Groß Ammensleben l Das Theaterhäuschen duckt sich hinter einer hohen Mauer. Niemand vermutet hinter dem schmucklosen Tor so ein Kleinod in blau-weiß. Monika Bednarz bittet herein in ihr Refugium, das mit bestickten Deckchen, Sammeltassen und Wandtellern dekoriert ist und aus der Zeit gefallen scheint. Aus dem Wohnzimmer dringt lautes Lachen.

Um den runden Tisch sitzen Damen, die Haarschleifen, Hüte und Dederonkleider tragen und sich perfekt in das Ambiente des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts einfügen. Eleonore Otto und zuppelt ihr Chemiefaserkleid zurecht: „Angenehm ist dieses Material nicht.“ Später wird sie einen rot-weiß-gestreiften Badeanzug präsentieren. Den hat sie aus Baumwolle genäht und bald wird er gute Dienste leisten. Zumindest auf der Bühne.

Die Bühne verbindet die Damen und den Herren, die erneut laut lachen und Cents vom Spielfeld fegen. Sie spielen Böse Sieben. „Wir haben gerade keine andere Möglichkeit, an Geld zu kommen“, klagt Hildburg Kaufmann im wehleidigen Ilse-Ton. Sie zeigt sich gern ein wenig weinerlich und weckt damit bei Berta (Monika Bednarz) stets mütterliche Gefühle. Ilse und Berta - die verbalen Pingpong-Spiele der schrulligen Tanten auf der Bühne sind legendär, doch mütterliche Gefühle kennt Monika Bednarz auch in Echt.

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Die Groß Ammensleberin ist der Kopf der Theatergruppe, stellt das Probenhaus zur Verfügung, Würstchen, Schnittchen und ein Fläschchen Eierlikör. Der wird aus Leckschalen getrunken, aus flachen, bunten Kristallgläsern, in denen die Zunge den dickflüssigen Likör gut fassen kann. „Die Nasenspitze muss dabei auch etwas abbekommen“, feilt Monika Bednarz an der Technik.

Viel Probenaufwand nötig

Doch spielen, essen, trinken sind nur Randerscheinungen, eigentlich ist die Truppe für ihre Theateraufführungen bekannt. Damit die gelingen, ist viel Probenaufwand nötig, viele Requisiten müssen mit vielen Helfern durchs Dorf geschleppt werden. Nur in diesem Jahr fällt alles aus. Wie überall – wegen Corona.

Dabei hatten sie das Ostercafé schon fest vorbereitet. Das Stück sollte heißen: „Wir fahren mit dem Bus in die Tschechei“. Dort wollten sie Karel Gott besuchen, die Holzpuppen Spejbl und Hurvinek treffen und ihrem mitreisenden Herren (Wolfgang Boege) kurz nach der Grenze einen Besuch im Freudenhaus missgönnen. Die Besucher des Theatercafés hätten sich bestimmt gekringelt. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. „Vielleicht spielen wird das Stück im nächsten Jahr.“

Das alljährliche Ostercafé lebt vom Auftritt der Theatergruppe. Kaffee und Kuchen gehören auch dazu, doch die Besucher kommen wegen des Bühnenspaßes. Das ist auch das Ansinnen der Mimen. Hildburg Kaufmann bringt es auf den Punkt: „Wir wollen unterhalten, Menschen zusammenholen.“

Angefangen hat es vor zehn Jahren, als beim Groß Ammensleber Weihnachtsmarkt ein Weihnachtsmärchen fehlte. Da haben Monika Bednorz und ein paar Mitstreiter „Frau Holle“ einstudiert. „Eigentlich für Kinder“, erinnern sie sich, „aber in dem kleinen Raum haben die Erwachsenen die Kinder förmlich weggeschubst.“

Mimen hoffen auf Weihnactsmärchen

Danach war klar: Sie werden künftig draußen spielen oder in sehr großen Räumen. Das ist seither so geblieben. Das Weihnachtsmärchen wird auf der Domäne aufgeführt, gerne dürfen Tiere dabeisein. Bei „Tischlein deck dich“ bekamen eine Ziege sowie der Esel der Elbeuer Wasserrmühle eine Rolle. „Der rief sogar an der richtigen Stelle I-ah“, lachen die Damen.

Die Weihnachtsmärchen werden stets dreimal aufgeführt: Nach dem Groß Ammensleber Weihnachtsmarkt im Heim der Caritas und bei der ÖSA. Das Ostercafé gehört dem komödiantischen Metier. Das Thema, den roten Faden und die Rollencharaktere gibt Monika Bednarz vor und lässt dann die Leine locker: „Jeder kann sich in seiner Rolle ausleben.“

Ein Textbuch gibt es nicht, Pointen entwickeln sich oft während der wöchentlichen Proben, Doreen Katzorke ist für den Gesang zuständig, jeder füllt den Charakter nach Gutdünken aus. „Eine Souffleuse hätte es bei uns sehr schwer.“

Nun fiebern die Mimen dem Weihnachtsmarkt entgegen, hoffen, dass Corona ein Märchenspiel mit Zuschauern zulässt. „Wir wollten schon das Fernsehen zu uns bestellen“, lässt Hildburg Kaufmann ihr Alter Ego Ilse sagen, „damit uns die Leute überhaupt mal wieder sehen können.“ Irgendwie verdirbt ihnen die Corona-Pandemie den Spaß. Aber nur ein wenig, denn sie können sich nun im Theaterhäuschen treffen. Das gehört Kay Bednarz, dem Sohn der „Chefin“, der es seiner Mutter gerne überlässt. Das hat einen großen Vorteil für den Familienfrieden, denn bisher wurde im heimischen Keller geprobt. Das laute Lachen, das von unten durchs ganze Haus geschallt war, hat die Herren des Hauses oft ziemlich irritiert. Nun proben die Theaterfreunde abgeschieden hinterm Tor. Dort ist weder Wasser noch Abwasser, dafür ein echtes Plumpsklo vorhanden. Das hilft, sich in alte Zeiten zu versetzen.

Geschirr aus Omas Zeiten

Für Monika Bednarz hat das Häuschen noch einen zweiten Vorteil: „Endlich kann ich alles zeigen, was ich seit Jahren im Keller angesammelt habe“, strahlt sie und zeigt den historischen, aufgemotzten Küchenschrank, das Geschirr aus Omas Zeiten, die Teppiche. Auf der Schreibmaschine liegt ein gesticktes Deckchen. „Damit die Maschine nicht verstaubt“.

„Ich trage meinen Hut auch, damit ich nicht verstaube“, meldet sich Wolfgang Boege zu Wort, einer der wenigen Herren in der Theaterrunde und erntet lautes Lachen. Der Gutensweger hat Karnevalserfahrung, tanzte im Männerballett und hat nun Theaterblut geleckt und seine Nachbarin Andrea Fiedler mitgebracht. Die glänzt mit echtem Bördeplatt.

Wann die Truppe wieder öffentlich ihre verrückten Späße zeigt, hängt von der Pandemieentwicklung ab. Gibt es grünes Licht, können sie Weihnachten, Ostern, beim Radweg-Geburtstag oder beim Gertrudium in Haldensleben auftreten. Sie kommen immer laut und bunt, gerne auch als Waschfrauen. Auch diese Nummer gehöret zu ihrem Repertoire und dann kann Eleonore Otto endlich ihren rot-weiß-geringelten Badeanzug ausführen. Bis dahin bleibt ihnen immerhin der Likör. Und die Böse Sieben.