Wolmirstedt l Carin Oelze weiß, wo sie klingeln kann. Die 83-Jährige geht von Haus zu Haus und sammelt Spenden für die Volkssolidarität. Viele Türen stehen ihr offen. „Die Leute wissen längst, wer ich bin“, lacht sie.

Die Volkssolidarität setzt auf Haus- und Straßensammlungen, die jedes Jahr im September und Oktober angesetzt sind. Doch ist es noch zeitgemäß, an Haustüren um Spenden zu bitten? Michael Bremer ist Vorsitzender des sachsen-anhaltinischen Landesverbandes der Volkssolidarität und steht zu dieser Sammelaktion: „Wir versuchen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um Geld zu bekommen.“ Landesweit kommt dadurch eine sechsstellige Summe zusammen. Und zwar konstant. „Es hat noch keinen Einbruch gegeben“, sagt Michael Bremer. Die Summe bewegt sich Jahr für Jahr im selben Bereich.

Mehr Aufmerksamkeit durch Spendenaktionen

Das Deutsche Rote Kreuz hat vor Jahren ebenfalls an den Haustüren um Spenden gebeten, aber inzwischen weitgehend davon Abstand genommen. „Wir haben andere Formen gefunden, Spenden zu sammeln“, sagt Geschäftsführer Ralf Kürbis. Aktionen, wie ein Spendenschwimmen, haben weit mehr eingebracht und außerdem mehr Aufmerksamkeit auf das Deutsche Rote Kreuz gelenkt.

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Beim Spendenschwimmen haben unter anderem Unternehmen Teams zusammengestellt und für jede geschwommene Bahn einen im Vorfeld festgelegten Preis gezahlt. Viele haben am Ende sogar noch etwas draufgepackt, hat das DRK erfahren. Im nächsten Jahr soll die Aktion wiederholt werden.

Wie die Volkssolidarität, ist auch das DRK ist auf Mitgliedsbeiträge und regelmäßige Spenden angewiesen, um Kinder- und Jugendarbeit, Sozialarbeit, Bereitschaftsdienst oder die Arbeit der Wasserwacht zu gewährleisten. Wer bei Veranstaltungen oder Online spenden möchte, ist gerne gesehen. „Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen inzwischen am liebsten für spezielle Projekte spenden“, sagt DRK-Geschäftsführer Ralf Kürbis.

Die Volkssolidarität widmet sich vor allem der Betreuung älterer Menschen. Zum einen arbeitet sie als Pflegedienst, zum anderen schafft sie den Raum für soziale Kontakte. In Wolmirstedt gibt es eine Begegnungsstätte in der Burgstraße, die den Bedürfnissen der Senioren allerdings nur wenig entspricht. Sie ist nur über Treppen erreichbar, innen zerstückeln Holzbalken den Raum. Größere Veranstaltungen sind kaum unterzubringen. „Wir sind auf der Suche nach einer neuen Begegnungsstätte“, sagt Martina Richter, die für den Regionalverband Ohre-Börde zuständig ist.

Volkssolidarität ermöglicht soziales Leben

Trotzdem: Es gibt Angebote, die gerne von Senioren genutzt werden. Die Stuhlgymnastik mit Beate Tröster gibt es seit 15 Jahren, es werden Weihnachten, Ostern und der Sommer gefeiert, es gibt einen Seniorenchor. Der sucht allerdings händeringend nach einem neuen Chorleiter. Und es gibt Reisen, die zumeist von Carin Oelze organisiert werden. Dafür steigt auch Helmut Jeschke mit seiner Frau gern in den Bus.

Der 86-jährige Wolmirstedter wunderte sich nicht, als Carin Oelze an seiner Tür klingelte und um Spenden bat. Sie kommt jedes Jahr, Helmut Jeschke gibt jedes Jahr. Er ist Mitglied der Volkssolidarität, die Angebote ermöglichen ihm und seiner Frau, unkompliziert soziale Kontakte zu pflegen. Erst gestern sind sie in die Dübener Heide gereist.

Dennoch: Carin Oelze klingelt nicht überall. Im Laufe der Zeit hat sie viele Kontakte geknüpft, geht vorrangig in die Straßen, in denen das Wohlwollen der Bewohner gewiss ist. „Diejenigen, die spenden, haben oft eine Beziehung zur Volkssolidarität“, weiß sie, „entweder, weil die Eltern oder Großeltern immer dazugehört haben oder weil sie selbst unsere Angebote nutzen.“ Straßenzüge, in denen die Türen verschlossen bleiben oder Menschen ungehalten reagieren, meidet sie.

Volkssolidarität finanziert sich selbst

Vorstandsvorsitzender Michael Bremer kennt den Trend, dass Menschen oft bei denen sammeln, die sie kennen. Und: „Das Personal, das noch sammeln geht, wird immer älter.“ Wie die Zukunft aussieht? Bremer vertraut, dass es weitergeht. Die Volkssolidarität finanziert sich selbst. Das Geld wird mit der Arbeit der Pflegedienste verdient, durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, drei Euro im Monat.

In Wolmirstedt sind aktuell von 11.861 Einwohnern 7757 über 60 Jahre alt. Das sind etwa 65 Prozent. Ein gesonderter „Topf“ für Seniorenarbeit steht nicht zur Verfügung. Ältere Menschen profitieren von dem, was in Sport und Kultur gesteckt wird. Darüber hinaus gibt ein Budget für Alters- und Ehejubiläen.

Wenn die Sammlerinnen von der Volkssolidarität an der Tür klingeln, wird Helmut Jeschke weiterhin die Tür öffnen,. „Für jemanden, der so eine Aufgabe übernimmt, wäre es ja eine missmutige Angelegenheit, wenn keiner aufmacht.“