Wernigerode l Der Weihnachtsmarkt soll ab 2020 nicht mehr von der Stadt, sondern von der Wernigerode Tourismus GmbH (WTG) veranstaltet werden. Mit dieser Neuigkeit hat WTG-Chefin Erdmute Clemens in der Sitzung des Ordnungsausschusses für verwunderte Gesichter gesorgt.

Die Mitarbeiter der WTG springen mit der neuen Aufgabe mehr oder weniger ins kalte Wasser. „Mir liegen noch keine aktuellen Kostenkalkulationen vor“, so Geschäftsführerin Clemens. Bei der Organisation des Weihnachtsmarktes baue sie weiter auf Hilfe von der Stadt. „Wir sind nach wie vor auf die Unterstützung des Ordnungsamtes und des Bauhofs angewiesen, um einen vernünftigen Markt daraus werden zu lassen.“

Um die Ausrichtung mit allem Drum und Dran allein zu stemmen, fehle es dem städtischen Tochterunternehmen schlichtweg an Personal.

Mehr Markttreiben auf Breiter Straße?

Dafür hat Clemens schon einige Ideen, um den Weihnachtsmarkt attraktiver zu gestalten. So soll die untere Breite Straße verstärkt in das weihnachtliche Treiben einbezogen werden. „Wir müssen gucken, ob wir da mehr in die Höfe reingehen, wenn die Straße befahrbar bleiben soll.“ Händler und Anwohner wolle sie einbeziehen. „Vielleicht mit einem Ideenworkshop.“ Auch beim Sortiment der Weihnachtsmarktverkäufer sieht sie noch Handlungsbedarf. Zudem wolle sie offen diskutieren, ob der Markt wie bisher vor den Festtagen oder erst nach Weihnachten seine Pforten schließt. „Auch wenn man es nicht jedem recht machen kann“, so Clemens. Die WTG soll schon 2019 verstärkt in die Organisation des Weihnachtsmarktes eingebunden werden. „Im Jahr darauf switchen wir um.“

Eine Entwicklung, die die Ausschussmitglieder überraschte. Nachvollziehbar: Vor dem Hintergrund, dass Wernigerodes Stadträte erst 2017 eine Weihnachtsmarktsatzung erarbeitet haben, dass eine Arbeitsgruppe mit Politikern, Verwaltung und Händlern etliche Male tagte, um das Papier vorzubereiten, kommt der Vorstoß von Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) tatsächlich unerwartet. Denn die neue Satzung, die unter anderem Gestaltung, Öffnungszeiten und Gebühren für den Weihnachtsmarkt regelt, wäre mit dem Wechsel zur WTG hinfällig.

Zudem stößt André Weber (CDU) übel auf, dass der OB, der zugleich Aufsichtsratschef der WTG ist, diese Entscheidung wohl über Köpfe der Stadträte hinweg treffen will. Sicherlich sei der Weihnachtsmarkt bei der WTG mit ihrer Veranstaltungskompetenz gut aufgehoben, „aber wir wollten nie, dass der Markt privatisiert wird“. Die Stadt würde eine Aufgabe an eine Tochterfirma auslagern, der Posten würde automatisch aus dem städtischen Haushalt verschwinden. „Uns als Stadträten wird dadurch aber die Entscheidungsgewalt genommen. Wir können nicht mehr steuernd eingreifen.“ Weber, damals Chef in der AG Weihnachtsmarkt, fordert deshalb eine Entscheidung auf politischer Ebene. „Der OB würde gut daran tun, ein politisches Votum einzuholen. Sonst gibt es eine heiße Diskussion.“ Die übrigens Ausschussmitglieder stellten sich geschlossen hinter Webers Forderung.

Qualititative Verbesserung durch Touristiker?

„Die Stadträte müssen sich nicht übergangen fühlen“, heißt es auf Nachfrage von Rathaussprecher Tobias Kascha. Aber: „Das Ansinnen besteht tatsächlich.“ Im Rathaus werde „sehr ernsthaft mit dem Gedanken gespielt“, den Adventsmarkt an die WTG zu übergeben, die Überlegungen seien „schon sehr konkret“. Mit der WTG und dem Ordnungsamt werde derzeit geprüft, wie der Wechsel aussehen könnte. Wernigerode sei eine der wenigen Städte, die den Weihnachtsmarkt noch selbst veranstaltet, sagt Kascha. Der Übergang zur WTG „wäre ein guter Weg, um sich qualitativ zu verbessern“.

Seit der Wende wird der Markt im Ordnungsamt organisiert. „Das ist so gewachsen“, sagt Ordnungsdezernent Volker Friedrich. „Eine Eigenheit, die es nur in Wernigerode gibt“. Veranstaltungen der Stadt bei den Touristikern zu zentralisieren, halte er grundsätzlich für eine gute Idee. „Das hat offensichtlich Vorteile.“ Aber er sehe auch viele Schwierigkeiten, die ein Wechsel mit sich bringen würde. „Vor allem aus organisatorischer Sicht.“

Die Übernahme des Weihnachtsmarktes durch die WTG sei im Rathaus seit Jahren Thema. „Da war nichts geheim“, so Friedrich. „Wenn manche jetzt so tun, als hätten sie noch nie was davon gehört, dann wundert mich das.“ Dennoch stelle er sich nun auf eine politische Debatte ein. „Auch weil wir eine Satzung haben, die nur durch einen Ratsbeschluss aufzuheben ist.“ Zu welchem Ergebnis man dabei kommt, ist für ihn noch offen. „Der Ordnungsausschuss hat gezeigt, dass die Meinungen auseinander gehen.“