Wernigerode l Die Entscheidung, dass Wernigerode ab 2021 flächendeckend die Gelbe Tonne bekommen soll, sorgt in der Stadt für Ärger. Die Einführung der Tonne sei ein „Witz“, schreibt etwa Stefan Bensing. Er erinnert an die kontroversen Debatten, die schon vor Jahren geführt wurden – „mit dem Ergebnis: es bleibt bei gelben Säcken, da zu viele Haushalte Platzprobleme haben“.

Zu ihnen zählt der Haushalt von Frank Heinrich Schröder, der nach eigenem Bekunden keinen Platz für die Gelbe Tonne hat. „Überrumpelt“ fühle er sich, so der Wernigeröder. Er kritisiert, dass es „weder eine Bürgeranhörung noch ein Gesprächsforum“ gegeben habe.

Erst vor Kurzem hat die Öffentlichkeit von der Festlegung erfahren. Viele Wernigeröder überraschte die Ankündigung der Entsorgungswirtschaft Harz (enwi) Anfang Oktober. Das sei im Grunde nicht ungewöhnlich, sagt enwi-Vorstand Ingo Ziemann auf Volksstimme-Nachfrage. Man habe turnusgemäß ein neues Abfallwirtschaftskonzept erarbeitet und dabei die leidige Frage von Sack und Tonne regeln wollen. „Normalerweise würden wir das allein tun“, so Ziemann. Da man sich aber der Brisanz des Themas bewusst sei, habe man die Bürgermeister der Städte und Gemeinden im Harzkreis angeschrieben und um eine Stellungnahme gebeten.

Möglichkeit für Tonnen und Gelbe Säcke

Der Brief, der vom 13. Februar 2019 datiert, beinhaltete einen Bogen, auf dem die Adressaten ankreuzen sollten, welche Art der Plastikmüllsammlung sie bevorzugen – Tonne oder Sack. Beigefügt worden sei eine Handreichung, in der Vor- und Nachteile der jeweiligen Option aufgelistet worden seien. Zusätzlich wurde die Möglichkeit eingeräumt, nach Ortsteilen und Ortsgebieten zu differenzen. Wer wollte, konnte gesondert aufführen, wo Tonnen und wo Säcke gewünscht werden – bis hin zu einzelnen Straßen.

Quedlinburg hat davon Gebrauch gemacht, Wernigerode nicht. Jüngst im Finanzausschuss hatte Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) sich zwar nicht mehr daran erinnern können, doch inzwischen hat sich herausgestellt, dass der Rathauschef die Entscheidung praktisch im Alleingang gefällt hat. Binnen weniger Tage ging im Februar bei der enwi in Halberstadt das Formular mit dem Kreuz bei der Option „Tonne“ ein, gezeichnet im Auftrag des Büros des Oberbürgermeisters. „Das ist relativ schnell bearbeitet worden“, bestätigt Tobias Kascha, bis Ende Oktober noch Leiter des OB-Büros. Fristende für die Beantwortung der enwi-Anfrage war Ende März 2019.

In der Sache habe Gaffert, der derzeit im Urlaub weilt, aber keine Zweifel gehabt. „Der Oberbürgermeister steht dazu, dass die Tonne die bessere Lösung für Wernigerode ist“, so Kascha. In den vergangenen Jahren habe es immer wieder Aufregung um den gelben Sack gegeben – weil sich bei Sturm der Müll auf den Straßen verteilte oder Tiere die dünne Plastehaut der Säcke aufrissen.

Gaffert von Entscheidung überzeugt

Zudem sei Gaffert überzeugt, dass eine „ganzheitliche Lösung“ für Wernigerode die beste sei, berichtet Kascha weiter. Dass der Rathauschef in dieser strittigen Frage weder die Verwaltung noch den Stadtrat oder die Ortsräte einbezog, sei nicht zu beanstanden. „Es war nicht vorgegeben, wie man zu einer Entscheidung kommen sollte“, so Kascha. Daher habe Gaffert seine Befugnis als Verwaltungschef ausgeübt. „Dafür ist der Oberbürgermeister da, dass er so etwas entscheidet.“

Bisher liege im Rathaus lediglich eine Beschwerde eines Einwohners vor, der angebe, keinen Platz für die Gelbe Tonne zu haben. Und das Ordnungsamt, obwohl vorab nicht konsultiert, halte die Tonne für die beste Lösung. Der Wernigeröder Stadtrat hingegen hat sich vor einigen Jahren anders positioniert. Am 3. Februar 2011 fiel der Vorstoß von SPD-Stadtrat Siegfried Siegel zur Einführung der Tonne mehrheitlich durch ‑ mit Blick auf die beengten baulichen Verhältnisse in der historischen Innenstadt.

Kascha geht jedoch davon aus, dass der Beschluss, zumal nach so vielen Jahren, nicht bindend sei. Dass es „Härtefälle“ geben könne, in denen eine Gelbe Tonne nicht unterzubringen sei, sei jedoch möglich. Hier wolle man mit der enwi nachverhandeln und Sonderlösungen erreichen.

Keine Chance auf kleinere Tonnen

Ob dafür Spielraum besteht, ist aber fraglich. „Das abgestimmte System gilt für mindestens drei Jahre“, sagt enwi-Vorstand Ingo Ziemann. Klar ist aber: Man hätte es anders haben können. „Wir sind zu hundert Prozent den Wünschen nachgekommen, die aus den Städten und Gemeinden kamen“, betont er. Dies sei in schwierigen Verhandlungen erreicht worden. Der Preis sei der Verzicht auf die 120-Liter-Tonne gewesen, die im Stellmaß nur wenig kleiner sei als die Variante mit 240 Litern. Die Entscheidung sei aber richtig, so Ziemann. „Die Stadt wird mittelfristig davon profitieren.“

Frank Heinrich Schröder weiß derweil jedoch nicht, wohin mit der Tonne. Weil in seinem Hausflur kein Platz sei und Umbauten Zeit kosten, könne er sie vorerst nur auf dem Gehweg abstellen, so der Wernigeröder. „Die nächsten Winterstürme werden bestimmt den Inhalt der umgekippten Tonne auf der Straße verteilen.“