Barleben l Distanzunterricht lautet das Schlagwort seit dem neuerlichen Corona-Lockdown. Die Schulen der Ecole-Stiftung in Barleben sind einen eigenen Weg gegangen, offenbar mit Erfolg. „Während des ersten Lockdowns war es etwas holprig. Jetzt läuft aber alles gut“, sagt Anke Strehlow. Etwas Stolz schwingt mit, wenn die Leiterin der Ecole-Grundschule in Barleben über ihre Erfahrungen und die ihrer Schüler und deren Eltern mit dem Distanzunterricht berichtet. „Wir haben einiges anders gemacht als andere Schulen“, sagt sie und meint mit „wir“ auch das Ecole-Gymnasium.

Moodle nicht die Wahl von Ecole-Schulen

Denn im Gegensatz zu den meisten Bildungseinrichtungen zwischen Arendsee und Zeitz wird in Barleben eine andere Software genutzt. Vermehrt werde nämlich die vom Land angepriesene Lernplattform „Moodle“ verwendet, erzählt Anke Strehlow. Doch hiermit gibt es immer wieder Probleme. So war die Plattform mit Beginn des neuen Lockdowns und den ab 11. Januar geltenden Schulschließungen immer wieder zusammengebrochen oder hatte sich gar nicht erst aufgebaut. „Das Landesportal ist auch nicht so komfortabel“, meint die Schulleiterin weiter.

So wird in den beiden Ecole-Schulen auf keine Lernplattform gesetzt, sondern auf „Teams“. Diese Plattform kombiniert Gesprächsfunktion, Besprechungen, Notizen und Anhänge miteinander. Für jeden Schüler gibt es einen eigenen Account mit eigenen Zugangsdaten.

Distanzunterricht nach Stundenplan

„Das Problem beim herkömmlichen Distanzunterricht, bei dem Aufgaben gestellt und diese gelöst werden müssen, besteht darin, dass den Schülern die gewohnte Tagesstruktur fehlt“, erläutert Michael Kleinen, Leiter des Ecole-Gymnasiums. „Ohne Rhythmus kommt es jedoch zur Verschieberitis“, meint der Pädagoge weiter und hebt hervor: „Wir gehen einen anderen Weg. Unser Online-Unterricht findet nach dem Stundenplan statt.“

Wer nicht da ist, wird angeklingelt

Die erste Stunde des Tages beginnt demnach um 7.50 Uhr. Anstatt den Klassenraum zu betreten und die Schulsachen auszupacken wählen sich die Schüler von zu Hause aus ein, und zwar für jenes Team, dass der Stundenplan vorgibt. Für jede Klasse und jedes Fach gibt es ein eigenes Team. Lerninhalte könnten problemlos auf die einzelnen Accounts geteilt werden. „Und wer nicht da ist, kann angeklingelt werden“, sagt Kleinen.

Ganz plastisch wird es im Unterricht von Mathe- und Physiklehrerin Martina Siesing. Sie sitzt gerade in ihrem Fachkabinett vor dem Laptop und löst gemeinsam mit ihren Schülern an den anderen Enden der Leitungen Matheaufgaben. Sie hat zu jedem der Mädchen und Jungen direkten Kontakt, der Klassenraum besteht sozusagen virtuell. Auch aufwendige Physik-Experimente kann sie vermitteln. „Dazu filme ich die Versuche und kann sie dann über die Plattform teilen“, erklärt die Fachlehrerin.

Fast alle Gymnasiasten im Distanzunterricht

So lernen mit 580 Schülern aktuell fast alle Barleber Gymnasiasten im Distanzunterricht. „Nur die Abiturienten sind hier, weil sie ja auf ihre Prüfungen vorbereitet werden müssen“, erklärt der Gymnasialleiter. Doch auch hier kommt die Plattform zur Anwendung, wie im Französisch-Unterricht von Anne Delacroix deutlich wird. Sie betreut ihre Schüler gerade im Wechselunterricht. Das hieße eigentlich, ein Teil der Klasse wird in der Schule betreut, die andere Hälfte im Distanzunterricht oder während einer zusätzlichen Unterrichtsstunde vor Ort. Diese Französisch-Klasse ist zwar ebenfalls geteilt, nur sitzt die andere Hälfte im Raum nebenan. Über „Teams“ und die neuartigen Smart-Boards, die die Kreidetafeln im Ecole-Gymnasium schon längt abgelöst haben, können die Lerninhalte in Echtzeit von Raum zu Raum geteilt werden.

