Wolmirstedt l Gesundheit und Alter, zwei Schlagworte, mit denen sich Experten im November in Wolmirstedt beschäftigen wollen. Ziel ist es, die soziale Teilhabe älterer Menschen im ländlichen Raum zu verbessern, damit das Wohlbefinden zu steigern, Gesundheit zu erhalten. „Wir erleben es oft“, sagt der Hausarzt Ulrich Apel, „dass sich Menschen, die aus dem Berufsleben ausscheiden, zurückziehen.“ Die Folgen sind mitunter erheblich: Depressionen oder steigendes Körpergewicht greifen die Gesundheit an. „Deshalb sei es gerade im ländlichen Raum wichtig, die Mobilität zu erhalten.“ Begriffe wie Mobilitätsstrategien und Car-Sharing fallen. Letzteres bedeutet, über Angebote, sich ein Auto zu teilen, nachzudenken. Ziel solcher Ideen ist, dass auch Menschen, die auf Dörfern leben, Einkaufsmöglichkeiten oder Ärzte erreichen, an Sport- und Kulturveranstaltungen teilnehmen können.

Wolmirstedt Gastgeber für Aktionswoche

Gesundheit und Alter - in Sachsen-Anhalt gibt es offenbar viele Projekte, die sich mit diesem Thema beschäftigen. „Die wollen wir identifizieren und vernetzen“, erklärt Sylvia Lietz vom Kompetenzzentrum Soziale Innovation Sachsen-Anhalt. Sie war am Montag im Rathaus zu Gast, denn Wolmirstedt hat gute Lösungen für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum entwickelt. Die sollen im November im Rahmen der „Aktionswoche Gesundheit“ in Wolmirstedt vorgestellt werden. Das Kompetenzzentrum möchte dazu Gesundheitsexperten aus Sachsen-Anhalt, Vertreter von Initiativen und Politiker hierher eingeladen, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die Stadt hat vor allem durch das Port-Projekt von sich reden gemacht. Port steht für Patientenorientierte Primär- und Langzeitversorgung, die Konzeptionsphase wurde von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt. Das Projekt wurde nicht weitergeführt, daraus hervorgegangen ist der Verein „Gesundheit für Wolmirstedt“. Vorsitzender ist der Hausarzt Ulrich Apel, Stellvertreter Bürgermeister Martin Stichnoth.

In diesem Verein sind unter anderem Apotheker, das DRK, das Bodelschwingh-Haus, Wohnungsgesellschaften und Sportvereine organisiert. Sie alle haben gemeinsam, dass sie dazu beitragen, dass Menschen gesund bleiben oder werden.

Das große Zauberwort des Vereins ist die Netzwerkarbeit. Die soll dem Wohl der Patienten dienen, unter anderem, damit sie schneller von Physiotherapeuten, Sportangeboten oder Ähnlichem erfahren. „Die Netzwerkarbeit läuft bisher eher im Hintergrund“, räumt Martin Stichnoth ein, „ich wünsche mir noch viel mehr Engagement.“

Der Verein ist bisher mit einzelnen Veranstaltungen öffentlich in Erscheinung getreten. Unter anderem wurde ein Stammtisch für die medizinischen Fachangestellten der Praxen niedergelassener Ärzte organisiert, außerdem wollten Mitarbeiter der Magdeburger Universität von Bürgern wissen, wie sie im Alter leben wollen. Großen Anklang fand ein Vortrag über die Sterbebegleitung.

Trend zur Individualisierung hat Folgen

Ein Anfang ist also gemacht und dass die Ideen weiterverfolgt werden, hofft auch die stellvertretende Bürgermeisterin Marlies Cassuhn. „Es gab in der Gesellschaft lange den Trend zur Individualisierung im großen Maßstab“, sagt sie, „jetzt erleben wir die Folgen.“ Eine davon ist die Isolation. „Die soziale Komponente ist eben doch wichtig“, betont Marlies Cassuhn.

Zur Besuchergruppe im Rathaus gehörte auch Professor Sue Pullon aus Neuseeland. Sie lehrt an der Universität Otago und ist seit 30 Jahren als Hausärztin tätig. Sie hielt an der Magdeburger Universität einen Vortrag, nutzte aber auch die Gelegenheit für einen Besuch in Wolmirstedt. „Ich interessiere mich, wie hier Ärzte, Schwestern, Physiotherapeuten und Palliativmediziner zusammenarbeiten“, sagt sie. In Neuseeland gebe es prozentual mehr Allgemeinmediziner, sie arbeiten in Praxen zusammen, in denen fünf bis sieben Allgemeinmediziner tätig sind. Da Neuseeland nicht überall dicht besiedelt ist, fahren einige Ärzte dieser Praxen regelmäßig in die Fläche. Auch dort ist die Mobilität also offenbar ein wichtiges Thema.

Die Mitglieder des Vereins „Gesundheit für Wolmirstedt“ arbeiten ehrenamtlich, stehen mitten im Berufsleben. Damit die Netzwerkarbeit Früchte trägt und auch die Bevölkerung deutlicher davon profitiert, wünscht sich Marlies Cassuhn, dass es einen Stadt- und/oder Sozialmanager gibt, ein kreatives Organisationstalent für Gesundheit und Soziales. „Leider ist das zurzeit nicht realisierbar.“ Für so eine Stelle fehlt das Geld.