Wernigerode l An der Brücke nahe der Alten Papierfabrik sammeln sich weiße Platten. Ulrich Eichler, Otfried Wüstemann und Tommy Löwenberg tragen Styroporreste zusammen, die sich in unterschiedlichen Stadien der Auflösung befinden. „Das zersetzt sich und kann in die Nahrungskette von Fischen und Vögeln gelangen“, sagt Eichler. Der ehemalige Umweltbeauftragte der Stadt engagiert sich im Wildfisch- und Gewässerschutzverein und beobachtet mit zunehmendem Ärger die Situation am Fluss, wo sich das Material an zahlreichen Stellen verteilt hat. „Nichts ist passiert“, sagt der Wernigeröder bitter – seit vorletztem Februarwochenende.

Damals hat Sturmtief „Yulia“ die Styroporteile vom Gelände der Firma Eternity Technologies Manufacturing (E.T.M., ehemals Werbat) in den Fluss gewirbelt. Darauf reagierte Wernigerodes Stadtverwaltung: Direkt nach der Havarie habe der Bauhof die Fischaufstiege beräumt, in denen ein Großteil des Styropors hängen geblieben sei, teilt Winnie Zagrodnik von der Pressestelle auf Volksstimme-Nachfrage mit. Damit habe die Verwaltung ihren Teil geleistet. „Die Beräumung der Gewässerflurstücke liegt nicht in der Verantwortung des Bauhofes.“ Gleichwohl habe man registriert, dass Styropor in Hasserode, an der Hundemühle und andernorts liege. Dass es eine Gefahr darstelle, sei aus Sicht der Stadt keine Frage. Nicht nur Wernigerode sei betroffen: Über Holtemme, Bode, Saale und Elbe werde es weiter ins Meer getragen.

In der Unteren Wasserbehörde (UWB) des Harzkreises teilt man diese Auffassung nur bedingt. Nachdem die Stadt die Behörde und die Polizei informiert habe, hätten UWB-Mitarbeiter die Situation vor Ort geprüft. Grund zu sofortigem Handeln sahen sie nicht. „Styropor wird per se nicht als wassergefährdend eingestuft, deshalb gab es keinen Grund, Sofortmaßnahmen im Rahmen der Gefahrenabwehr einzuleiten“, teilt Franziska Banse von der Kreis-Pressestelle auf Volksstimme-Nachfrage mit.

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Styropor nicht gefährlich?

Was noch da sei, werde der Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW) Sachsen-Anhalt bei der Entfernung von Bruchholz an der Holtemme mit einsammeln. Dies bestätigt Christoph Ertl, Flussbereichsleiter beim LHW in Halberstadt. Seit Wochen liefen entsprechende Arbeiten am Flussufer. „Wenn wir etwas entdecken, nehmen wir es mit heraus“, so Ertl. Allerdings könne man sich wegen der Personalstärke und des Umfangs der Aufgaben nicht gezielt auf kleinteiliges Styropor konzentrieren, so die UWB.

Direkt nach dem Sturm seien Mitarbeiter des LHW vor Ort gewesen – die Behörde ist zuständig für die Unterhaltung von Gewässern erster Ordnung, zu denen die Holtemme zählt. Ertl verweist darauf, dass E.T.M. im Umkreis der Firma und der Bauhof an den Fischaufstiegen aufgeräumt habe – dazu gebe es eine Sondervereinbarung von LHW und Stadt. „Wir haben selbst nicht viel herausgenommen“, so der Flussbereichsleiter. Dass dies noch nötig sein soll, wundert ihn. „Wir haben keine Meldung erhalten, dass eine größere Menge im Fluss liegen geblieben ist.“ Wie der Harzkreis verweist er darauf, dass Styropor laut Umweltbundesamt „nicht wassergefährdend“ sei. Der LHW habe dem Ordnungsamt mitgeteilt, dass er keinen Handlungsbedarf sehe, weil der Flusslauf nicht verstopft sei, so Winnie Zagrodnik von der Stadtverwaltung. Diese könne nicht handeln: „Eine Ordnungsverfügung unsererseits wäre klar rechtswidrig.“

Der Landkreis wiederum werde bis zur Entscheidung der Staatsanwaltschaft nichts unternehmen, teilt die Pressestelle mit. Diese hatte das Verfahren Anfang der Woche jedoch noch nicht auf dem Tisch, so Oberstaatsanwältin Eva Vogel auf Volksstimme-Nachfrage. Die Polizei ermittele, es lägen noch keine Ergebnisse vor, sagte Uwe Becker, Sprecher des Polizeireviers in Halberstadt, der Volksstimme im März.

Anzeige wegen Umweltverschmutzung

Ermittelt wird auch, weil die Wernigeröder Naturfreunde gegen E.T.M. Anzeige wegen Umweltgefährdung und -verschmutzung erstattet haben. Der Betrieb habe zugelassen, dass mehrere Kubikmeter Styropor in den Fluss gelangt seien. „Die Verschmutzung der Gewässer durch Plastikabfälle ist eine ernst zu nehmende Gefährdung für die Gewässer und deren Lebewesen“, schreiben die Vereinsvertreter.

Erbost sind die Naturfreunde, weil der Styropor-Sturm die zweite Havarie binnen weniger Monate ist, die vom Batteriewerk ausgeht. Ende November 2019 war wegen eines defekten Verbindungsstücks an einer Pumpe ätzende Schwefelsäure in den Fluss gelangt. Mehr als 1000 Bachforellen verendeten. Damals hätten die Mitglieder des Wildfisch- und des Anglervereins die toten Tiere geborgen, sagt Ulrich Eichler. Von der Firmenleitung sei kein Wort zu hören gewesen. „Eiskaltes Wasser, glitschige Steine – und der Geschäftsführer sagt nicht einmal Dankeschön.“

Auf Volksstimme-Nachfrage bedauert E.T.M.-Geschäftsführer Richard Conlon die „Vorfälle“. Das Unternehmen habe sofort die Behörden informiert, mit ihnen zusammengearbeitet und alle Auflagen erfüllt. Man sei „den höchsten Standards der Umweltkontrolle verpflichtet“ und unterstütze „alle Umwelt- und Recycling-Initiativen“, heißt es in der Stellungnahme. Auf konkrete Fragen zum Styropor und zur Havarie, die dem Forellensterben vorausging, gibt es aber keine Antworten.

Anlage und Säurekanal werden überprüft

Zum Säureproblem hätten Anlagenbetreiber, Anlagenbauer und Behörden laut Kreis Mängel diskutiert und festgelegt, was zeitnah zu ändern sei. An Anlagen und Säurekanal werde geprüft, ob sie dicht sind. Sobald dies klar sei, werde die Entwässerung umgeplant. E.T.M. habe demnach einen Experten beauftragt, Verbesserungsvorschläge für Anlage und Abläufe zu entwickeln. Für die Umsetzung des zu erstellenden Sicherheitskonzepts sei die Firma veranwortlich.

Die Vereinsleute wollen derweil nicht in die Bresche springen. „Wir werden uns weigern, die Holtemme zu säubern, weil der Verursacher feststeht und in der Verantwortung steht“, sagt Eichler. Dass sich das Unternehmen keine weitere Havarie leisten dürfe, habe Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) dem zweiten E.T.M.-Chef Uwe Saar persönlich mitgeteilt, so Stadtsprecher Tobias Kascha.