Barleben l Die 73-jährige Rentnerin ist mittlerweile so etwas wie eine Institution in ihrem Ort – und darüber hinaus. Sie ist ehrenamtlich in vielen verschiedenen Vereinen und Gruppen tätig. Als Märchenoma ist sie bei den jüngeren Einwohnern bestens bekannt. Das Vorlesen ist ihre absolute Leidenschaft und sie ist mit viel Herzblut bei der Sache. Ob in Kindertagesstätten, in Schulen, im Mehrgenerationenzentrum oder in der Bibliothek – Roswitha Kus ist eine sehr gefragte Vorleserin.

„Für mich persönlich steht das auch an erster Stelle“, sagt sie. „Die Arbeit mit den Kindern bereitet mir sehr viel Vergnügen und ich mache das sehr gern.“ Daher betrübt sie, dass sie gerade in diesen Tagen keinen persönlichen Kontakt zu ihren kleinen Fans haben darf – weil es die Anti-Coronamaßnahmen der Landesregierung so vorschreiben.

Aber Roswitha Kus ist mit Ideenreichtum gesegnet. „Ich habe mir überlegt, wie ich den Kindern trotzdem eine Freude bereiten kann“, erzählt sie. „Da bin ich auf den Gedanken gekommen, Märchen am Telefon vorzulesen.“ Das soll schon ab heute möglich sein. Sie wird ab sofort jeden Tag in der Zeit von 16 bis 17 Uhr für die Kinder erreichbar sein. Das gilt übrigens auch für das Wochenende.

„Damit will ich den Kindern eine wenig Freude schenken und vielleicht auch die Eltern ein wenig entlasten.“

„Damit will ich den Kindern eine wenig Freude schenken und vielleicht auch die Eltern ein wenig entlasten“, erläutert sie. „So ein wenig Abwechslung in der derzeitigen Situation ist vielleicht nicht schlecht und ich mache das wirklich gern.“ Interessierte Eltern können sich also ab sofort bei Roswitha Kus melden und eine entsprechende Voranmeldung tätigen. Aber auch spontane Anrufe zu der genannten Zeit sind möglich.

„Die Telefone haben heutzutage eine entsprechende Lautsprecherfunktion“, sagt die Rentnerin. „Da könnten am anderen Ende gleich mehrere Kinder eines Haushalts bequem zuhören, denke ich.“ Das Angebot werde sie so lange aufrecht erhalten, wie die Vorgaben der Landesregierung gelten.

Die Idee ist auch dem Gemeinde-Bürgermeister Frank Nase (CDU) zu Ohren gekommen. „Das ist eine sehr gute Sache“, sagt er. „Somit wäre nicht nur den Kindern geholfen, sondern auch den Eltern, die derzeit zu Hause bleiben müssen. Für die Länge eines Märchens könnten sie einmal durchatmen. Das hilft schon viel.“ Nase denkt aber gleich noch weiter, er will die Aktion entsprechend unterstützen. „Die Initiative ist begrüßenswert und sollte aber noch etwas ausgebaut werden“, fügt er hinzu. „Wir werden Frau Kus unterstützen, indem wir eine Aufnahme anfertigen.“ Diese solle auf der Internetseite der Gemeinde Barleben für die Bürger verfügbar gemacht werden. „Wir werden das zeitnah in Angriff nehmen“, versichert Nase. „In den Zeiten der modernen Medien sind viele Menschen in der Lage diesen weiteren Service zu nutzen.“

Roswitha Kus ist von dem Vorschlag begeistert und will sich nun zeitnah beim Bürgermeister melden. „Das ist mehr, als ich mir von der Sache erhofft habe“, sagt sie. „Das Angebot nehme ich gern an. Die Märchen am Telefon biete ich natürlich außerdem an.“ Die Kinder sollen auch dabei die enstprechenden Geschichten auswählen können.

Das Prozedere bei den Vorlesungen, die sie für gewöhnlich anbietet, sieht das nämlich vor. So wählen die Mädchen an ungeraden Tagen die Geschichten aus – und die handeln dann meist von Prinzessinnen. An geraden Tagen dürfen die Jungen die Themen vorschlagen. Da steht dann oft der böse Wolf im Mittelpunkt. Gemeinsam können sich alle oft auf Hänsel und Gretel einigen, denn ihre eventuell vorhandenen Geschwister mögen die Kinder offensichtlich gern, schätzt die Märchenoma ein.

„Es kommen aber auch wieder bessere Zeiten. Dann wird das gesellschaftliche Leben wieder erwachen.“

Eine besondere Freude seien für sie natürlich die persönlichen Begegnungen mit den Kindern und Eltern über die Jahre geworden. „Man sieht sich ja nicht nur bei den Vorleseterminen“, sagt sie. „Wenn ich mit meinem Mann einfach einmal Spazieren gehe und die Leute freundlich grüßen, dann ist das schon schön.“ So erkennen sie inzwischen Kinder und Jugendliche als ihre Märchenoma auf der Straße in Barleben wieder.

Die gelernte Diplom-Betriebswirtin ist ganz froh, dass sie weiter aktiv sein kann. Die weitere ehrenamtliche Tätigkeit muss nämlich erst einmal ruhen. Seit elf Jahren ist Roswitha Kus Leiterin der Selbsthilfegruppe für die Diabetiker, die in den Räumen des Mehrgenerationenzentrums heimisch ist. „Außerdem bin ich das älteste aktive Mitglied im Chor Concordia“, sagt sie. Sie organisiert zudem den Apothekenlauf, der ebenfalls pausieren muss. Ins Leben gerufen hat die Aktion im Jahr 2009 der Apotheker Ulrich Korn. „Es kommen aber auch wieder bessere Zeiten“, sagt die Barleberin. „Dann wird das gesellschaftliche Leben wieder erwachen.“

Kontakt unter Telefon 039203/5841