Wernigerode l Tragische Szenen haben sich am Sonnabendmittag im Waldgebiet oberhalb des Wasserkraftwerks Steinerne Renne in Wernigerode abgespielt: Eine 63 Jahre alte Frau, die wohl mit ihrer Familie unterwegs war, wurde von einem umstürzenden Baum getroffen und erschlagen. Die Frau, die laut Polizei aus dem nordrhein-westfälischen Landkreis Höxter stammt, erlag noch an der Unglücksstelle ihren schweren Verletzungen.

Das Unglück ereignete sich gegen 14 Uhr auf der Bielsteinchaussee, einem Waldweg, der vom Stadtgebiet in Richtung Steinerne Renne, Mönchsbuche und Ilsenburg führt. Die Freiwillige Feuerwehr Wernigerode wurde nach Angaben von Vize-Stadtwehrleiter Marco Söchting um 14.12 Uhr alarmiert und rückte mit 14 Kameraden sowie vier Fahrzeugen aus. Vor Ort – gut vier Kilometer außerhalb der Stadt – hätten die Wehrmitglieder dem Opfer nicht mehr helfen können, so Söchting. „Wir haben uns darauf konzentriert, die Begleiter der Frau schnellstmöglich aus dem Wald zu evakuieren und dabei kein unnötiges Risiko einzugehen.“ Zum Zeitpunkt des Einsatzes sei es sehr stürmisch gewesen und der Aufenthalt im Wald entsprechend riskant.

Die Begleiter der Frau – nach Informationen der Volksstimme Familienangehörige, darunter Kinder – standen nach dem Unglück unter Schock. Sie wurden von den Wehrmitgliedern in ihre Ferienunterkunft gebracht, wo sie vom Kriseninterventionsteam betreut und später von der Polizei befragt wurden. Diese hat Ermittlungen aufgenommen und prüft nach Angaben eines Sprechers unter anderem, ob womöglich Verkehrssicherungspflichten verletzt worden sind.

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Vielfache Warnungen

Zum Zeitpunkt des Unglücks herrschte starker Wind mit Böen. Mit Blick auf den Durchzug des Sturmtiefs „Xanthippe“ war vor dieser Wetterlage gewarnt worden. Deshalb hatten die Harzer Schmalspurbahnen bereits am Freitag angekündigt, die Fahrten der Brockenbahn zwischen Schierke und dem Gipfel vorsorglich einzustellen. Zudem wurde das gesamte Wochenende immer wieder über einschlägige Apps vor der Wetterlage gewarnt.

Trotzdem pilgerten zahlreiche Menschen auf den Brocken und wurden auf dem Gipfel von Orkanböen mit Spitzen von über 150 Kilometer pro Stunde überrascht. Vor Ort, so Augenzeugen, darunter Akteure der Bergwacht, hätten sich auf eisigem Untergrund selbst Erwachsene kaum auf den Beinen halten können. Besonders fatal: Selbst Kinder waren unterwegs. Ihnen – und Erwachsenen, denen teils Tränen kamen – halfen Bundeswehr-Soldaten. Diese waren unterwegs, um ihr Zusammenspiel bei widriger Witterung zu trainieren.

Die Feuerwehren verzeichneten zahlreiche Einsätze. Die Wernigeröder fällten am Sonntag gegen 14.30 Uhr vier wacklige Bäume an der Halberstädter Chaussee. Dann wurden sie zur Steinernen Renne gerufen, wo Styroporplatten in der Holtemme schwammen. Bäume fielen auf die Straße zwischen Drei Annen Hohne und Schierke, die Sonntagabend gesperrt wurde. In Blankenburg wurde die Wehr am Sonnabendmorgen zur August-Bebel-Schule gerufen, wo der Sturm ein Loch im Dach vergrößert hatte.

In Halberstadt blieb es vergleichsweise ruhig. Am Samstag galt es in den Mittagsstunden, an einem Haus in der Bismarckstraße Dachziegel zu sichern, die auf die Straße zu fallen drohten. Am Sonntagabend eilten die Wehren nach Neu Runstedt, um einen auf die Straße gestürzten Baum zu entfernen.

Zwei Kilometer weit getragen

Parallel dazu waren die Retter der Bergwacht gefragt. Am Sonntag verunglückte eine Wanderin im Bereich des Elversteins bei Wernigerode. Die Frau, so ein Mitglied der Bergwacht, war auf dem schmalen, steilen Weg aufgrund der Nässe weggerutscht und brach sich ein Gelenk. „Wir mussten sie rund zwei Kilometer weit tragend aus dieser Lage retten.“

Mit dem Sturm, der am Sonntagnachmittag wieder an Stärke gewann, waren teils massive Regenfälle verbunden, die in oberen Harzlagen Bäche und Flüsse rasant anstiegen ließen. In Schierke kämpfte die Feuerwehr gegen Wasser, das aus dem Wald in den Ort floss.

Warnung vor Betreten der Wälder

Generell wird vor dem Betreten von Wäldern gewarnt. Nach den Stürmen der vergangenen Wochenenden seien viele Bäume nicht mehr standsicher und könnten, so die Nationalpark-Verwaltung, bei geringer Windlast plötzlich fallen.