

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Ihr vorübergehendes Quartier haben die Bachen mit ihrem Nachwuchs inzwischen wieder verlassen. Als Futterquelle dient ihnen die städtische Gartenanlage nach wie vor. Auf Druck der Bürger hat sich Wernigerodes OB Peter Gaffert (parteilos) an die Kreisbehörde gewandt. Um der Wildschweinplage endlich Herr zu werden, sollen die Tiere in der Gartensparte abgeschossen werden. Der Antrag der Stadt liegt auf dem Schreibtisch von Torsten Sinnecker.

„Sehen Sie die Häuser da?“, fragt Sinnecker und deutet durch die kahlen Sträucher auf Ziegeldächer. „Überall Wohnbebauung. Da können wir nicht einfach schießen. Viel zu gefährlich.“ In Panik flüchtende Wildschwein oder Blindgänger könnten Menschen verletzen oder gar töten. „Die Sicherheit geht vor.“

Scharfe Pellets

Dass die Wernigeröder in Schwierigkeiten stecken, ist für den Experten keine Frage. Großflächig aufgewühlte Beete und Wiesen und der von den Tieren gut genutzte Hauptwechsel, der vom Wald bis hinunter in die Gartenanlage führt, sind für ihn Beweis genug. „Solche Zustände wünscht man sich als Jäger für sein Revier“, sagt Sinnecker schmunzelnd. Bei den Menschen haben die Tiere aber nichts zu suchen. Generell schließt er die Jagd in der Stadt nicht aus, hat den Verantwortlichen im Rathaus aber empfohlen, es vorerst auf eine sanftere Tour zu versuchen.

Repelan heißt die Wunderwaffe, die die Wildschweine zurück in den Wald treiben soll. Dennis Paulix hat den Eimer mit dem Vergrämungsmittel dabei. „Die Pellets schmecken scharf wie Chili“, sagt der Verwaltungsmitarbeiter. Die Tiere speichern den Geschmacksschock als schlechte Erfahrung ab und meiden das Gebiet künftig – so die Theorie.

Keine frischen Spuren

Seit etwa vier Wochen werden die Pellets am Waldrand und in der Gartenanlage verteilt. „Wenn es regnet, müssen wir neu streuen, weil das Mittel aufweicht“, sagt Paulix. Ansonsten reicht es, alle fünf bis sechs Wochen nachzulegen.

Und es gibt erste vorsichtige Erfolgsmeldungen. Bei ihrem Kontrollgang am Freitag stoßen Torsten Sinnecker und Dennis Paulix zwar auf den alten Hauptwechsel, aber auf keinerlei frische Spuren. Dabei würden die Borstentiere bei Dauerfrost normalerweise aus dem Wald drücken, wie es im Fachjargon heißt, um anderswo nach Futter zu suchen. „Das ist schon ein gutes Zeichen“, sagt Sinnecker. Dazu kommt, dass die Schadensmeldungen im Rathaus in den letzten Tagen nachgelassen haben. Ob das Vergrämungsmittel die Wildschweine tatsächlich langfristig fernhält, werden aber erst die nächsten Wochen zeigen.

Frische Wildschweinschäden können dem Ordnungsamt unter Tel. (0 39 43) 65 43 38 gemeldet werden