Dass das Lernen in der Distanz an den zwei Ecole-Schulen so gut funktioniert, liegt jedoch sicherlich nicht nur an der Nutzung dieser ganz bestimmten Plattform. So haben die Grundschule und das Gymnasium etwas voraus, worauf andere Einrichtungen noch warten müssen: Beide Schulen sind nämlich bereits über einen Breitbandanschluss mit dem Internet verbunden. Möglich wurde dies durch das Projekt „Glasfaser für Schulen“. Das Land Sachsen-Anhalt fördert mit diesem Programm den Leitungsbau, den Internetzugang und für drei Jahre die monatlichen Betriebskosten. Damit sollen Voraussetzungen geschaffen werden, 895 Schulen in staatlicher und freier Trägerschaft inklusive ihrer 54 Nebenstandorte bis Ende 2021 mit einem zukunftsfähigen Glasfaseranschluss auszustatten. Die Ecole-Schulen waren unter weiteren 26 Schulen als Piloteinrichtung ausgewählt worden.

Technik muss 100 Prozent stabil laufen

Ein weiterer Aspekt liegt in den von den Schülern genutzten Endgeräten. „Wir haben 120 iPads, die wir Schülern zur Verfügung stellen“, berichtet Stiftungsleiter Thomas Grosse. Im Großen und Ganzen hielten die Eltern jedoch die Technik vor, die ihre Kinder für den Distanzunterricht benötigen.

Auch die Internetversorgung in den Wohnorten hat sich laut Michael Kleinen erheblich verbessert. Ohne diese könnte kein Distanzunterricht stattfinden. Zum einen liege das am fortschreitenden Breitbandausbau in den Ortschaften. Anderseits hätten Mütter und Väter in notwendige Standards investiert. „Bei uns gibt es auch Eltern, die ihre Kinder zu Mitschülern schicken, in deren Haushalten schon ein gutes Netz besteht“, wirft Grundschulleiterin Anke Strehlow ein und fügt hinzu: „Im Fernunterricht muss die Technik 100 Prozent stabil laufen.“ An ihrer Schule werden aktuell nur 50 Mädchen und Jungen notbetreut, 234 lernen tatsächlich digital von zu Hause aus.

Alle Beteiligten sind angetan

Angetan von der Lösung bei Ecole zeigen sich auch die Elternvertreter. Nicole Stumpf, ihre Tochter besucht die 4. Klasse, sagt: „Eltern und Kinder mussten sich an die Situation gewöhnen. Und auch in das technische Verständnis mussten alle hineinwachsen.“ Dem kann Mitstreiter Lutz Simmang, einer seiner Söhne besucht die 11. Klasse, nur zustimmen: „Das Hauptproblem war zu Beginn das Reinwachsen in den neuen Modus.“ Natürlich bestehe der Wunsch nach Präsenzunterricht, „aber letztendlich hat sich das neue System super eingespielt. Es gibt kaum noch oder gar keine Probleme mehr.“ Er kann der neuen Art des Unterrichtes sogar etwas positives abgewinnen: „Die Selbstständigkeit der Schüler nimmt zu.“

Ganz anderes als heute sei für ihn die Zeit des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 gewesen. Selbst im Homeoffice arbeitend habe Lutz Simmang das Feedback der Lehrer gefehlt. „Es wurde viel über das Abarbeiten bestimmter Aufgaben unterrichtet. Das war schwierig, ich wurde eingebunden“, erinnert sich der Vater. Nun während des zweiten Lockdowns sei für ihn das Arbeiten zu Hause sehr angenehm. „Es gibt weiterhin unseren festen Tagesablauf, der mit dem Aufstehen um 6 Uhr beginnt. Um kurz vor 8 Uhr beginnt für meinen Sohn die Schule und für mich die Arbeit. Zu Hause ist es nun entspannter“, erklärt Simmang. Die Hilfestellungen durch Eltern seien nicht mehr notwendig.

Soziale Kontakte sind wichtig

Dann machen Eltern wie Schulleiter dennoch auf eine Einschränkung aufmerksam. So sei die Schule nunmehr zu einem Ganztagsprogramm geworden, allerdings ausschließlich am Bildschirm. „Wir haben gemerkt, dass die Schüler nicht länger als sechs Stunden am Rechner sitzen sollten“, berichtet Michael Kleinen. So wird der Unterricht auch über materialgestützte Aufgabenstellungen und Aufgabenkontrollen geführt. Dabei achteten die Lehrer auf eine genaue Terminsetzung und -einhaltung hinsichtlich der Abgabe der Lösungen.

Doch sind sich alle Gesprächspartner in einem weiteren Punkt einig, die Gymnasialleiter Michael Kleinen auf den Punkt bringt: „Selbst ein gut funktionierender Fernunterricht kann den Präsenzunterricht nicht ersetzen.“ Dem pflichtet Grundschulleiterin Anke Strehlow bei: „Die sozialen Kontakte sind einfach zu wichtig.“